Afghanistan
Taliban 2.0
Der rote Nagellack sticht sofort ins Auge. Shkula Zadran, 26, sitzt in ihrer Küche vor dem Computer, das dunkle lange Haar trägt sie offen, auf dem weißen T-Shirt prangt ein grafisch verfremdetes Frauengesicht: lange Wimpern, geschwungene schwarze Striche deuten Mund und Nase an. Dazu ihre eigenen rot lackierten Fingernägel. Eine junge, modebewusste Frau im Homeoffice. Kein ungewöhnlicher Anblick in diesen Zeiten. Doch Shkula Zadran lebt in Kabul, der Hauptstadt Afghanistans. Sie studiert dort an einer Privatuniversität Internationale Beziehungen und arbeitete auch schon für ausländische Entwicklungsorganisationen. Ob sie in Zukunft wieder auf den Campus gehen kann oder in einem Büro sitzen wird, weiß sie nicht. Oder ob sie wieder mit ihrem Mann und Freunden ein Café besuchen kann. Im T-Shirt und mit offenen Haaren war das in Kabul zwar nie möglich: »Trotzdem waren das kleine Freiheiten, die wir genossen haben. Sie haben das Leben hier lebenswert gemacht.« Als Shkula Zadran das sagt, stehen die Taliban noch vor Kabul, ihr Sieg zeichnet sich aber schon ab. Inzwischen sind die radikalen Islamisten in die afghanische Hauptstadt eingezogen und es ist klar: Sie werden in Afghanistan zum zweiten Mal ein Emirat errichten.
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