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Erotisches Begehren

Aktuelle Sex-Bestseller zeigen: Die menschliche Sexualität ist nicht immer ein harmloses Vergnügen. Doch diese Einsicht rechtfertigt keine kirchliche Verbotsmoral
von Theresia Heimerl vom 11.08.2012
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Erotik-Shop in Florida, USA: Sex-Spielzeug wird sehr viel häufiger nachgefragt, seit der britische Skandalroman 50 Shades of Grey auf dem Markt ist. (Foto: pa/dussault)
Erotik-Shop in Florida, USA: Sex-Spielzeug wird sehr viel häufiger nachgefragt, seit der britische Skandalroman 50 Shades of Grey auf dem Markt ist. (Foto: pa/dussault)

Liebe tut weh. Mit dieser fundamentalen Erkenntnis lassen sich nicht nur Popsongs schreiben, sondern auch Bestseller verkaufen, wie der jüngste »Skandalroman« 50 Shades of Grey der britischen Autorin E. L. James gerade wieder trefflich illustriert. Liebe, Erotik, Begehren und expliziter Sex sind allen Naturalisierungs- und Befreiungsversuchen zum Trotz Themen, die niemanden kaltlassen, die vielmehr alle erdenklichen emotionalen Reflexe vom Ekel bis zur Wonne hervorrufen und selbst in Sprache gebracht noch erregen.

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Ein Bereich, der den ganzen Menschen erfasst – muss er nicht auch ein Thema für die christliche Theologie sein? Das menschliche Begehren war spätestens seit den Paulus-Briefen Thema der innerchristlichen Auseinandersetzung, und zwar so oft und so sehr, dass viele meinen, man sollte es nun lieber lassen. Zumal, nachdem sich insbesondere die katholische Kirche mit dem päpstlichen Lehrschreiben Humanae vitae einerseits – in ihm wurden künstliche Methoden der Empfängnisverhütung verboten – und erschreckenden Missbrauchsskandalen andererseits als höchst fragwürdige Instanz in sexualibus erwiesen hat.

Gleichzeitig ist der Bedarf nach reflektiertem Sprechen über Sexualität in all ihren Formen nicht kleiner geworden. Es scheint sich vielmehr ein Leerraum aufzutun zwischen der allgegenwärtigen visuellen Erotik und dem Exhibitionismus verschiedener medialer Formate einerseits sowie den unerfüllten, sprachlich zwischen Kitsch, Derbheit und Umschreibung schwankenden Sehnsüchten vieler Menschen andererseits, hinter denen der Wunsch nach einem undefinierbaren »Mehr« steht, an dem sogar der Protagonist von »50 Shades of Grey« letztlich scheitert.

Doch wie können die Theologie und vielleicht sogar die Kirchen mit den Menschen über dieses existenzielle und so leicht verletzende Thema ins Gespräch kommen, anstatt über ihre Köpfe hinweg Normen zu predigen, die für die Lebensrealitäten heute keinerlei Anhaltspunkte bieten?

Ein erster Schritt kann und muss die Wahrnehmung der Realität sein. Deutlich wird dabei, dass diese Realität eben nicht eine einzige ist, sondern aus vielen Realitäten besteht, die mit-, neben- und manchmal sogar gegeneinander existieren.

Problematische Freiräume

»Wenn du willst, bleibe ich bei dir, auch wenn ich dich nicht mehr liebe. Das ist ein gutes Versprechen. Das heißt wirklich für immer.« Man würde eine solche Aussage wohl am allerwenigsten dort vermuten, wo sie tatsächlich zu finden ist: in dem Skandalroman »Feuchtgebiete«(2008)von Charlotte Roche. Hier findet sich all das, was die Untergangsfantasien konservativer Zeitgenossen beflügelt: Sex, Sex und nochmals Sex – mit verschiedenen Partnern und Partnerinnen, allein im Bad, in verschiedenen Posen, in grammatikalisch inkorrekter Sprache und solch anschaulicher Deutlichkeit, dass der Entertainer Harald Schmidt meinte, danach das iPad abwischen zu müssen. Und dazwischen Sätze wie den oben zitierten.

»Feuchtgebiete« ist sicher ein Extrembeispiel für die Spannung zwischen der Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit für immer und ewig sowie selbstbestimmter, weitgehend regelloser Sexualität. Am anderen Ende dieser Skala stehen die ebenfalls als Bestseller verkauften »Twilight«-Bücher und ihre Verfilmungen, die das Ideal der Jungfräulichkeit bis zur Ehe und der ewigen Treue hochhalten in einer Sprache, die unweigerlich an Frauenromane des 19. Jahrhunderts oder der 1950er-Jahre erinnert.

