Der Islam gehört nicht zu Deutschland???
»Der Katholizismus gehört nicht zu Deutschland. Allerdings sind Katholiken willkommen und können ihre Religion ausüben.« »Auch der Atheismus gehört nicht zu Deutschland. Allerdings können Atheisten hier ihre Überzeugung ausüben.«
Den logischen Unsinn dieser beiden Sätze erkennt jeder noch halbwegs denkende Mensch sofort. Den Katholizismus gibt es nur, weil und wenn es Katholiken gibt. Den Atheismus nur, weil und wenn es Atheisten gibt. »Der Katholizismus« wie »der Atheismus« sind allgemeine, rein gedankliche Begriffs-Konstrukte, die als solche und identisch-greifbar gar nicht vorkommen. Es gibt immer nur Menschen, die ihre jeweilige Überzeugung leben und öffentlich zeigen.
Nun outete sich der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich am Sonntag in einem Interview mit der Welt am Sonntag als treuer Gefolgsmann der nur selten dem logischen Denken verpflichteten Pegida-Bewegung: Der Ministerpräsident sagt: »Muslime sind in Deutschland willkommen und können ihre Religion ausüben. Das bedeutet aber nicht, dass der Islam zu Sachsen gehört.«
Falls sich Sachsen nicht wieder als eigenständiges Königreich mit einem König Stanislaw dem Starken etablieren will, gehört Sachsen nach wie vor zum Rechtssystem der Bundesrepublik Deutschland. Dann kann der jedem logischen Denken ferne Satz des Herrn Tillich tatsächlich nur so übersetzt werden: »Das bedeutet, dass der Islam nicht zu Gesamt-Deutschland gehört.«
Aber was heißt das eigentlich? Was will Tillich unternehmen, dass »der Islam« nicht (länger) zu Deutschland gehört? De facto ist der Islam in Deutschland und selbst ganz schwach in Sachsen vorhanden, in Moscheen, Bildungsinstituten und kleinen Gebetsstuben, in Koranausgaben und Treffpunkten, wie Teestuben und Buchhandlungen. Sollen diese Institutionen also verschwinden, »weil sie nicht zu Deutschland/Sachsen gehören«?
Das ist unmöglich, weil viele Muslime gemeinsam diese Institutionen aufgebaut haben und sich ihrer auch im Alltag bedienen. Muslime in Deutschland haben zudem in großer Anzahl auch die deutsche Staatsbürgerschaft. Darf man Deutschen ihre eigenen Institutionen nehmen? Bis jetzt ist das unmöglich.
Der Pegida-Satz des Herrn Tillich übersieht zudem, dass es »den Islam« auch in Deutschland als einen festen, einheitlichen Block nicht gibt. Es gibt Theorien und Theologien eines liberalen Islams, eines mystischen Islams, eines konservativen Islams, und – auch das – eines quantitativ eher schwach vertreten, eines fundamentalistischen Islams. Und es gibt die vielen Türken hier, denen die Bindung an »den Islam« ziemlich gleichgültig ist, so wie es Hundertausende von Katholiken und Protestanten gibt, denen ihre Kirchenbindung nur am Heiligabend wichtig ist.
Aber diese sehr verschiedenen Ausprägungen des Islams gibt es nur, weil es Menschen gibt, die sie formulieren und zu Papier bringen. Logisch gesehen heißt das: Wer großspurig »den« Islam hier nicht will, der will auch nicht diejenigen hier, die sich auf vielfache Weise an den Islam binden.
Wer sagt, der Islam gehört nicht zu Deutschland, wahlweise zu Sachsen, der will, ohne es schon direkt zu sagen, dafür sorgen, dass die Muslime hier verschwinden. Denn, siehe oben: »Den Islam« gibt es nur, weil es Islam-Gläubige gibt. Wer sagt, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, der will eine noch rigidere und unmenschliche Asylpolitik, weil ja etliche Hilfe Suchende aus islamischen Ländern stammen. Wer sagt, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, will das angeblich brave (Pegida-)Volk aufhetzen, wenn sich irgendwo »der Islam« zeigt, etwa im Bau von Moscheen. Hingegen ist wohl Tillich dafür, dass Handelsbeziehungen zu den islamischen Staaten blühen, denn die bringen ja Arbeitsplätze auch in Sachsen.
Was Ministerpräsident Stanislaw Tillich betreibt, ist also eine versteckte Form des Rassismus: »Muslime raus!«, könnte er im Klartext reden. Doch dazu fehlt ihm wohl noch der Mut.
In diesen Tagen denken wir an die Befreiung des KZ Auschwitz vor siebzig Jahren: Dabei denken wir daran, dass schon einmal in Deutschland propagiert wurde: Das Judentum passt nicht zu Deutschland, zum Abendland usw. Daraus wurde dann unverhohlen seit 1933 die tötende Botschaft: Die Juden als Juden passen nicht zu Deutschland. Dann wurden sie vertrieben und vergast.
Wie lange ist ein Ministerpräsident tragbar, der sich jedem logischen und damit humanen Denken verschließt? Der unlogische Propagandasprüche verbreitet? Sind ihm die Pegida-Leute parteipolitisch wichtiger als Logik und Menschlichkeit? Wenn es Charlie Hebdo-Zeichner in Deutschland gäbe, würden sie wohl jetzt dies zeichnen: Eine Demonstration in Dresden, auf der alle die Schilder tragen: »Der Vorname Stanislaw passt nicht zu Sachsen.«
