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SOS aus Idomeni

Seit fünf Jahren engagiert sich Dorothee Vakalis für Flüchtlinge im Norden Griechenlands. Doch was nun in dem völlig überfüllten Flüchtlingslager Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze geschieht, übertrifft alles bisher Dagewesene. Ein Erfahrungsbericht – und ein Hilferuf
von Dorothee Vakalis vom 09.03.2016
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Tausende Flüchtlinge warten in Idomeni, am Grenzübergang von Griechenland nach Mazedonien, auf ihre Weiterreise gen Norden. Mindestens vierzig Prozent von ihnen sind Kinder (Foto: pa/abaca/Romano Ivan).
Tausende Flüchtlinge warten in Idomeni, am Grenzübergang von Griechenland nach Mazedonien, auf ihre Weiterreise gen Norden. Mindestens vierzig Prozent von ihnen sind Kinder (Foto: pa/abaca/Romano Ivan).

Seit Monaten geschehen in Idomeni Dinge, die einem Verbrechen nahekommen. Aber lange Zeit hat das die deutschen und europäischen Medien nicht interessiert. Erst jetzt, da Mazedonien die Grenze fast geschlossen hat, sickert durch, was hier eigentlich passiert. Wer immer beschließt und durchsetzt, dass Grenzen in und um Europa für Flüchtlinge geschlossen werden, sieht nicht die Tränen in den Augen der Kinder. Hört nicht, wie sie vor Kälte weinen. Flüchtlinge harren in der Eiseskälte aus, sie kommen ohne wärmende Kleidung, oftmals in Plastik-Sandalen. Kinder lassen sich nicht anfassen, wenn sie vor Kälte erstarrt sind, bei jeder Berührung Schmerz empfinden. Ich denke an meine behüteten Enkeltöchter und es zerreißt mir fast das Herz.

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Inzwischen sind über 14 000 Menschen hier an der Grenze gestrandet. Und täglich werden es mehr. Das Lager ist aber nur für 4000 Menschen ausgelegt. Schnell hat man vor wenigen Tagen noch einige Großzelte für rund eintausend Menschen aufgestellt. Viele campieren auch in kleinen Zelten auf den umliegenden Feldern; Hunderte liegen sogar unter Bäumen im Freien. Aber das ist mit dem derzeitigen Wetter kaum noch länger zu ertragen. Es hat in den letzten Tagen immer wieder geregnet, vor allem nachts. Kinder spielen in den Pfützen. Wenigstens tagsüber wärmt die Sonne ein wenig und trocknet die Kleider. Vierzig Prozent sind Kinder hier, manche sind erst wenige Monate alt. Schulkinder und unbegleitete Jugendliche tollen herum und seit Journalisten von überall her seit ein paar Tagen hier sind, spielen manche der Kinder »Reporter« mit imaginären Kameras.

Seit fünf Jahren engagiere ich mich in der Ökumenischen Werkstatt Naomi im Zentrum von Thessaloniki. Wir kümmern uns besonders um die Frauen und Kinder unter den Flüchtlingen. In den Räumen unserer Werkstatt werden Nähgruppen, Sprachkurse und eine kleine Produktion zusammen mit Flüchtlingen organisiert. Wir wollen ihnen dadurch die Möglichkeit geben, selbst etwas zu tun und sich den einen oder anderen Euro zu verdienen. Vor allem aber engagiert sich Naomi zusammen mit anderen griechischen Organisationen und den Kirchen in einer Solidaritätsküche an der Grenze in Idomeni. Wir kochen jeden Tag rund 4000 Portionen Essen, verpacken es und verteilen es. Die internationalen Hilfsorganisationen waren erst einmal skeptisch. »Könnt ihr wirklich so große Mengen bewältigen?«, fragten sie uns. »Und werden auch Hygienevorschriften eingehalten?«