Interessant ist, dass in beiden Büchern beziehungsweise Filmen die Protagonistin eine junge Frau ist, welche die Instabilität von Beziehungen sehr konkret in der Scheidung und neuen Verpartnerung ihrer Eltern erfahren hat. Die selbstverständlichen Freiräume in Sachen Sexualität, die beide junge Frauen seitens ihrer Umgebung erfahren, führen zum unterschiedlichen Umgang damit, gleichzeitig aber auch zu einer ausgeprägten Sehnsucht nach der einen großen, wahren Liebe und vor allem nach deren Beständigkeit.

Im einen Fall, den »Feuchtgebieten«, werden Sexualität und Liebe getrennt. Eine mögliche Verbindung von zumindest Zuneigung und gelebter Sexualität deutet sich erst auf den letzten Seiten des Buches an. Im Fall von »Twilight« wird der Weg zurück in eine vermeintlich heile vergangene Welt der enthaltsamen Romantik gesucht.

Die Leserinnen beider Bücher sind junge Frauen. Bei »Twilight«sindesMädchen, die von der gelebten Sexualität ihrer Eltern enttäuscht sind, sich durch die zerbrochenen Familien verletzt fühlen und sich ein Ideal imaginieren, das sogar im Wortlaut nahe ist am ersten Lehrschreiben von Papst Benedikt XVI., »Deus caritas est«. Dort heißt es: »Nur dieser eine Mensch (…) für immer. (…) Liebe zielt auf Ewigkeit.«

Fantasien der Frauen

Es ist mittlerweile bereits Tradition, bei Romanen weiblicher Autoren, in denen es um die ausdrückliche Darstellung von Sexualität geht, eine Diskussion zu beginnen, ob dies nun das erfolgreiche Ende der Frauenbefreiung oder doch ein Backlash sei. Nach den Büchern von Catherine Millet (»Das sexuelle Leben der Catherine M.«) und Charlotte Roche hat nun »50 Shades of Grey« die Fantasie und die Debatte erneut beflügelt.

Dieses Buch ist – abseits seiner zweifelhaften literarischen Qualität – für die Frage nach einem zeitgemäßen, auch theologischen Sprechen über Sexualität besonders interessant. Geht es doch erstmals ausdrücklich darum, das erotische Begehren und sexuelle Geschehen zwischen zwei Menschen als Verhandlungsgegenstand zu thematisieren und gleichzeitig die dunklen, obsessiven, gewalttätigen Aspekte von Sexualität massentauglich anzusprechen.

Die auflagensteigernde Irritation solcher Bücher beruht darauf, dass sie Frauen das aussprechen und tun lassen, was Männern die Political Correctness seit mehr als zwei Jahrzehnten verbietet; ja mehr noch, dass Frauen hier jenes männliche Verhalten fantasieren, das in der Öffentlichkeit als übergriffig, erniedrigend, die Regeln der Geschlechtergerechtigkeit verletzend gebrandmarkt ist: anonymer Gruppensex (Millet), schmutziger Sex (Roche), Sado-Maso-Sex (James).

Frauen, so die Argumentation der Autorinnen, sind mittlerweile befreit genug, selbst zu entscheiden, ob und welche Form von Sexualität, unabhängig von aktuellen öffentlich-politischen Standards, sie wann mit wem ausüben oder zumindest literarisch fantasieren wollen.

Die Männer aber sind irritiert. Nach den klaren, von Männern für Männer gemachten Spielregeln bis in die 1960er-Jahre und den ebenso klaren Vorgaben korrekten, gendersensiblen Verhaltens der 1990er-Jahre inklusive öffentlicher Sanktionierung zuwiderhandelnder Politiker (Clinton, Berlusconi, Strauss-Kahn) finden sie sich nun in einer verwirrend mehrdeutigen Auseinandersetzung über Sexualität und Begehren wieder. Die aktuellen Debatten, so trivial die ihnen zugrunde liegende Literatur auch sein mag, legen bloß, was die theologische Literatur bis in das späte Mittelalter hinein behauptete: Das erotische Begehren und die menschliche Sexualität sind kein harmloses Vergnügen und keine natürliche Sache. Sie offenbaren vielmehr den Menschen in seiner ganzen Zerrissenheit, seiner kulturellen Bedingtheit, seiner Bedürftigkeit, seiner Abgründigkeit.

Im erdachten Begehren wie in der konkreten Begegnung wird die Verbindung von Körper und Seele ebenso deutlich wie die Spannung zwischen den beiden. Macht und Ohnmacht sind nicht wegzudiskutieren aus der Erfahrung der Sexualität. Das erotische Begehren erweist den Menschen als fähig zur Entrückung wie zur Zerstörung gleichermaßen und mitunter sogar in Verbindung dieser beiden Extremzustände.

