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Der Gott, der lebendig macht

Viele Christen denken, das Neue Testament bringe gegenüber dem Alten Testament etwas qualitativ völlig Neues – zum Beispiel die Auferstehung Jesu. Doch das trifft nicht zu. »Der Glaube der Christen ist kein anderer Glaube als der des alten Israel«, sagt der evangelische Alttestamentler Frank Crüsemann über das Oster-Ereignis
von Frank Crüsemann vom 18.04.2014
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Mann der Wunder: Der Prophet Elisa (auch Elischa genannt) erweckt einen toten Knaben zum Leben – Gemälde von Frederic Leighton (1830-1896)
Mann der Wunder: Der Prophet Elisa (auch Elischa genannt) erweckt einen toten Knaben zum Leben – Gemälde von Frederic Leighton (1830-1896)

Immer noch – und heute eher wieder verstärkt – werden die großen christlichen Feste im Sinne Marcions gefeiert. Das ist jener Theologe aus dem 2. Jahrhundert nach Christus, für den Christus einen anderen Gott gebracht hat, deutlich unterschieden vom Weltschöpfer und vom Gott Israels. Wenn es heute nicht selten heißt, Weihnachten »komme Gott in die Welt« (wo war er vorher?), Pfingsten gehe es um einen nie vorher wirksam gewesenen Geist (wem verdanken wir das Alte Testament?), und Ostern stünde ein vollkommen »analogieloses« Geschehen im Zentrum, »die radikalste Horizonterweiterung, die denkbar ist«, dann sind das Grundmuster, die auf Marcion zurückgehen.

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Vieles geschieht im Neuen Testament »gemäß den Schriften«

Dagegen ist zu sagen: Im Neuen Testament geschieht alles, was über Christus zu sagen ist, »gemäß den Schriften« – eben gerade auch seine Auferstehung, die Christinnen und Christen an Ostern feiern. So sagt es schon das von Paulus vorgefundene älteste christliche Bekenntnis (1. Korintherbrief 15, 3 f.). Und den beiden Jüngern, die mit (dem auferstandenen) Jesus nach Emmaus wandern, brannte ihr Herz nicht, weil sie den Auferstandenen endlich erkannten, sondern als und weil er ihnen auf dem Weg »die Schriften erklärte« (Lukasevangelium 24, 32). Viele neutestamentliche Texte unterstreichen und entfalten diese Bezüge auf das Alte Testament.

Die Auferstehung Jesu ist das Fundament des christlichen Glaubens. »Ist Christus nicht auferweckt worden, ist unsere Verkündigung leer und euer Glaube sinnlos«, schreibt Paulus im ersten Brief an die Gemeinde in Korinth. Und so gibt es heute einen breiten Konsens darüber, dass die »Mitte des Evangeliums … in der Auferstehungsbotschaft« besteht. Christliche Theologie ist Theologie der Auferstehung, »bevor sie Theologie der Rechtfertigung des Sünders« oder der »Gottessohnschaft« ist. Und auch das Kreuz kann nur »als Auferstehungstheologie« zur Sprache kommen (Joseph Ratzinger). Die Bestätigung des Jesus von Nazaret, seiner Botschaft und seines Lebens, durch die Gottestat der Auferweckung – und das trotz des schmachvollen Todes – ist der Ausgangspunkt für alles andere. Die Einbeziehung aller Menschen und somit die Tatsache, dass auch wir zum Glauben an den Gott Israels gekommen sind, den Gott, der Tote erweckt, hat hier ihr Fundament.

Doch für Paulus und für andere neutestamentliche Stimmen hängt die Auferweckung Jesu samt all ihren Folgen an der Juden und Christen gemeinsamen Hoffnung, dass Gott die Toten auferwecken wird: »Wenn die Toten nicht aufstehen, ist auch Christus nicht aufgestanden.« Das gilt sogar, und das zeigt die Radikalität der Vorstellung, vom Zeugnis der Augenzeugen selbst. Wir wären falsche Zeugen, sagt der Augenzeuge Paulus, wenn nicht gilt, was immer schon gilt: dass die Toten aufstehen! Doch in wie vielen Auslegungen, systematischen Entwürfen, Predigten, Meditationen, Gedichten, Liedern wird bis heute dieses Fundament des Fundaments übersehen und übergangen, an den Rand gedrängt oder kleingeredet.

Was bedeutet dieser durchgängige Bezug auf die Schrift Israels im Neuen Testament? Was wird mit seiner Leugnung übersehen und übergangen? Manche neutestamentlichen Texte lassen zunächst deutlich erkennen, was nicht gemeint ist: Nicht gemeint sein kann das Schema von Verheißung und Erfüllung, wie es in der Kirche als Alternative zu Marcion seit Justin, also seit dem 2. Jahrhundert nach Christus, gängig ist. Danach sind es einzelne Voraussagen, die man suchen muss und finden kann, welche im Alten Testament auf Christus vorausweisen. Doch der unerkannt Mitwandernde auf dem Weg nach Emmaus erklärt: Es geht um »alles, was bei den Propheten steht«, und legt den beiden dementsprechend »Mose und alle prophetischen Schriften und alle (weiteren) Schriften« aus. Verwiesen wird nicht auf einzelne Weissagungen, sondern offenkundig auf etwas, von dem in der Schrift durchgängig die Rede ist. Das Alte Testament kann nicht auf Voraussagen und damit auf bloße Hinweise auf das Eigentliche reduziert werden.

