Herr Bischof, treten Sie zurück!
Wenn eine Führungskraft versagt, wenn sie durch undurchsichtiges und verschwenderisches Finanzgebaren und egozentrischen Führungsstil ins Gerede gerät und obendrein mit der Justiz zu tun bekommt, dann muss sie zurücktreten. Minister, Firmenchefs oder Fußballtrainer werden in solchen Fällen baldigst entlassen, damit sie keinen weiteren Schaden anrichten. Nur in der katholischen Kirche funktioniert dieser reinigende Mechanismus nicht.
Auf erschreckende Weise zeigt sich das derzeit im Bistum Limburg. Seit Franz-Peter Tebartz-van Elst vor sechs Jahren den Hirtenstab des beliebten und bescheidenen Franz Kamphaus übernahm, hat er die früher so offene Diözese in eine tiefe Krise gestürzt. Von Anfang an produzierte der Neue aus dem Münsterland Unmut und negative Schlagzeilen: Mit dem Neubau einer luxuriösen Bischofsresidenz samt Wandelgarten und Privatkapelle verärgerte er die Kirchengemeinden, die selbst kaum das Geld zur Sanierung ihrer Kirchendächer aufbringen. Systematisch verdrängte Tebartz alle Nicht-Kleriker aus wichtigen kirchlichen Aufgaben: Laientheologen sollten nun keine Gemeinden mehr leiten, Gemeindereferentinnen durften sich nicht mehr Seelsorgerinnen nennen, Gemeindemitglieder am Sonntag keine Wortgottesdienste mehr halten, Kommunionhelfer nicht mehr mit am Altar stehen.
Der Bischof hat einen Hang zu klerikaler Pracht
Obwohl er im Einzelgespräch einen freundlichen Ton anschlägt, ging der Limburger Bischof im Konfliktfall scharf und unnachsichtig gegen unliebsame Kollegen und Mitarbeiter vor. So wurde der Wetzlarer Bezirksdekan Peter Kollas stante pede des Amt enthoben, nachdem er ein homosexuelles Paar gesegnet hatte. Dem Leiter des Frankfurter Hauses der Begegnung, Patrick Dehm, wurde fristlos gekündigt, weil er eine leicht süffisante Bemerkung über den Umgang des Bischofs mit seinen Liegenschaften gemacht hatte.
Vor allem der Hang zu Pomp und klerikaler Pracht dieses Bischofs stieß den Gläubigen übel auf: Seine Messdiener mussten weiße Handschuhe tragen, die schlichten Stühle im Limburger Dom teuren neuen Eichenbänken weichen. Und für seine Getreuen erwarb Tebartz nun wieder kirchliche Ehrentitel (»Protonotar«) in Rom – eine Praxis, die die von seinen beiden Vorgängern längst abgeschafft worden war. Überdies hat sich der 54-jährige sehr unüberlegt in einen Rechtsstreit mit dem Spiegel verwickelt; nun droht ihm ein Verfahren wegen uneidlicher Falschaussage.
Katholiken dürfen ihre Führungskräfte nicht wählen
Die Verzweiflung im Bistum ist seit Langem groß, doch außer Jammern, Spott und Briefen an die Bistumsleitung ist bisher wenig geschehen. Denn gegen ihre Führungsleute hat die katholische Basis kaum eine Handhabe. In der alten Kirche hatte das Volk unfähige Bischöfe einfach aus dem Amt gejagt. Doch das sieht das heutige Kirchenrecht nicht mehr vor. In der hierarchisch strukturierten römischen Kirche werden Priester und Bischöfe den Gläubigen einfach vor die Nase gesetzt. Katholiken dürfen ihre Führungskräfte nicht mitwählen, sie haben auch kein Veto-Recht und keinerlei Möglichkeit, eine Fehlbesetzung rückgängig zu machen. Alle synodalen Gremien wie Pfarrgemeinderäte und Diözesanversammlungen bleiben zahnlose Tiger, weil sie bei Personalentscheidungen gar nicht erst gefragt werden. Nur der Papst kann einen Bischof entlassen.
Nun aber scheint das Fass in der Diözese Limburg allmählich überzulaufen. Bischof Franz-Peter hat seinen schärfsten Kritiker, den Frankfurter Stadtdekan Johannes zu Eltz, in einer Plenarsitzung indirekt zum Rücktritt aufgefordert, weil das Vertrauensverhältnis zu ihm gestört sei. Jetzt solidarisieren sich Gläubige aus dem ganzen Bistum mit dem Dekan, sie protestieren und sammeln Hunderte von Unterschriften in den Kirchen. Das Bistum ist in Aufruhr, die Katholiken verlieren ihr sonst so duldsames Harmoniebedürfnis und gehen auf die Barrikaden. Bleibt abzuwarten, wann auch Pfarrgemeinderäte und Synodale öffentlich fordern, was als einziger Ausweg erscheint: »Herr Bischof, treten Sie zurück!«
Medien und Justiz stellen den Bischof in Frage
Das Drama von Limburg ist aber keine rein lokale Posse. Es macht auf spektakuläre Weise deutlich, wie reformbedürftig die hierarchischen Strukturen in der katholischen Kirche sind. Es waren ja nicht die Gläubigen oder ihre Gremien, die diesen Bischof ernsthaft in Frage stellen konnten, sondern vor allem die Medien und die Justiz. Ohne diese Errungenschaften des modernen demokratischen Staates könnte der Limburger Bischof sein Amt bis heute weitgehend unangefochten bekleiden.
Der Reform der Kurie, die Papst Franziskus vor Kurzem angestoßen hat, muss dringend auch eine demokratische Reform der Ortskirchen folgen. Es ist längst an der Zeit, dass die kirchliche Basis bei der Besetzung von Leitungsfunktionen mitreden, ihre Bischöfe selber wählen und im Notfall auch wieder entlassen darf.