Gerade dieser außergewöhnlichen Erfahrung wird das offizielle kirchliche Sprechen über Sexualität jedoch heute in keiner Weise gerecht. Die lehramtlich-katholische Sprache schwankt zwischen gut gemeinter, naiver Spiritualisierung und einer langen Liste von Verboten. Eheliche Sexualität, die selbstverständlich immer für die Fortpflanzung offen zu sein hat, wird blumig als Abbild göttlicher Liebe bezeichnet, alles andere als Sünde der Unzucht verurteilt. Egal ob Masturbation, Prostitution, der Konsum von Pornografie oder überhaupt nichteheliche Sexualität – sie alle sind gleichermaßen verboten. Mit dieser lückenlosen Moral, welche die katholische Kirche im Letzten frühmittelalterlichen Bußbüchern und nicht dem Evangelium verdankt, stößt sie heute bestenfalls auf Unverständnis.

Was ist gut, was schlecht?

Keine der aktuellen Auseinandersetzungen mit der Sexualität sagt einfach: Sex ist gut, egal unter welchen Bedingungen. Im Gegenteil. Es gibt ein sehr feines Sensorium dafür, wo die Grenzziehungen zwischen erotischer Grenzerfahrung und nachhaltiger Verletzung liegen, wo Sexualität zum furchtbaren Machtinstrument verkommt und wo diese Macht spielerisch eingesetzt wird.

Auch die Möglichkeit der Verfehlung, der Sünde theologisch gesprochen, beschäftigt die Menschen vielleicht sogar mehr als früher, als es hierfür starre Kataloge gab. Die Sprache von Sehnsucht und Begehren, von Verlangen, dem Aufgehen im Licht des/der anderen wie das Versinken in Dunkelheit ist der Theologie unmerklich für die menschliche Sexualität abhandengekommen und in die kleine Transzendenz der Trivialkultur ausgewandert.

Wenn die Theologie wieder mitreden und als Gesprächspartnerin ernst genommen werden will, muss sie zuallererst einmal zur Kenntnis nehmen, dass es den Menschen schon längst nicht mehr um eine kirchliche Legitimität der Sexualität geht, wie bis in die 1970er-Jahre hinein. Die Frage lautet längst nicht mehr: »Darf ich das?« Gefragt ist vielmehr die Qualität der Sexualität im Sinne von »Was will ich mit wem«? Und vor allem: »Macht es mich und den/die andere glücklich?«

Alle normativen Antworten, die das Glück auf den Trauschein oder den Ausschluss bestimmter Praktiken oder Partner reduzieren wollen, sind zum Scheitern verurteilt. Und das ist gut so. Denn die christliche Anthropologie, nimmt sie sich selbst ernst, muss den Menschen als Ebenbild Gottes sehen und zugleich als freiheitsfähiges und damit schuldig werdendes Wesen, vor allem aber als Wesen, das über sich hinaus sucht und begehrt. Das Überschreiten, das Transzendieren im wörtlichen Sinn, gehört zum Menschen und ist nicht einfach durch alle Phänomene regelnde Normen ruhigzustellen.

Ein wirklich ernst gemeintes Hinhören und Hinsehen auf die Sehnsüchte und das Begehren der Menschen heute wäre ein erster Schritt; eine kritische Reflexion des Gehörten und Gesehenen vor der christlichen Tradition in ihrer Fülle ein zweiter. Einige Signallichter auf der Basis des christlichen Bildes vom Menschen als freiheitsfähigem Abbild Gottes anzubieten könnte ein dritter Schritt sein.

Was macht Sex schlecht? Die Verletzung, die Herabwürdigung, die Lieblosigkeit gegenüber dem/der anderen, die Blindheit gegenüber dessen Wünschen und Bedürfnissen. Was macht Sex gut? Das Erkennen des/der anderen in einem fundamentalen, durchaus biblischen Sinn als geliebtem Gegenüber, und sei es für die kurze Dauer des gemeinsamen Sex. Respekt, das Akzeptieren von Grenzen und Verletzlichkeiten, die Offenheit für eine Erfahrung des Eros, die über die Mechanik hinausgeht.

Mit einem solchen qualitativen Grundverständnis von Gut und Böse in Sachen Sexualität kann auch ein Reden über Sünde möglich sein. Nicht als Frage, wer mit wem was darf oder nicht, sondern als Wissen um die dunklen Seiten des Eros, um die Möglichkeit, die Gottebenbildlichkeit des Gegenübers zu verleugnen und ihn oder sie zum bloßen Objekt der Begierde zu machen.

»Love hurts, but sometimes it’s a good hurt« (»Liebe schmerzt, aber sie ist manchmal ein guter Schmerz«), heißt es in einem Song der Popband Incubus. Eine neue theologische Sprache über Sexualität, Begehren und erotische Liebe kann und wird ebenfalls wehtun. Aber es könnte ein guter Schmerz sein.

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Personalaudioinformationstext:   Theresia Heimerl, geboren 1971, ist Professorin für katholische Theologie und Religionswissenschaft an der Universität Graz.
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