Es ist derselbe Glaube

Der Bezug auf die Schrift funktioniert zum anderen offenkundig nicht so, dass der Auferstandene die Schrift in einem völlig neuen, vorher nicht erkennbaren und nicht bekannten Sinne »öffnet«. Nein, die Emmaus-Jünger werden als unverständig und schwer von Begriff bezeichnet, weil sie nicht »glauben an alles, was bei den Propheten steht«. Worum es geht, ist also schon dort zu lesen. Es ist derselbe Glaube. Die Bedeutung des Alten Testamentes kann nicht auf eine (angeblich) spezifisch christliche Interpretation reduziert werden.

Geht es also um die Fülle der Schrift, muss es um den lebendigen Gott, den Gott der Lebenden gehen. Und weil es im Alten wie im Neuen Testament um den gleichen Gott geht, kann und muss es auch um den gleichen Glauben gehen. Abraham ist vielleicht das bekannteste Beispiel für das, worauf hier verwiesen wird. Er ist nicht nur für das Neue Testament bei Gott im Himmel, also dem Tode entrissen, und die Gerechten sind in Abrahams Schoß. Er ist auch das wichtigste Vorbild des Glaubens. Er hat also denselben Glauben wie die neuen Gemeinden aus Juden und Heiden. Und für Paulus gilt diese Kontinuität gerade auch hinsichtlich des Auferstehungsglaubens: Abraham »vertraute dem Gott, der die Toten lebendig macht und das Nichtseiende ins Leben ruft«, heißt es im Brief an die Gemeinde in Rom (4, 17).

Widerspricht dies alles aber nicht verbreiteten Vorstellungen, dass das Alte Testament im Ganzen keinen Auferstehungsglauben kenne und ein solcher erst ganz am Rand beziehungsweise in der Spätzeit aufgetaucht sei? Einer derartigen Sicht ist heute historisch-religionsgeschichtlich und schon archäologisch von gefundenen Grabinschriften her zu widersprechen. Auch die Vertreter der traditionellen Sicht haben ja immer betont, dass Gottes Macht über den Tod und das Totenreich breit belegt sei. Gott kann etwa jederzeit und jedermann von dort wieder herausholen: »Wenn sie in die Unterwelt fliehen, holt sie meine Hand von dort« (Amos 9, 2).

Eine andere Sichtweise der Entwicklung wird dem breiten Befund gerechter: Von dem Moment an, als es in und für Israel nur eine einzige Gottheit gab, also schon lange vor jedem theoretischen Monotheismus, muss der Glaube an Gottes Macht über den Tod dazugehört haben. Denn die Totengottheit ist in jeder Religion mit vielen Gottheiten eine der mächtigsten Gestalten. Das Totenreich muss deshalb von Anfang an zum Machtbereich des einen Gottes gehören.

Auch Elia und Elisa wecken Tote auf

Elia und Elisa, mit deren Zeit man diese Anfänge wohl verbinden wird, wecken Tote auf, nicht anders als später Jesus. Und Elia wird zu Gott in den Himmel entrückt; er wird von dort wiederkommen und prägt die jüdische Vorstellung, dass er als Gottes rettende Macht überall und jederzeit erscheinen kann. Besonders die Psalmen sind voll vom Glauben an die todüberwindende Kraft Gottes: »Du hast mich aus dem Totenreich heraufgeholt« (Ps. 30, 4). Alle diese vielfältigen Bilder und vielgestaltigen Hoffnungen spitzen sich dann in der Verheißung einer endgültigen Überwindung des Todes in der Apokalyptik zu, beginnend mit dem Bild der Totenauferstehung im Ezechiel-Buch.

Wie immer man die Vorstellungen der Frühzeit rekonstruieren wird, es sind nicht nur vereinzelte Texte der Spätzeit, die hier in den Blick kommen, sondern es ist der gesamte Prozess der Entstehung der alttestamentlichen Schriften, damit aber auch der Kanon als Ganzes und seine Interpretation, die mitgeprägt sind von Gottes Macht über den Tod.

Ein deutliches Beispiel dafür ist die Exodus-Tradition: Die alte Überlieferung von der Befreiung Israels aus dem Sklavenhaus Ägypten, die wie keine andere die Identität Israels und seines Gottes bestimmt, prägt gerade auch die Überwindung des Todes.

In der wohl wichtigsten Stelle der Bibel Israels, die von Totenauferweckung redet, ist es der Exodus, mit dem die Verheißung formuliert wird, die dann auch den christlichen Glauben bestimmt: »Siehe, ich öffne eure Gräber und führe euch heraus aus euren Gräbern als mein Volk und bringe euch ins Land Israel. Und ihr werdet erkennen, dass ich Jhwh bin, wenn ich eure Gräber öffne und wenn ich euch aus euren Gräbern heraufführe …« (Ez. 37, 12 f.). Die alte, jedes Jahr im Passahfest gefeierte und weitergegebene Befreiungstradition und die Hoffnung auf Auferstehung sind so untrennbar geworden und interpretieren sich gegenseitig.

