Zur mobilen Webseite zurückkehren

Fremde Heimat Religion

Das religiöse Wissen nimmt ab. Was folgt daraus für den Unterricht? Fragen an den Religionspädagogen Hans Mendl
von Eva-Maria Lerch vom 17.02.2012
Artikel vorlesen lassen
Getreide mahlen wie zur Zeit Jesu: Performativer Religionsunterricht will das Thema Religion nicht nur auf dem Papier vermitteln. (Foto: epd/Gutmann)
Getreide mahlen wie zur Zeit Jesu: Performativer Religionsunterricht will das Thema Religion nicht nur auf dem Papier vermitteln. (Foto: epd/Gutmann)

Herr Mendl, macht es heutzutage noch Spaß, Religion zu unterrichten?

Anzeige
loading

Hans Mendl: (lacht) Religionslehrer gehören zu den glücklichsten unter ihren Kollegen. Die meisten unterrichten dieses Fach sehr gerne. Das wissen wir aus Studien zur Berufszufriedenheit. Aber natürlich leiden Religionslehrerinnen und -lehrer heute darunter, dass sie bei ihren Schülern immer weniger voraussetzen können. Die meisten Mädchen und Jungen sind zwar noch getauft, aber nicht mehr religiös sozialisiert. Sie erleben Religion wie eine »fremde Heimat«.

Wie zeigt sich das?

Mendl: Viele Kinder kennen keine Gebete mehr, sie haben keine Erfahrung mit Gottesdiensten, sie wissen nicht, was an Weihnachten und Ostern gefeiert wird oder zu welcher Pfarrei sie gehören. Das heißt, dass sie im Religionsunterricht zum ersten Mal überhaupt mit ihrer christlichen Religion in Kontakt kommen.

Wie kann man diese Schülerinnen und Schüler dann in Religion unterrichten?

Mendl: Es reicht heute nicht mehr, über Religion nur zu reden. Stattdessen muss der Unterricht die Möglichkeit bieten, Religion auch ganz praktisch zu erleben. Die Kinder und Jugendlichen können ja nichts reflektieren, was sie noch gar nicht kennen. Der Unterricht muss Religion in all ihren Facetten erfahrbar machen. Dieser Ansatz wird auch »performativer Religionsunterricht« genannt.

Wie muss man sich das vorstellen?

Mendl: Religionslehrer, die nach diesem Ansatz arbeiten, teilen nicht nur Papiere aus. Sie reden nicht nur über Gebet, Liturgie, Meditation oder Nächstenliebe, sondern sie praktizieren das alles mit den Schülern zusammen: Wir sprechen einen Psalm; wir feiern eine kleine Liturgie; wir laden zu einer Taizé-Andacht ein; wir legen einander die Hände auf und segnen uns; wir besuchen eine Kirche; wir gehen eine Woche lang in ein Behindertenheim oder einen sozialen Brennpunkt; wir sprechen mit karitativ arbeitenden Menschen und kirchlichen Entwicklungshelfern.

Warum ist Ihnen der religiöse Vollzug im Unterricht so wichtig?

Mendl: Religion ist ja nicht nur ein theoretisches Gebäude, sondern vor allem eine ganzheitliche Erfahrung. Zu allen Zeiten ging die Glaubenspraxis der Glaubensreflexion voraus. Und es gibt Handlungen, die erst im Tun verständlich werden. Das Gleiche gilt ja auch für andere Unterrichtsfächer: Sie können keinen Sport unterrichten, ohne dass die Kinder sich bewegen. Sie können keinen Musikunterricht geben, ohne Musik zu machen. Auch in Physik und Chemie müssen Sie praktische Experimente anbieten, um naturwissenschaftliche Erkenntnisse zu vermitteln.

Aber ist Ihr Konzept nicht ein Rückfall in den katechetischen Unterricht des letzten Jahrhunderts?

Mendl: Die Frage ist berechtigt. Doch es geht mir um das Verstehen der Religion, nicht um das Einüben und nicht um die Rekrutierung von Gläubigen. Die Schüler müssen sich von dem Erlebten auch distanzieren können. Deshalb ist es ganz wichtig, dass solche erlebnisorientierten Elemente in eine ausführliche Vor- und Nachbereitung eingebettet sind, sozusagen als Sicherungsmechanismus. Vor einer meditativen Übung oder einer kleinen liturgischen Feier im Rahmen des Religionsunterrichts müssen verschiedene Verhaltensoptionen angeboten werden. Auch für den Fall, dass jemand sich distanziert verhalten und manche Rituale nicht mitvollziehen will. Und im Nachgang sollte ausführlich reflektiert werden, welche Bedeutung das Erleben für jeden einzelnen Schüler und jede einzelne Schülerin gehabt hat.

Wie geschieht das?