Nicht für Flüchtlinge kochen, sondern mit ihnen

Die Flüchtlinge reißen sich darum, mitzumachen und zu helfen. Sie putzen riesige Mengen Gemüse, schneiden stundenlang Zwiebeln, waschen ab, und vor allem organisieren sie die Verteilung untereinander. Oft gibt es Reis mit Gemüse, Linsen oder Makkaroni mit Sauce, Gerichte mit duftenden Gewürzen nach Rezepten aus ihren Heimatländern. Ein Übersetzer hilft uns, ihre bewegenden Geschichten zu verstehen. Dann stehen da 4000 Menschen geduldig in einer langen Schlage und warten, bis sie ihre Portion in Empfang nehmen können. Unser Koch Babis rief einem der vielen deutschen Reporter neulich zu: »Erzähl den Deutschen, was für tolle Menschen du in Idomeni getroffen hast. Sag ihnen, dass sie keine Angst vor Flüchtlingen haben müssen!«

Das Bild hat sich in den letzten Wochen geändert, nun sehe ich vor allem Familien mit Kindern in Idomeni. Immer wieder treffe ich auch alte Menschen und Behinderte; einige sitzen im Rollstuhl. Manche sind schon 14 Tage hier, und alle leben von der Hoffnung, doch noch irgendwie weiterzukommen. Ich schäme mich fast, mit wie viel Dankbarkeit und Neugierde die Menschen auf uns zukommen. Uns geht es so gut, wir können uns abends nach einem anstrengenden Tag in Idomeni einfach in die Badewanne legen... Ich bewundere die vielen Menschen da draußen auf den nackten Feldern. Lebenstüchtig, einfallsreich und widerstandskräftig kommen sie mir vor.

Doch dann sehe ich eine junge Mutter, die schluchzt. Tränen laufen ihr über die Wangen, fragend sieht sie mich an. Und ich denke an die anderen, die ich hier kennengelernt habe. Den Arzt aus Homs, der eine Privatklinik hatte und nun auf der Flucht ist. Die alleinreisende 19-Jährige, die von Schleusern ausgeraubt und bedroht wurde. Die junge Schwangere aus dem Irak – eine Jesidin – die wegen Panikattacken ins Krankenhaus musste. Die Familie aus Afghanistan mit dem kranken Kind. Einen Iraner, der an Multiple Sklerose leidet und von mazedonischen Polizeikräften brutal zusammengeschlagen worden war.

Selbst Babywindeln werden kontrolliert

Hundertausende sind im vergangenen Jahr durch das Nadelöhr Idomeni gezogen, aber es hat niemanden interessiert. Wer weiß schon von den Ereignissen vom 9. Dezember 2015? An diesem Tag wurde das Camp von Polizei-Sondereinheiten gewaltsam geräumt. Es gab sie, die großen, beheizbaren Zelte, die Toiletten und Duschen – aber die Flüchtlinge durften nicht mehr dorthin. Stattdessen sollten sie schnell weiter und wurden mit Bussen dicht an die mit Nato-Stacheldraht verbarrikadierte Grenze gefahren. Wir Freiwilligen wurden in unserer Arbeit massiv behindert. Cecile aus dem Kleiderzelt nebenan erzählte mir: »Es kommen immer wieder Menschen an, die nicht mal Strümpfe tragen. Sie haben seit Tagen ihre Unterwäsche nicht wechseln können. Viele haben weder Mützen noch warme Jacken. Wir könnten ihnen das alles geben, unsere Lager sind voll von Kleiderspenden. Aber man lässt uns nicht ran an die Menschen.«

Und jetzt? In diesen Tagen legen die Grenzschützer auf der anderen Seite immer schärfere Kriterien an, wer weiter darf und wer nicht. Afghanen haben keine Chance mehr, weiterzukommen. Syrer aus Aleppo kommen durch, die aus Damaskus nicht. Auch wer angibt, Familie in Deutschland zu haben, hat Pech. Und wer einen türkischen Stempel im Pass hat, muss ebenfalls bleiben, denn die Türkei gilt als sicherer Drittstaat. Wenn die Menschen ihre Identitätskarten vorzeigen, misstrauen die Beamten ihnen und suchen alles durch – bis zu den Windeln der Babys. Ständig rücken mazedonische Hubschrauber mit Verstärkung an, ganz so, als ob der Angriff einer Terrororganisation bevorstünde. Männer, die für die Öffnung der Grenze demonstrierten, werden nach legalem Grenzübertritt von den mazedonischen Grenzschützern verprügelt. Schäferhunde werden auf Menschen gehetzt. Wir brauchen hier dringend unabhängige Beobachter zur Einhaltung der Menschenrechte!

