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Revolutionäre, wo seid ihr geblieben?

»Die Erinnerung an die Friedliche Revolution verträgt keine Anbetung«, sagt der Publizist und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer. »Wir waren keine Helden, wir hatten Angst. Dass aus dieser Angst eine Revolution werden konnte, ist die Geschichte, die es zu erzählen lohnt. Denn heute brauchen wir sie wieder so dringend: Revolutionäre für die Demokratie.« Schorlemmers emphatischer Essay zum 9. Oktober – und unser Titel in der aktuellen Ausgabe von Publik-Forum
von Friedrich Schorlemmer vom 08.10.2014
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Leipzig, 17. Oktober 1989: Mehr als 100.000 Menschen protestieren an diesem Tag gegen die SED-Diktatur. Massendemonstrationen nach den Friedensgebeten prägen Leipzig und andere DDR-Städte bis zum Mauerfall im November.
Leipzig, 17. Oktober 1989: Mehr als 100.000 Menschen protestieren an diesem Tag gegen die SED-Diktatur. Massendemonstrationen nach den Friedensgebeten prägen Leipzig und andere DDR-Städte bis zum Mauerfall im November.

Die älter werdende Generation steht stets in der Gefahr, den Jüngeren ein mäkliges »So nicht!« zuzurufen und sie mit der Keule eigener Lebenserfahrung zu traktieren. Wer den Kindern und Enkeln vorwirft, was sie nicht tun, aber dringend tun müssten, nimmt wohl seine eigene Sicht auf die Welt zu wichtig. Ich frage mich oft: Was heißt das für das Erbe der Friedlichen Revolution?

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Die »Generation ’89« muss sich davor hüten, nachfolgenden Generationen immer wieder dieselben Heldengeschichten vom mutigen Aufbruch und den Schrecken der Stasi zu erzählen. Stattdessen wäre es nötig, ehrlich zu sagen, wie oft wir resigniert waren, wie oft wir schwiegen, wo wir hätten reden sollen. Und wie sehr uns die Angst trieb, unangenehme Konsequenzen tragen zu müssen und zugleich nichts zu erreichen. Außerdem bewegte uns die Perspektive »Abhauen« statt »Widerstand leisten«. Abertausende verließen denn auch das Land mit der Erwartung eines materiell besseren Lebens.

Die Diktatur produzierte viel Anpassung. Nun sind wir alle im Reich der westlichen Freiheit, die nach ganz eigenen Anpassungsmechanismen funktioniert. Da begegnen einem neue: zum Beispiel der Mechanismus, am besten für nichts zu stehen, um allen gefallen zu können. Elegante Schnellaufsteiger, junge, geschmeidig auftretenden Glattgesichter in Nadelstreifen, verharren da gern in vornehmer Distanz zu all den Welt-Problemen, die andere unglücklich, wütend, traurig und widerständig machen. Party feiern, sich entspannt hinsetzen, statt sich mühevoll für andere einzusetzen: Das ist ihr Credo. Natürlich, der Job ist wichtig, das Geld ein Lebensthema. Und so wird schon mal ein jugendlicher abgewählter Gesundheitsminister zum Lobbyisten bei der Allianz.

Anpassung hat auch ein resignatives Gesicht. »Was kann ich schon ändern? Ist doch sowieso ganz egal, wer regiert! Warum soll ich da wählen gehen? Wieso soll ich mich für irgendwas engagieren? Was hätte ich denn davon?« Es sind nicht nur Junge, sondern viele Ältere, die sich in ihre kleine Privatwelt zurückgezogen haben. Die nichts mehr wollen, nichts mehr fordern, aber eine Meckerkultur pflegen, die den Geist der Freiheit zerstört.

Wo sind die Ziele, die lohnen, begeistern, überzeugen, mitreißen? In Zeiten der sich anbahnenden Klima-Katastrophe, der Drohnen-Kriege und entpersonalisierten NSA-Bespitzelung sind sie, zugegeben, nicht leicht zu finden. Doch eine ziellose Gesellschaft, die nicht nach ihrem Mehr-Wert fragt, wird ausgehöhlt.

Da lassen wir in einem reichen Land und einem vereinigten Europa zu, dass junge, gut ausgebildete oder mit gutem Erfolg studierte Leute sich am Anfang ihres Berufsweges als Nichtgebrauchte, als von niemandem Erwartete vorkommen. Arbeit als Verantwortung und als Sinnbeschaffung, als Verbindlichkeit und als Kreativität, als Last, Lust und Stolz brauchen diese jungen Leute! Und wir brauchen sie als wirklich Gebrauchte ...

Was heute fehlt und was nötig ist, um das Erbe der friedlichen Revolutionäre weiterzutragen – und was uns vor 25 Jahren nicht gelang: Lesen Sie mehr in der aktuellen Ausgabe von Publik-Forum! Dazu: Interview mit Robert Schachtschneider aus der Dritten Generation Ost. Und: Ruth Misselwitz über die »unerledigte Revolution«.

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Personalaudioinformationstext:   Friedrich Schorlemmer, geboren 1944 in Wittenberge, evangelischer Theologe und Publizist, war einer der Vordenker der Friedlichen Revolution. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen für sein Engagement und seine Essays zu Friedens- und Konfliktfragen. Sie können Schorlemmers vollständigen Text schon vor Erscheinen des Heftes online lesen: Nutzen Sie dazu unseren Online-Premiumzugang, vier Wochen lang kostenlos. Sie können den Text auch kommentieren und mit anderen in den sozialen Netzwerken teilen. Sie sind interessiert an einem Abo der Printausgabe? Testen Sie hier unser Publik-Forum Miniabo!
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