Die Auferstehung Christi bekräftigt die Hoffnungen Israels

Die Auferstehung Christi und die Erfahrungen, die dabei gemacht wurden, geschehen also im Raum der Hoffnungen Israels. Diese werden durch sie nicht gesprengt oder überwunden, sondern eindrücklich bestätigt, bekräftigt und aktualisiert. Durch das neue Geschehen überspringen sie die Grenze Israels. Alle Menschen werden in diese Hoffnung mit hineingenommen.

Das gilt auch für die Erfahrungen, die sich mit diesen Hoffnungen verbinden, also für das, was sich schon im Leben dadurch verändert. Dabei wird man unterscheiden müssen: Da sind die Erfahrungen der ersten Zeugen, die dem Auferstandenen selbst begegnet sind, und das waren bekanntlich zuerst gerade Zeuginnen, Jüngerinnen Jesu.

Diese außerordentlichen Erscheinungen gab es nach dem Neuen Testament nur in einer ganz kurzen Phase. Paulus sieht sich schon als den letzten, dem der Auferstandene persönlich begegnet ist. Seitdem lebt der christliche Glaube vom überlieferten Wort und seiner Glaubwürdigkeit. Jesus ist nicht mehr in der Form der ersten Erscheinungen unter uns, sondern, wie es mit den Worten aus Psalm 110, 1 immer wieder heißt, entrückt an die rechte Seite Gottes.

Damit ist sein Handeln und seine Gegenwart grundsätzlich nicht von der Gottes zu unterscheiden. Dennoch können diese Hoffnungen lebensverändernde Kräfte auslösen. Ich denke, für dieses veränderte Leben vor dem Tod zeigt sich die unentbehrliche Funktion, die das so oft übergangene »gemäß den Schriften« angesichts so mancher Form christlicher Auferstehungstheologie hat, besonders deutlich.

Auferstehung in diesem Leben

Wie ein derart verändertes Leben aussieht, ist in einer ganzen Reihe von Veröffentlichungen der letzten Zeit – nicht zuletzt im Anschluss an das Gedicht von Marie-Luise Kaschnitz über Auferstehung (»Manchmal stehen wir auf / Stehen wir zur Auferstehung auf / Mitten am Tage …«) – zur Sprache gekommen. Ihre Titel sagen, was gemeint ist: »Sich dem Leben in die Arme werfen« (Luzia Sutter Rehmann u. a.); »Endlich lebendig – Die Kraft der Auferstehung erfahren« (Claudia Janssen); »Auferstehung als Lebenskunst« (Hildegund Keul).

Es geht um Alltagserfahrungen, um Auferstehung in ein Leben vor dem Tod. Schwerpunktmäßig handelt es sich zwar um neutestamentliche Interpretationen. Doch es ist durchgängig deutlich, dass das Alte Testament mit seinen intensiven Gotteserfahrungen im Hintergrund steht. Ohne die starken und positiven Bezüge zu dieser Grundlage wäre eine solche Theologie nicht möglich. Die Psalmen, in denen an vielen Stellen von der Errettung aus dem Tod gesprochen wird und damit nicht selten eindeutig Erfahrungen in diesem Leben gemeint sind, bilden das biblische Grundmuster der hier entwickelten Sprache.

»Brannte nicht unser Herz, als er uns die Schriften erklärte?«

»Gemäß den Schriften« – dieser Rahmen aller neutestamentlichen Auferstehungstheologie stellt mit seinem Verweis auf die Leben schaffende Kraft Gottes auch die persönlichen Erfahrungen in einen politischen Zusammenhang, verbindet meine Hoffnungen mit denen anderer und den Alltag mit den großen Dimensionen von Befreiung und Gerechtigkeit. Was in der christlichen Tradition nicht selten auseinanderfiel oder gar als Gegensatz betrachtet wurde – das Leben nach dem Tod und das vor dem Tod –, kann und wird durch den ständigen Rückgriff auf die Schrift immer neu zusammengebunden. Und ich bin sicher: Die manchmal überraschenden Erkenntnisse, die dabei zu gewinnen sind, werden immer wieder das auslösen, was die beiden Emmaus-Jünger zuerst erlebten: »Brannte nicht unser Herz, (…) als er uns die Schriften erklärte?«

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Personalaudioinformationstext:   Frank Crüsemann, geboren 1938, lehrte bis 2004 an der Kirchlichen Hochschule Bethel Exegese des Alten Testaments. In seinem Buch »Das Alte Testament als Wahrheitsraum des Neuen« begründet er seine Haltung, dass im Alten Testament bereits der ganze Gottesglauben enthalten ist, den Juden und Christen miteinander teilen. Seine Grundthese beleuchtet er für Publik-Forum am Beispiel des Auferstehungsglaubens.
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