Welche Geldanlage ist ethisch?
Es war 1985. Ich beobachtete als Journalist eine Kundgebung. Friedensbewegte demonstrierten gegen ein Unternehmen, das am idyllischen Bodensee Waffen für die ganze Welt produzierte. Plötzlich zeigte ein älterer Herr auf die Filiale einer lokalen Bank und fragte:»Finanzieren wir eigentlich mit unseren Ersparnisse, wogegen wir dann demonstrieren?« Ich sicher nicht, dachte ich, weil sich die Frage für mich mangels Masse nicht stellte. Noch nicht.
Doch etwa ein Jahr später war es so weit. Ich hatte etwas Geld übrig und brachte es brav zur Volksbank, wie es sich für einen »Ökonomen und Schwaben« gehört. Kaum war ich aus der Volksbank draußen, klopfte die verdammte Frage des Demonstranten wieder bei mir an. Zwar konnten sich die Diktatoren für meine paar Hundert D-Mark nicht viele Waffen kaufen, aber ich musste zugeben, dass die Volksbank bestimmte, was mit meinem Geld geschehen würde.
Direkte Demokratie in einer Bank
Dass es auch anders gehen könnte, erfuhr ich erst auf einem Treffen der »Freunde und Förderer der Ökobank«. Dort stellten sich nämlich alle die Frage des Demonstranten vom Bodensee. Und nicht nur dies: Alle wollten eine Bank gründen, bei der die Sparer/innen bestimmen können, wohin ihr Geld fließt. Am 2. Mai 1988 wurde die Utopie Wirklichkeit, die Ökobank öffnete ihre Pforten. Von diesem Tag an erlebte ich, dass auch in Banken direkte Demokratie möglich ist. Wohin soll Ihr Geld gehen? Darf es vielleicht ein Betrieb in der Hand von Frauen sein, Energie aus Wind und Sonne, ein Biohof oder ein selbstverwalteter Betrieb, ein Wohnprojekt für Ältere oder anderes? Was mir andere Banken nicht sagen wollten, konnte ich hier ankreuzen.
Seitdem begegne ich der Frage des Demonstranten von einst locker: Nein, meine Spargelder finanzieren nicht, wogegen ich demonstrieren würde. So viel ist sicher. Andererseits weiß ich aus Erfahrung auch, warum es so schnell wohl nicht zu einer großen gesellschaftlichen Bewegung für ethische Geldanlagen kommen wird.
Wenn es ums Geld geht, schweigen die meisten
Da ist zum einen das verquere Verhältnis vieler Deutscher zum Geld. Zunächst fällt ja auf, dass sie kaum darüber sprechen. Offen über Geld kann man eigentlich nur mit Unternehmen reden, die ständig damit zu tun haben. Bei den meisten anderen Menschen fange ich erst jetzt - nach zwanzig Jahren Beschäftigung mit dem Thema Geld - an zu verstehen, was sie innerlich bewegt, wenn die Rede aufs Geld kommt: Jene, die hartnäckig schweigen, haben entweder viel Geld und wollen nicht, dass dies jemand erfährt. Oder sie haben gar keines und schämen sich. Jene, die sich gern über hohe Gehälter von Fußballern und anderen Großverdienern beschweren und dabei auf die Armen verweisen, haben selbst genug Geld, hätten aber gern mehr.
Leider schweigen auch die meisten meiner Freunde, wenn die Rede auf das Geld kommt. Nicht, weil sie alle unpolitisch wären. Nein, Bio-Brot ist Standard. Einige sind Vegetarier und betonen dies bei jeder Gelegenheit. Fairer Kaffee ist etwas aus der Mode gekommen, aber auch der wird serviert. Doch ethische Geldanlagen? »Willst du damit das Finanzsystem ändern?«, fragte mich ein guter Freund, der mich gern als »ewigen Reformisten« verspottet und seine Spargroschen bei der Sparkasse anlegt.
Dazu kommt, dass man auch bei ethischen Geldanlagen auf die alte Weisheit des katholischen Soziallehrers Oswald von Nell-Breuning trifft, wonach das gut Gemeinte durchaus böse enden kann.
So musste ich schon bei der Ökobank erfahren, dass ethisch motivierte Banker nicht automatisch gute Banker sind. Die alternative Ökobank ging »wegen Managementfehlern« pleite, heißt es im Internet bei Wikipedia. Zum Glück wurde sie von der anthroposophischen GLS-Bank übernommen, der ältesten Alternativbank Deutschlands.