Mendl: Im Anschluss an solch ein religiöses Erleben darf jede Erfahrung geäußert werden und auch so stehen bleiben: von Abwehr und Fremdheit über Langeweile bis hin zur Begeisterung. Ein Lehrer hat mir einmal beschrieben, wie er mit einer achten Klasse in einer Kirche war: Dort hat er die Jugendlichen aufgefordert, sich einen Lieblingsort zu suchen, den Ort, der sie im Gotteshaus am stärksten anspricht. Daraufhin hat sich die ganze Klasse an den Ausgang gestellt! Mit einer solchen Reaktion muss man rechnen und das dann auch akzeptieren. Aber es gibt auch die umgekehrte Reaktion: Da machen Schüler ein soziales Praktikum im Altenheim - und engagieren sich dort anschließend weiter in ihrer Freizeit. Oder sie werden vom Religionsunterricht derart angesprochen, dass sie sich einer kirchlichen Jugendgruppe anschließen. Performativer Unterricht darf keine missionarische Absicht, kann aber durchaus missionarische Wirkung haben.

Wie reagieren die Schüler auf diesen Unterricht? Fühlen sie sich nicht zu einer religiösen Praxis gezwungen, mit der sie nichts zu tun haben wollen?

Mendl: In unseren kopflastigen Schulen freuen sich die meisten Schülerinnen und Schüler über kreative Unterrichtsformen. Und die Distanz ist ja auch eine Chance: Jugendliche, die noch nie einen Rosenkranz in der Hand hatten, reagieren beispielsweise oft sehr vorbehaltlos auf eine solche katholische Gebetskette. Sie nehmen sie in die Hand - und finden es dann auch spannend, sich auf einer diskursiven Ebene über die gewollte Monotonie einer solchen Gebetsform auszutauschen. Da kann es sogar möglich werden, gemeinsam ein Gesätz des Rosenkranzes zu beten. Wichtig ist aber auch hier, dass daran keine falschen Erwartungen geknüpft sind, dass die Erfahrung reflektiert wird und die Schüler ehrlich sagen können, was das Gebet bei ihnen ausgelöst hat.

Funktioniert das auch in der Mittel- und Oberstufe?

Mendl: Für Jugendliche und junge Erwachsene ist ein kreativer Umgang mit den religiösen Zeugnissen besonders wichtig - damit die Tradition nicht wie eine steinerne Institution auf sie zukommt. Wenn wir im Unterricht das Alte Testament behandeln, laden wir die Schüler der Mittelstufe auch dazu ein, einen eigenen Schöpfungsbericht zu schreiben. Sie formulieren einen persönlichen Psalm oder ein individuelles Credo. Im Umgang mit der Bibel kann man auch gut mit Rollenspielen - also mit Elementen aus Bibliolog und Bibliodrama - arbeiten.

Mit dem neuen Jugendkatechismus Youcat hat die katholische Kirche kürzlich selbst einen Versuch gestartet, ihren Glauben für junge Leute verständlich zu machen. Kann man auch damit im Unterricht arbeiten?

Mendl: Nein, ich halte gar nichts von Bestrebungen, den Youcat als Unterrichtsbuch einzuführen. Sein Horizont ist viel zu eng. Er behandelt nur Fragen von kirchlichen Insidern. Der Religionsunterricht aber muss sich auch an Ungläubige, Suchende und Fragende richten.

Inszenieren Sie auch Rituale aus anderen Religionen?

Mendl: Nein. Es steht Christen nicht zu, die heiligen Handlungen anderer Religionen nachzuvollziehen. Ich würde es zum Beispiel ablehnen, im christlichen Religionsunterricht ein Passahmahl zu feiern. Aber es gibt Zwischenformen: So könnte man die Speisen eines Passahmahls zubereiten, gemeinsam essen und dazu die entsprechende Stelle aus der Exodusgeschichte lesen. Und natürlich besuchen wir im Rahmen des performativen Religionsunterrichts auch Synagogen und Moscheen.

Wie lässt sich das alles in eine Schulstunde von 45 Minuten bringen?

Mendl: Für manche Projekte braucht man eine ganze Woche, etwa wenn Schüler im sozialen Brennpunkt mitarbeiten oder Schülerinnen mit Nonnen im Kloster leben wollen. So etwas kann im Rahmen der bekannten Schulprojektwochen organisiert werden. Aber auch in eine normale Schulstunde lassen sich kleine performative Elemente einbauen, wo Religion nicht nur gelernt, sondern erlebt werden kann.

4 Wochen freier Zugang zu allen PF+ Artikeln inklusive E-Paper
Personalaudioinformationstext:   Hans Mendl, geboren 1960, ist Professor für katholische Religionspädagogik und Didaktik des Religionsunterrichts an der Universität Passau und Mitherausgeber der Schulbuchreihe »Religion vernetzt«. Hans Mendls Buch »Religion erleben« können Sie hier im Publik-Forum-Shop bestellen.
Schlagwort: Religionsunterricht
Publik-Forum
Publik-Forum
Einen Moment bitte...
0:000:00
1.0