»Sie war im Konzentrationslager«
Schnellen Schrittes geht die Dame unweit des Zentrums von Odessa ungefähr vierzig Meter vor mir nach Hause. In der linken Hand hat sie eine schwere Tasche mit Kartoffeln, den Inhalt ihrer rechten Tasche kann ich aus dieser Entfernung nicht erkennen. Ich glaube, ich könnte sie nicht einholen, sie geht sehr schnell, schneller als ich.
Anja ruft an. Mit Anja unterhalte ich mich meistens auf deutsch. Lange dauert das Gespräch nicht, ich kann mich auch kaum darauf konzentrieren. Denn vor mir passiert etwas. Es sieht so aus, als sei irgend etwas in der Dame, die noch eben so schnellen und sicheren Schrittes nach Hause ging, gebrochen. Eine ihrer Taschen fällt fast zu Boden, sie wirkt sehr unsicher, sieht sich nach beiden Richtungen und nach hinten in meine Richtung um, geht nur noch in Tippelschritten voran.
Und so hole ich sie dann doch noch ein. Wie ich zum Überholen ansetze, spricht sie mich mit ihren blauen Augen an: »Where are you from?« Ich antworte ihr, dass ich aus Deutschland komme. Sofort erzählt sie mir in fließendem Englisch aus ihrem Leben, berichtet, dass ihr Mann vor sechs Jahren gestorben sei, dass die Preise immer mehr nach oben gingen, dass sie Sprachen studiere, ihr ganzes Leben als Bäckerin gearbeitet habe. Von Deutschland wisse sie einiges. Ihre Mutter habe mehrere Jahre dort gelebt, in der Nähe von Frankfurt. »Sehr interessant«, erwidere ich. »Frankfurt ist ja auch eine wichtige Stadt. Und was hat sie dort gemacht?«, will ich wissen. »Sie war im Konzentrationslager.«
Und da hat sie mich wieder eingeholt, unsere hässliche Vergangenheit, in der Stadt der Ukraine, die wohl wie keine andere vom jüdischen Leben so sehr geprägt ist, dass sich sogar die Sprache vielfach an das Jiddische anpasst. Ich weiß gar nicht, was ich ihr erwidern soll, aber da fährt sie schon fort, weiter aus ihrem Leben zu berichten, will mir offensichtlich die Peinlichkeit ersparen, etwas wie »tut mir leid« sagen zu müssen. Und schon biegt sie in eine Seitenstraße. Wieder geht sie schneller. Und entschwindet meinem Blick.
Ja, die Schrecken, die auf das Konto der Deutschen während des Zweiten Weltkrieges gehen, haben wir fast schon ausgeblendet. Jeder weiß, was in Auschwitz war, aber von Babij Jar bei Kiew, wo mehrere Tausend Juden erschossen wurden, hat kaum jemand Vorstellungen. Und kaum einer weiß, dass die Ukraine während des Krieges zu hundert Prozent von den Deutschen besetzt war.
Telefonat mit Jenakiewo
»Flugzeuge, Flugzeuge, Flugzeuge. Ich habe sogar ein Flugzeug mit Phosphor-Bomben gesehen. Donezk wird bombardiert, non-stop. Weitere Nachrichten gibt es nicht…………«
In Gorlovka haben Frauen Männer der »Volksrepublik« angegriffen. »Wenn ihr nicht wärt, würden die Ukrainer uns auch nicht bombardieren!«, rufen die wütenden Frauen.
Der Taxifahrer
»Es ist ruhig hier, falls man ein Leben auf einem Pulverfass überhaupt als ruhig bezeichnen kann. Furcht habe ich keine. Die Menschen gehen zur Arbeit, baden im Meer. Nur Touristen kommen dieses Jahr nicht, sie haben Angst.«
Steuervermeidung
Nein, Steuern zahle er schon lange nicht mehr, meint Sergej. Er arbeitet bei der Kirche, ist als Hausmeister für die ganzen technischen Belange zuständig. Und wenn mal ein Computer ausfällt, ruft man auch nach ihm. Ja, aber die Kirche müsste ihm doch Lohn überweisen und dabei würde doch jedes Finanzamt merken, dass von diesen Überweisungen überhaupt nichts beim Finanzamt ankommt, merke ich an. »Nun, als gläubiger Christ spende ich der Kirche meine Arbeitskraft und sie wiederum spendet mir einen kleinen Teil aus ihrem Spendentopf.« So wenig wird das nicht sein. Kaum jemand kann sich in Odessa einen Wagen mit Allradantrieb leisten, wie Sergej das kann.
Aber auch wer nicht bei der Kirche arbeitet, weiß, wie man Steuern sparen kann. Jeder erhält nur eine Minimalsumme vom Arbeitgeber überwiesen, der Rest wird diskret in einem Umschlag übergeben.
Nadja, Verkäuferin aus Jenakiewo (am Telefon)
»Jeden Morgen verlässt ein Bus voller Menschen unsere Stadt Richtung Russland. Es wird leer hier. Wer kann, flieht. Ich kann hier nicht mehr leben, ich kann hier nichts mehr verkaufen. Das einzige, was sich hier noch verkaufen lässt, sind Taschen, Klebeband und Kerzen.«
