»Wir schaffen das!«
Es ist jener Satz der Bundeskanzlerin, der wahrscheinlich Geschichte schreiben wird: »Wir schaffen das!« Sie sagte ihn im September. In jenem Monat, in dem erstmals fast so viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen wie im gesamten Jahr zuvor. Seither hat sie ihn oft wiederholt. Es gab Grund dazu. Denn die Stimmung in Deutschland drohte mehrfach zu kippen. Und sie kann es immer noch.
Der Winter steht vor der Tür; Hunderte Flüchtlingsunterkünfte müssen wetterfest gemacht werden. Beinahe täglich gibt es Meldungen, die von kleinen und großen Prügeleien in den Lagern berichten, von überforderten Helfern, von ratlosen Behördenmitarbeitern und von Landräten, die Katastrophenalarm auslösen, weil sie nicht wissen: Was sollen wir tun, wenn noch mehr Menschen kommen? Die Zuversicht droht zu versiegen. »Schaffen wir das wirklich?«, lautet die bange Frage. Und nicht wenige sagen: »Wir sind geschafft!«
Dass Deutschland mit der großen Zahl der Flüchtlinge überfordert sein könnte, ist spätestens seit dem Sommer abzusehen. Bis heute gibt es zu wenige Ärztinnen und Sozialarbeiter, Polizistinnen und Lehrer, Sachbearbeiterinnen und Vermieter, die ihre Wohnungen für Flüchtlinge öffnen.
Dass die Willkommenskultur in Deutschland trotzdem vergleichsweise gut funktioniert, ist Tausenden von ehrenamtlich Engagierten zu verdanken. Sie begleiten Flüchtlinge zu Behörden, geben Deutschunterricht, spielen Fußball mit den Kindern und erklären unermüdlich das rätselhafte deutsche Mülltrennungssystem. Ihr Engagement ist getragen von dem Bewusstsein: Man kann eine Million Flüchtlinge, die schon hier sind, nicht ignorieren. Schon gar nicht kann man sie abschreckend behandeln und zugleich integrieren.
Integration nämlich ist das Zauberwort. Den meisten Deutschen ist klar: Viele Flüchtlinge kommen, um zu bleiben. In ihren Herkunftsländern herrschen Diktatoren, schwelen Bürgerkriege, sind die Gefängnisse überfüllt. Wer aufmuckt, muss mit Folter und Tod rechnen. Und so flieht, wer eine Zukunft für seine Kinder will, die diesen Namen verdient.
Die Mehrheit der Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, stammen aus dem Nahen und Mittleren Osten. Es ist eine Region, die die Europäer lange unter dem Stichwort »unsere Ölquellen« abhandelten. Undemokratische Regime kamen oft gerade recht, weil sie für die Stabilität des Geschäfts garantierten; nicht selten stützte Europa sie durch Waffenlieferungen. Wann je interessierten sich zum Beispiel die Deutschen für die Demokratiebewegungen in Ländern wie Syrien, Ägypten und dem Irak? Erst der Arabische Frühling ließ uns aufhorchen. Da aber begannen sich die Flüchtlingsströme bereits zu formieren. Die meisten Aufstände für Demokratie endeten blutig; in vielen Ländern verkehrten sie sich ins Gegenteil. In Syrien herrscht ein gnadenloser Vielfrontenkrieg, der ein normales Leben unmöglich macht. Vielfach ist der Terrorismus des sogenannten Islamischen Staates der letzte noch fehlende Anstoß für Menschen, ihrer Heimat endgültig den Rücken zu kehren und im Westen ein neues Glück zu suchen.
Kann man so viele Araber in Europa integrieren? Ist das Abendland in Gefahr? Werden Gewalt und Intoleranz zunehmen? Oder können Integration und Veränderung doch gut gelingen? Aktuelle Antworten auf drängende Fragen gibt das Publik-Forum Dossier »Das neue Deutschland. Herausforderung Flüchtlinge«.
