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Dieser Frühlingsbeginn trügt

von Vivienne Rudolph, Frankfurt am Main
vom 08.04.2020
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Ich wische violette Tinte von meiner Füllerspitze in ein gebrauchtes Kleenex mit Lippenstiftspuren und beginne zu schreiben. Unterhalb meiner Bank hier an der Inselspitze plätschert das Niddawasser, auf dem Stockenten die Wellen abwärts surfen. Der Kinderspielplatz am Ufer gegenüber ist aus Angst vor COVID-19 verwaist und gesperrt. Eine Nilgans führt ihre Küken dort spazieren. Der Gänserich scheucht lauthals eine Krähe fort von seiner Familie. In den Bäumen sprießt und zwitschert es über mir und wirkt mit dem Glitzern und Geplätscher beruhigend auf mich. In diesen verschärft gehandelten Krisenzeiten suchen wir Menschen die Natur. Wo sollen wir auch hin am Tag des Frühlingsanfangs, der sich so friedlich und sonnig verschenkt, als wäre alles gut und so wie immer? Ein freilaufender Hund jagt die Nilganssippe in die Flucht. So schwimmen sie nun drüben in Ufernähe, hier vorne schnorchelt eine Nutria die Böschung entlang. Wie so viele spüre ich in meinen Körper hinein, um mich zu vergewissern, keine Symptome zu übersehen. Mein Nacken, steifer als sonst? Die Lendenwirbel, die Knöchel? Oder rührt all das nur vom exzessiven Unkrautjäten heute früh?

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Schleier legen sich in Schichten vor die Sonne und lassen den Wind kühler wehen. Ein Motorflugzeug überquert Rödelheim. Hier bei mir unten schwadronieren drei Seniorinnen auf der Nachbarbank über ihre Scooter-Roller und scheren sich kein bisschen um den empfohlenen Abstand. Ein Mann auf einem Rennrad überlegt sich kurz, ob er sich mit seiner Gitarre hier niederlassen soll. Familien mit Kinderwagen, radelnden Kleinkindern und Paare bewegen sich in Richtung Sonne. Die Gänse, inzwischen wieder an Land gewatschelt, weichen nun laut schnatternd dem nächsten Hund aus. Schade, der Gitarrist kann auch auf den zweiten Blick keinen Platz hier auf den mit Buschwindröschen und gelben Sternchen übersäten Wiesen für sich finden. Musik! Musik könnte mich noch nachhaltiger beruhigen. So lausche ich dem rauschenden Flusswasser.

Schließlich radle ich an der Nidda zurück, vorbei an Shisha Rauchenden, Nickerchen Haltenden und kleinen Grüppchen von Leuten, die sich auf dem Weg zufällig begegnen und darauf pfeifen, unnötige soziale Kontakte nur auf Abstand unterhalten zu dürfen. Die Forsythien blühen in den Hecken, und ganz berauscht vom Honigduft schieße ich ein Handy-Foto von den blühenden Bienenparadiesbäumen. Die drei Damen rollern am Ufer vorüber, gefolgt von einem Herrn auf einem Riesen-Skateboard.

Die Normalität außer der Norm, das Schöne, Natürliche, Allerweltsgeschehen, das frühlingshafte Nachmittägliche hier am Fluss – was gäbe es sonst schon über das Treiben zu sagen? Kaum hörbares Autobahnrauschen, selten ein Flugzeug am Himmel und noch seltener als sonntags eine S-Bahn auf der Niddabrücke. Gespenstisch überfällt mich der Gedanke an all die Leute, die sich nicht an der frischen Luft blicken lassen dürfen, in Quarantäne eingeschlossen oder gar ernsthaft erkrankt, verängstigt und leidend sind. Es ist eben so gar kein normaler Freitag. Dieser Frühlingsbeginn trügt.

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Alle Beiträge des Erzählprojektes »Die Liebe in Zeiten von Corona«

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