»Geliebtes Amazonien« – was für eine Enttäuschung
Das Schlussdokument des Papstes zur vielbeachteten Amazonas-Synode ist eine poetische Liebeserklärung an die Regenwaldregion. Schon der Titel Querida Amazonia (Geliebtes Amazonien) spricht Bände. Der Papst zitiert Pablo Neruda und Mario Vargas Llosa, lässt Kolibris flattern, Wasserfälle donnern und charakterisiert die indigene Bevölkerung als eine Gemeinschaft voller Weisheit. Die westliche Welt, aber auch die Kirche schulde ihnen Respekt. Mehr noch: »Wir müssen von ihnen lernen, ihnen … zuhören und sie um Erlaubnis bitten, unsere Vorschläge darlegen zu dürfen.« Dass dieses Ideal meilenweit von der Realität in Lateinamerika entfernt ist, weiß der Papst natürlich auch.
Deswegen folgen den poetischen Passagen harte Anklagen gegen Landraub, Korruption, Sklaverei, Mord, Konsumismus und politische Lüge. Dazu gehört die Behauptung, Amazonien sei »einfach ein enorm leerer Raum, der besetzt, ein Reichtum im Rohzustand, der entwickelt, eine weite Wildnis, die gebändigt werden muss«. Genau darin besteht ja – fast wortgleich! – die rhetorische Verheißung Jair Bolsonaros, Präsident Brasiliens, mit der er das Roden legalisiert und eine Goldgräberstimmung befeuert. In Brasilien werden sie diese Passage zu lesen wissen.
Menschenrechtlich und politisch ist der Text eindeutig und lässt an Klarheit nichts zu wünschen übrig. Querida Amazonia ist eine Fortschreibung und Konkretisierung der Öko-Enzyklika Laudato Si, bezogen auf das Regenwaldgebiet. Genau wie in dem berühmten Lehrschreiben versucht Franziskus auch hier die wirtschaftliche, soziale und politische Zusammenhänge von Anfang an in die religiöse Reflexion, in die Frage nach Gott einzubeziehen. Ziel ist eine neue Inkulturation des Christentums. Und diese ist – das weist er mehrfach hin – nicht einförmig und ausgrenzend, sondern inklusiv. »Wir sollten nicht vorschnell einige religiöse Ausdrucksformen … als Aberglaube oder Heidentum bezeichnen.« Es sei möglich, sich auf »ein indigenes Symbol zu beziehen, ohne dass man es notwendigerweise als Götzendienst betrachten« müsse. Das ist ein Statement gegen jene katholischen Eiferer, die während der Synode in einer spektakulären Aktion eine Pachamama-Statue als vermeintliche Götzenfigur in den Tiber warfen und dafür in der reaktionär-katholischen Presse, auch hierzulande, gefeiert wurden. Dass der Papst darüber sehr verärgert war, kann man dem Schlussdokument entnehmen.
Verärgert war der Papst allerdings auch über die westeuropäische Perspektive, die die Amazonas-Synode vor allem unter der Fragestellung wahrnahm, ob er die Zugangswege zum Priestertum für verheiratete Männer ändern würde. Eng damit verknüpft war die Machtfrage. Wie ernst meint es Franziskus mit dem Prinzip der Subsidiarität? Wie viel Spielräume ermöglicht er den einzelnen Ortskirchen, damit sie die Seelsorge in ihren Breitengraden unter den vorherrschenden kulturellen Bedingungen möglichst gut erfüllen können?
Jedermann weiß, dass verheiratete Männer und Frauen im Amazonasgebiet die Gemeinden vor Ort leiten, während der Priester oft nur einmal im Jahr vorbeikommt, um die Messe zu halten. Um der Gefahr zu begegnen, dass der Priester zum wandernden Magier wird oder als solcher wahrgenommen wird, wäre es nicht nur nachvollziehbar, sondern auch theologisch geboten gewesen, dass Gemeindeleiter vor Ort zum Priester, zur Priesterin oder wenigstens zur Diakonin geweiht werden können – zumal sich die Synodenväter mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit für sogenannte viri probati (verheiratete, bewährte Männer) als Priester ausgesprochen hatten. Im Text führt Franziskus aus, dass die Ausformung des Priesteramts »nicht monolithisch« sei. Doch zu einer konkreten Umsetzung findet sich nicht einmal eine Fußnote. Lediglich die Warnung, Frauen in Ämtern könnten auch der klerikalistischen Versuchung erliegen.
Was für eine Enttäuschung! Was für eine Missachtung des synodalen Votums. »Ich hätte den Gemeinden in Amazonien gewünscht, dass man ihnen diese Möglichkeit einräumt«, sagte Essens Bischof Franz-Josef Overbeck, der dem Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat vorsteht. Kardinal Marx sagte mit bischöflichem Zweckoptimismus, die Tür sei ja »nicht völlig geschlossen«, das Papier atme den Geist der Synodalität. Man dürfe und müsse natürlich weiter debattieren.
Nur: Warum Synoden, die mit riesigem Aufwand organisiert werden und in der katholischen Welt Erwartungen wecken, die monarchisch-absolutistische Struktur werde sich endlich zeitgemäß wandeln? Warum ein Schlussdokument, wenn es keine Richtung vorgeben soll? Warum weiterdiskutieren, wenn gar nichts Neues rauskommen soll oder darf? Das ist ein entmutigendes Vorzeichen für den eben erst mit viel Schwung gestarteten Synodalen Weg. Wie bitter, wenn es am Ende auch hier nur heißen würde: Gut, dass wir darüber geredet haben.
Entweder weiß der Papst nicht, wie er die Kirche organisieren will oder er traut sich nicht, sie in seinem Sinne zu reformieren. Dann sollte er aber auch keine Erwartungen wecken und auf seine Sprache achten. Mag sein, dass man es in Südamerika mit den theologischen Begriffen nicht so genau nimmt. Dass man dort unbefangen vom Teufel sprechen kann oder von einer chiesa synodale ohne erklären zu müssen, was man damit meint. Aber im angelsächsischen und im europäischen Kulturkreis funktioniert das nicht. Das sollte auch der Südamerikaner Franziskus mittlerweile erkennen können.
