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Warum schlagen Männer zu?

Nach einer neuen Studie des Bundeskriminalamtes erlebten 2015 mehr als 120000 Menschen Gewalt in der Partnerschaft, mehr als 80 Prozent der Opfer sind Frauen. Die häusliche Gewalt ist dennoch zurückgegangen. Fragen dazu an den Kriminologen Christian Pfeiffer
von Eva-Maria Lerch vom 29.11.2016
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Der Kriminologe Christian Pfeiffer, ehemaliger Justizminister in Niedersachsen, bewertet die aktuelle Studie des Bundeskriminalamtes zur Gewalt in der Partnerschaft (Foto: pa/Hollemann)
Der Kriminologe Christian Pfeiffer, ehemaliger Justizminister in Niedersachsen, bewertet die aktuelle Studie des Bundeskriminalamtes zur Gewalt in der Partnerschaft (Foto: pa/Hollemann)

Publik-Forum: Herr Pfeiffer, in Deutschland werden immer mehr Fälle von häuslicher Gewalt angezeigt. Nach einer neuen Studie des Bundeskriminalamts wurden 2015 über 120 000 Menschen Opfer von Übergriffen durch Angehörige und Partner. Wieso nimmt die Gewalt in Beziehungen zu?

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Christian Pfeiffer: Halt! Das stimmt nicht. Die häusliche Gewalt in Deutschland ist seit 1992 stark zurückgegangen. Da gibt es eine höchst erfreuliche Entwicklung: Die Frauen haben mehr Power und werfen den Kerl heute viel eher aus der Wohnung, wenn er sie schlägt. Auch die Gewalt gegen Kinder hat abgenommen: So verzeichnen wir etwa eine drastische Abnahme der Ohrfeigen. Die Eltern setzen heute bei der Erziehung mehr auf Liebe, weniger auf Hiebe. Ich bin höchst begeistert, was sich da in den letzten zwanzig Jahren getan hat!

Wieso erfährt man davon so wenig?

Pfeiffer: Schlechte Nachrichten verkaufen sich immer besser als gute. Deshalb gelangen solche positiven Entwicklungen oft kaum in die Öffentlichkeit. Die privaten Fernsehsender beispielsweise berichten pausenlos von Gewalt in privaten Beziehungen, von Eifersucht und Mord und Totschlag. Da, wo diese Sender ständig laufen, hat man natürlich den Eindruck, dass man in einem bedrohlichen Umfeld lebt. Dazu passt der Begriff des »Postfaktischen«, der ja gerade in Mode ist ...

Aber nach der neuen BKA-Statistik werden doch immer mehr Fälle von häuslicher Gewalt angezeigt.

Pfeiffer: Gestiegen ist die Quote der Anzeigen – aber nicht die Zahl der Gewalttaten. Auch die höhere Bereitschaft zur Anzeige ist ein Zeichen, dass sich die Opfer heute eher zur Wehr setzen. Die Taten selbst aber gehen zurück: Nach den Längsschnittdaten – die immer auch die Dunkelziffer einkalkulieren – ist die Quote der Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt werden, seit 1992 von 26 auf 17 Prozent gesunken. In der neuen BKA-Statistik werden überdies auch Straftaten erfasst, die früher gar nicht geahnet wurden. Etwa das Stalking, das erst 2010 offiziell verboten wurde.

Nach wie vor werden 80 Prozent der Taten von Männern verübt. Wie kommt das?

Pfeiffer: Männer schlagen eher zu, wenn sie den Boden unter den Füßen verloren haben. Wenn sie keine Arbeit haben, wenn sie einsam sind, wenn die Partnerschaft zerbricht. Die beste Prophylaxe sind stabile Familien und sichere Arbeitsplätze. Wissen Sie, wann und wo es in Deutschland die meisten Vergewaltigungen gab? Das war in Heidelberg in den 1970er-Jahren, als dort viele einsame US-Soldaten stationiert waren. Leider hat die Politik daraus nicht gelernt.

Inwiefern?

Pfeiffer: Im letzten Jahr sind Tausende Männer aus Syrien in unser Land geflohen – und jetzt wird ihnen der Familiennachzug verweigert! Das ist aus kriminologischer Sicht das Falscheste, was man machen kann. Nur gemeinsam mit ihren Frauen und Kindern werden diese Männer bei uns Heimat finden und neuen Boden unter den Füßen gewinnen.

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Personalaudioinformationstext:   Christian Pfeiffer, geboren 1944, ist Kriminologe und ehemaliger Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. Von 2000 bis 2003 war er Justizminister in Niedersachsen.
Schlagwort: Häusliche Gewalt
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