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Urteile und Vorurteile

Terror und tägliche Todesangst: Ist die islamische Welt noch zu retten? Was uns Nizza und Istanbul lehren. Ein Kommentar von Britta Baas
von Britta Baas vom 20.07.2016
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Der Islam gerät in die Schieflage: Doch Europas Zivilgesellschaften geben Muslimen alle Chancen, jetzt auf die Straße zu gehen für Demokratie und einen freiheitlichen Islam. Völlig falsch, sich in diesen Zeiten hinter Moschee-Mauern zu verschanzen! (Foto: pa/CHROMORANGE/Martin Schroeder)
Der Islam gerät in die Schieflage: Doch Europas Zivilgesellschaften geben Muslimen alle Chancen, jetzt auf die Straße zu gehen für Demokratie und einen freiheitlichen Islam. Völlig falsch, sich in diesen Zeiten hinter Moschee-Mauern zu verschanzen! (Foto: pa/CHROMORANGE/Martin Schroeder)

Nein, sie müssen nicht um Entschuldigung bitten. Muslime weltweit sind nicht die Täter von Nizza. Sie fahren nicht mit einem Kühllaster in eine Menschenmenge. Sie erschießen keine Polizisten. Sie putschen auch nicht gegen einen türkischen Staatspräsidenten. Ebenso wenig lynchen sie Soldaten in dessen Namen. Sie sind keine islamistischen Terroristen. Sie sind keine Diktatoren. Sie sind keine Mörder. Sie haben nicht die falsche Religion.

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Muslime gehören zu Deutschland. Zu Frankreich. Und zur Türkei. Sie gehören noch zu vielen anderen Gesellschaften dieser Erde. Aber sie haben seit einiger Zeit ein großes Problem: Immer wieder tauchen Menschen auf, die im Namen des Islams die fürchterlichsten Verbrechen begehen. Es ist verdammt schwer, diese Verbrecher zu stoppen. Sie handeln wie Partisanen. Sie brauchen kein großes Kriegsgerät. Und sie hängen nicht an ihrem eigenen Leben. Märtyrer wird man in ihrer Ideologie, wenn man umkommt, während man Menschen tötet. Es ist pervers. Und es hat mit Religion zu tun.

In dem meisten Staaten des Nahen und Mittleren Ostens sowie Nordafrikas ist der Islam die vorherrschende Religion. Es sind Staaten, von denen die meisten eine koloniale Vergangenheit haben. Ihre Bewohner leben in dem Bewusstsein, dass ihre Vorfahren ausgebeutet, später irgendwann einfach abgehängt wurden von übermächtigen Europäern. Wirtschaftlich und politisch hatte das massive Folgen. Weitgehend unbeachtet sind die Folgen kultureller Natur: Der Niedergang der islamischen Welt wird von einer großen Zahl heutiger Muslime als schwere Kränkung empfunden. Auf der Suche nach einem Ausweg aus der Misere taucht der Islam als rettender Anker auf: jener Islam »der frühen Zeit«, wie es heißt, als die Welt noch in Ordnung, die Muslime noch erfolgreich, ihre Kultur anderen überlegen war. Es ist die Vision von einer besseren Zeit, die jene zum Fundamentalismus verführt, die entweder keine Chance sehen, im ganz normalen Leben erfolgreich und glücklich zu sein, oder die merken: Der Fundamentalismus gibt mir Macht.

»Der Impuls, unmittelbar auf die Frühzeit zurückzugreifen, liegt praktisch allen islamistischen Visionen zugrunde«, sagt der Jenaer Islamwissenschaftler Tilman Seidensticker. Und so berufen sich heute gerne all jene auf den ursprünglichen, wahren, von Gott geschenkten Islam, die mit seiner Hilfe ihre eigenen Interessen verfolgen wollen. Es ist eine breite Phalanx, die sich da formt. Und jene, die ihre Außenposten bilden, können sich untereinander gar nicht mal leiden: Auf der einen Seite sind es selbst ernannte Märtyrer für einen künftigen Gottesstaat. Auf der anderen Seite sind es Männer wie Erdogan, der seinen islamisch-demokratischen Staat stabilisieren will, indem er ihn, immer machtgieriger werdend, zu einem islamistischen formt.

Wer diese Entwicklung verfolgt, erkennt, dass es nicht ausreicht, wenn sich immer wieder intellektuelle Muslime und führende theologische Kreise zu Wort melden, um vor den Folgen des pervertierten politischen Islams zu warnen. Papiere sind genug geschrieben, Worte genug gesprochen. Danke, Ihr 120 islamischen Gelehrten aus aller Welt, für Euren scharfen Offenen Brief an IS-Führer Al-Baghdadi! Danke, Ihr Gelehrten aus Saudi-Arabien, Ägypten und Indonesien, die Ihr Euch vom Islamismus distanziert! Danke, Ihr hundert britischen Imame, die Ihr den IS eine Verbrecherbande nennt! Alles gut und wichtig.

Aber nun braucht die Welt mehr. Sie braucht eine Zivilgesellschaft, in der Musliminnen und Muslime gegen Islamismus und Gewalt aufstehen. Jene, die es im Arabischen Frühling taten, haben viel gegeben – und ihnen ist viel genommen worden. Nur in Tunesien ist die Hoffnung auf eine wirklich demokratische Gesellschaft geblieben. Andernorts bekämpfen sich säkularistische und islamistische Kräfte bis aufs Messer. Wer immer gerade die Oberhand hat: Demokratie herrscht nie.

Wie leicht hätten es da Muslime in Europa, ihre demokratische Freiheit zu nutzen und für einen freiheitlichen Islam auf die Straße zu gehen! Es ist nicht gut, sich in diesen Zeiten hinter Moschee-Mauern zu verschanzen. Wer möchte, dass seine Religion wertgeschätzt wird, muss zeigen, dass sie gesellschaftsfähig ist. Gerade jetzt wäre es wichtig, wenn man das sehen könnte. Demokratie und Religion passen zusammen. Das kann man zeigen. Man muss es sogar.

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Personalaudioinformationstext:   Britta Baas, Historikerin und Theologin, leitet das Ressort Publik-Forum.de
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