Das reiche Europa ist darauf ausgerichtet, Flüchtlinge abzuwehren. In Griechenland sollen sie also bleiben, und in der Türkei. Aber in Griechenland sind bereits mehr als 40 000 Flüchtlinge – in einem krisengeschüttelten Staat mit heruntergefahrenem Sozialhaushalt, Krankenhäusern, denen Medikamente und andere Hilfsmittel fehlen, Schulkindern, die ohne Frühstück in die Schule gehen. Und täglich kommen mehr Flüchtlinge über das Meer. Dass hier nicht längst wie in Deutschland Flüchtlingsheime brennen, wundert manche.

Der Staat ist abwesend, die Griechen sind da und helfen

Die griechische Bevölkerung zeigt trotz eigener Nöte und Einschränkungen unglaublich viel Mitgefühl. Das kollektive Gedächtnis ist geprägt von Geschichten über Flucht, Kriege, Besatzungen, Diktaturen und Hungersnöte im vergangenen Jahrhundert. Und jetzt stehen die Griechen in der Wirtschaftskrise wieder auf der Seite der Verlierer. Da ist der Weg zu den Flüchtlingen nicht weit, man fühlt sich mit ihnen verbunden. Viele Griechen haben selbst nicht viel zu verlieren.

Hier hat es nie einen Sozialstaat gegeben. Nachbarschaften, Familienverbände, Kirchengemeinden und allen voran die Frauen waren und sind die tragenden Kräfte in der sozialen Fürsorge. Auch in Idomeni halten Freiwillige zu einem entscheidenden Anteil die Versorgung aufrecht. Die großen Nichtregierungsorganisationen kommen mir wie gelähmt vor. Sie kommen nicht hinterher mit der Arbeit, und der Staat ist in Idomeni abwesend. Die Solidarität der Menschen aber ist ungebrochen. Täglich bereiten Freiwilligenküchen über 10 000 Portionen warmes Essen zu. Andere Gruppen kochen in ihren Orten, viele Familien in ihren Häusern, und bringen es dann her. Heute kamen über dreißig Lastwagen und brachten Obst, Sandwiches, Wasserflaschen und Kleidung. Jeden Tag fahren unzählige Helferinnen und Helfer 75 Kilometern oder weiter mit dem Auto von Thessaloniki nach Idomeni.

Griechische Krankenhäuser und ein Ärztekollektiv leisten ebenfalls kostenlos Hilfe, aber alle wissen, dass es so nicht weitergehen kann. Das hält doch niemand aus! Krankheiten, Erkältungen, Verzweiflung und Wut liegen in der Luft. Die Freiwilligen, die sich nun schon seit Monaten engagieren, sind in vielen Fällen am Ende ihrer Kräfte. Sie bedrückt auch das Wissen, den Anforderungen nicht gerecht werden zu können. Zum Glück erfahren wir Hilfe aus Deutschland. Die Solidaritätsküche wird zum Beispiel durch Privatspenden über das Diakonische Werk Württemberg unterstützt.

In Idomeni wird es Abend, überall leuchten kleine Feuer auf, Rauch brennt in den Augen, denn Abfall und Plastik liegen in der Glut. Aber der goldene Schein um die Feuerstellen hat nichts mit romantischen Lagerfeuerabenden zu tun. Er kann uns allen das Wissen von einer Katastrophe nicht nehmen.

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Personalaudioinformationstext:   Dorothee Vakalis leitet »Naomi«, die Ökumenische Werkstatt mit Flüchtlingen. Vakalis lebt seit 1974 in Thessaloniki und war dort mehr als dreißig Jahre lang Pfarrerin der Evangelischen Kirche deutscher Sprache.
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