Nicht überall ist Ethik drin, wo Ethik draufsteht
Aber das war nicht das Einzige, was ich lernen musste. Je tiefer man in das nachhaltige Geldwesen einsteigt, desto bohrender werden die Fragen. Ist überall auch Ethik drin, wo Ethik draufsteht? Das fragte ich mich, als ich in einem Nachhaltigkeitsfonds plötzlich einen Chemiekonzern entdeckte, der meiner Meinung nach für vieles steht, aber nicht für Umweltschutz. Das sei das »Best-in-Class«-Prinzip, klärte mich der Banker meines Vertrauens auf: »Wir investieren in Unternehmen, die sich in ihrer Branche am meisten ökologisch engagieren. Dieser Chemiekonzern zählt eben im Vergleich zu anderen Chemiekonzernen zu den besten.« Das ist an sich keine schlechte Idee. Denn kleine Veränderungen in Großunternehmen können oft mehr bewirken als große Veränderungen in kleinen Unternehmen. Aber auf mein Geld muss der Chemiekonzern trotzdem verzichten, ich habe den Fonds verkauft.
Keine Anlage ohne Risiko
Manchmal sind auch menschliche Enttäuschungen nicht vermeidbar. Investoren, die ständig Moral predigen, sind nicht unbedingt die besseren Menschen. Auch unter ihnen gibt es Betrüger. Man tut gut daran, jede Investition und auch den Anbieter nüchtern zu prüfen. Andererseits kann man auch mit nachhaltigen Investitionen scheitern, ohne Betrüger zu sein. Windkraft, Solarenergie und andere Öko-Technologien sind neue Märkte, die Unsicherheiten mit sich bringen und dazu noch von staatlichen Entwicklungen abhängen. Da sind Fehlentscheidungen möglich, und die kosten Geld. Das Leben ist ein Risiko, von Anfang an, sagt einer meiner Freunde gern - ja, das gilt auch für das Geld, das man mit gutem Gewissen bei seinem Lieblingsunternehmen anlegt.
Boom der alternativen Banken
Wer auf Nummer sicher gehen will, ist mit alternativen Banken wie der GLS-Bank, der Umweltbank, der Ethikbank oder der Triodos-Bank am besten bedient. Ich zumindest habe das Gefühl, dass mein Geld dort wenig anrichten kann, aber dafür viel ausrichten. Und so sicher wie bei anderen Banken ist es dort auch. Deshalb freut es mich, dass diese Banken heute einen Boom verzeichnen. Und nicht nur dies.
Inzwischen bietet auch die Sparkasse Freiburg einen Klimaschutzfonds für die eigene Region an. Dies bedeutet ja nichts anderes, als dass sich inzwischen Hunderttausende Menschen jene Frage stellen, die mir vor vielen Jahren der Demonstrant am Bodensee gestellt hatte. Sie wollen mit ihrem Geld nicht finanzieren, was sie mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren können.
Aus diesem Grund kommt auch die Kampagne von sozialen und ökologischen Organisationen zur rechten Zeit. Sie fordert die Menschen zur »Krötenwanderung« auf: Ihre Kröten sollen von konventionellen zu alternativen Banken wandern.
Doch hilft dies wirklich gegen die nächste Finanzkrise? Thomas Begrich meint: Ja. Und er muss es wissen. Er ist Finanzreferent eines milliardenschweren Unternehmens, nämlich der Evangelischen Kirche in Deutschland. In unserem Gespräch zitierte er die Financial Times Deutschland. Sie habe ihm bestätigt, dass alle, die sich an den Leitfaden der Kirchen für ethische Geldanlagen gehalten hätten, durch die Finanzkrise nicht geschädigt worden seien. Na, wenn das nicht auch die sicherheitssuchenden Deutschen überzeugt.
Anlagenboykott beförderte politische Revolution
Bleibt die Frage, die mir mein kritischer Freund stellte: Machen ethische Geldanlagen die Welt wirklich besser oder kurieren sie nur an Symptomen herum? Eine endgültige Antwort wage ich nicht. Aber ich denke dabei gern an die Geschichte Südafrikas. Wer fragt, wie die Apartheid überwunden wurde, erfährt von Nelson Mandela, von Willem de Clerk, von der Widerstandsbewegung. Aber er erfährt auch etwas anderes: Dass nämlich große Konzerne die Zusammenarbeit mit dem Apartheidsystem in dem Augenblick aufgekündigt haben, als Pensionsfonds in den USA, auch viele kirchliche, beschlossen hatten, kein Geld mehr in Unternehmen zu investieren, die mit dem Apartheidsystem kooperieren. Ein Anlageboykott förderte eine politische Revolution. Geld regiert eben die Welt. Die Frage ist nur, wie.
