Wer hilft den Flüchtlingshelfern?
Erinnern Sie sich noch an das Land, das vor einem Jahr tagein, tagaus in den Medien war? Vor den Anschlägen in Paris und Brüssel, vor Amokläufen, vor dem US-Wahlkampf-Getöse, und vor Angela Merkels berühmtem Satz »Wir schaffen das«. Richtig, Griechenland. Die Wirtschaftskrise in Griechenland und die Not der Bevölkerung scheint heute fast vergessen. Aber die Krise ist nicht weg, nur weil kaum noch über sie berichtet wird!
Besonders hart ist es für Hotel- oder Tavernenbesitzer auf Lesbos, Kos und Samos – den Inseln, an deren Bilderbuchstränden im Juli 2015 fast stündlich erschöpfte Flüchtlinge an Land gingen. Die Hilfsbereitschaft der Einwohner war überwältigend, doch die Touristen blieben danach aus. Denn die Bilder der Flüchtlinge gingen um die Welt – und brannten sich ein in die Köpfe. Wer will sein Strandtuch schon dort ausbreiten, wo hilfesuchende Syrer landen, wo das Elend so nah ist? Und die Situation hat sich bis heute nicht entspannt. Erst vor wenigen Tagen geriet Lesbos in die Schlagzeilen, weil im Flüchtlingslager »Moria« ein Feuer ausbrach. Mehr als 3000 Menschen waren in dem Hotspot untergebracht. Verletzt wurde zum Glück niemand.
Wer entschädigt die griechischen Hotelbesitzer?
Die Buchungen der Touristen auf Lesbos und Kos sollen um sechzig bis neunzig Prozent zurückgegangen sein. Der Fischer Stratis Valiamos aus Lesbos, der stellvertretend für die vielen Flüchtlingshelfer für den Friedensnobelpreis nominiert wurde, steht vor dem finanziellen Ruin. Und er ist nicht der Einzige! Schon vor der Wirtschaftskrise und vor den Flüchtlingen mussten die griechischen Gastwirte auf den Inseln in den Sommermonaten so viel erwirtschaften, dass es fürs ganze Jahr reichte. Das ist jetzt kaum mehr möglich. Wer entschädigt diese Menschen dafür, dass die EU ihre Inseln als Flüchtlingslager Europas auserkoren und sogenannte »Hotspots« dort errichtet hat? Wer kommt auf für die finanziellen Einbußen, die sie hinnehmen mussten, weil sie Menschenleben retteten, anstatt ihre Hotelzimmer an Urlauber zu vermieten?
Mag sein, dass diese Fragen momentan aus der Zeit gefallen scheinen – schließlich hält die Türkei Europa und somit auch Griechenland die Flüchtlinge vom Leib. Doch das könnte sich bald schon ändern. Seit dem gescheiterten Putschversuch in der Türkei herrscht Eiszeit zwischen dem Land am Bosporus und der EU. Die Regierung in Ankara hat bereits gedroht, das Flüchtlingsabkommen platzen zu lassen, sollte nicht bald die versprochene Visumsfreiheit für Türken kommen. Bis spätestens Oktober, so die Frist der regierenden AKP an die EU – sonst würden die Flüchtlinge wieder durchgewunken.
Von der griechischen EU-Hilfe sehen die Inseln nichts
Die EU aber beharrt (noch) darauf, die Türkei müsse wie vereinbart erst 72 Kriterien erfüllen, bis es soweit sei. Es sieht nicht danach aus, dass dies bald geschieht. Kündigt eine Seite das Abkommen auf, könnten die griechischen Inseln in der nördlichen Ägäis erneut zu einer noch größeren Sammelstelle für Hilfesuchende werden. Für diejenigen Griechen, die die Nachwehen aus dem vergangenen Jahr schon jetzt bitter zu spüren bekommen, ist das ein Schreckensszenario. Für viele steht ihre Existenz auf dem Spiel.
Das Auswärtige Amt verweist darauf, dass 2015 für den Tourismus in Griechenland ein Rekordjahr gewesen sei. Doch was haben die Männer und Frauen auf den Inseln in der nördlichen Ägäis davon? Nichts! Die Europäische Kommission betont, Griechenland habe von der EU Millionen zur Bewältigung der Flüchtlingskrise erhalten. Aber kommt das bei Menschen wie Stratis Valiamos an? Wohl kaum. Es ist höchste Zeit für eine direkte finanzielle Unterstützung der Griechinnen und Griechen vor Ort.
