»Hier ist die Kirche ein wachsender Zwerg«
Publik-Forum: Herr Professor Sternberg, beim Katholikentag Ende Mai in Leipzig bleiben Repräsentanten der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland (AfD) außen vor: Auf die Podien sind sie nicht eingeladen. Halten Sie das nach deren großen Erfolgen bei drei Landtagswahlen weiter für richtig?
Thomas Sternberg: Die Entscheidung, Vertreter der AfD nicht einzuladen, habe ich von meinem Vorgänger im Amt, Alois Glück, übernommen. Ich habe keine Veranlassung gesehen, diese Entscheidung rückgängig zu machen. Es gibt eindeutig ausländerfeindliche Äußerungen in der AfD, die dem hohen Engagement vieler Katholikinnen und Katholiken in der Flüchtlingshilfe direkt zuwiderlaufen. Natürlich muss man mit den Menschen reden, die diese Sammelbewegung wählen. Man muss klären, warum sie sich nicht mehr von den anderen Parteien vertreten fühlen.
»Nicht mehr vertreten« fühlen sich auch die Demonstranten von »Pegida« und »Legida«. Katholiken wie Frank Richter, Direktor der Landeszentrale für politische Bildung in Sachsen, halten den Dialog mit diesen AfD-nahen Sammelbewegungen für unabdingbar. Wie will der Katholikentag ihn führen, wenn er sich gleichzeitig deren Programmatiker vom Leibe hält?
Sternberg: Der Dialog mit den Menschen, die AfD wählen oder zu Pegida-Demonstrationen gehen, ist etwas ganz anderes, als deren leitende Figuren einzuladen. Und Legida – der Pegida-Ableger in Leipzig – ist sehr viel kleiner, als man denkt. Man darf den Rechtspopulismus nicht überbewerten. Ich warne vor der Dämonisierung Sachsens, vor der Dämonisierung eines ganzen Landes.
Der sozialdemokratische Oberbürgermeister von Leipzig sagt in einem Interview auf der Katholikentagswebsite jedenfalls: »Ich halte die Stimmung in Sachsen kaum noch aus.«
Sternberg: Es gibt natürlich auch solche Stimmen. Ich habe auch schon von besorgten Menschen gehört, die sich fragen, ob sie denn überhaupt zum Katholikentag in Leipzig fahren können bei der grassierenden Fremdenfeindlichkeit dort. Ich sage: Leipzig ist eine weltoffene Stadt. Sie war es und sie ist es weiterhin.
Warum hat das Zentralkomitee der deutschen Katholiken für den 100. Katholikentag Leipzig als Schauplatz ausgewählt?
Sternberg: Es war ein logischer Schritt vom Katholikentag in Berlin 1990, der endlich in einer mauerfreien Metropole stattfinden konnte, über den Katholikentag in Dresden 1994 hin zu Leipzig. In dieser Stadt sind wir jetzt mit einer höchst modernen Frage konfrontiert: Wie leben Katholikinnen und Katholiken in einem völlig religionsfernen Umfeld? In einer Stadt, in der sie aktuell nur 4,3 Prozent der Bevölkerung ausmachen, in der sie gegenüber den Protestanten in der Minderheit sind, vor allem aber mit Nachbarn und Arbeitskollegen leben, die zu über achtzig Prozent religionslos sind? Mit dieser Materie müssen wir uns in Leipzig befassen; dort können wir ihr nicht ausweichen. In dieser Stadt stellen wir uns der Zukunft. Und das ist gut! Wir pflegen auf diesem Katholikentag nicht die Restbestände eines katholischen Milieus, sondern erleben die Minderheitensituation.
Ist das nicht deprimierend für Sie?
Sternberg: Nein. Es geht einfach um einen Wechsel der Perspektive. Wir denken im Westen Deutschlands ja meist von einem »Noch« her: Wir sind noch soundso viele Katholiken, wir haben noch soundso eine Präsenz in der Öffentlichkeit ... In Leipzig haben wir jetzt aber eine Kirche vor uns, die wächst. Zwar von einem sehr, sehr niedrigen Stand aus, aber man kann vom »Schon« reden. Da lebt kein schrumpfender Riese, sondern ein wachsender Zwerg.
Erwarten Sie diesen Wechsel der Perspektive in den kommenden Jahren auch für den Westen der Republik?
Sternberg: Der Erfurter Theologe Eberhard Tiefensee sagt schon seit den 1990er-Jahren: »Der Westen hat seine Ost-Erfahrung noch vor sich.«
Fürchten Sie nicht, dass der Katholikentag in Leipzig einfliegt wie ein Ufo? Dass er als unerklärlich fremd wahrgenommen wird?
Sternberg: Unsere Leipziger Partner und die Mitarbeiter aus dem gastgebenden Bistum Dresden-Meißen haben gute Ideen, die das verhindern werden. Im Themenbereich »Leben mit und ohne Gott« haben wir eine ganze Menge Veranstaltungen, für die man keine Teilnehmerkarte braucht und auch nichts bezahlen muss. Wir machen also ein niedrigschwelliges Angebot für alle. Dann werden wir in Leipzigs Innenstadt Kirchenbänke aufstellen, die zum Dialog einladen mit kirchlichen Leuten. Es wird einen Briefkasten geben, in den man Gebetsintentionen einwerfen kann, und vieles mehr.
Katholikentage gibt es seit 1848. Ihre inhaltliche Ausrichtung schwankte zwischen »Bollwerkskatholizismus«, Beschäftigung mit der sozialen Frage, innerkirchlichen Konflikten und gesellschaftlichem Protest. Papst Franziskus fordert von den Katholiken heute: Denkt selbst, handelt nach eurem Gewissen! Sind die Katholikentage damit befreit davon, katholische Demonstrationen zu sein?
Sternberg: Katholikentage hatten immer eine seismografische Funktion. Sie haben immer Themen behandelt, die in der jeweiligen Zeit in der Luft lagen. In diesem Jahr sind es ganz wesentlich die Frage nach Integration von Menschen aus anderen Kulturkreisen, die Flüchtlingsthematik und der Dialog zwischen Christen und Muslimen. »Demonstration« ist dabei nicht angesagt. Katholiken können ihre Haltung und vor allem ihre Kirche nicht wie ein funkelndes Juwel vor sich her tragen, das die Welt nicht berührt. Daran erinnert uns im Augenblick vor allem der Papst, der sich öffnet, zu den Menschen geht, sich berühren lässt, der die »Option für die Armen« starkmacht. Die innerkirchlichen Fragen werden deshalb nicht unwichtig, aber sie sind im Angesicht dieser Herausforderungen zweitrangig. Für uns Katholiken heißt das: Wir müssen unsere innerkirchlichen Fragen in Ordnung bringen, um dann umso freier unsere Aufgaben in der Welt und für die Menschen wahrzunehmen.
Was heißt denn »in Ordnung bringen«?
Sternberg: Da muss man Streitfragen lösen, muss zur besseren Zusammenarbeit kommen. Der Papst spricht ja unentwegt von einer synodalen Kirche. Da muss man mal fragen: Wie soll sie eigentlich Wirklichkeit werden? Dafür müssen wir den Gesprächsprozess fortsetzen, den die Bischöfe vor einiger Zeit angestoßen haben. Auch die Frage, wie unsere Gemeinden nach der pastoralen Neukonzeption aufgestellt sind, muss beantwortet werden. Und die Frage nach der Stellung der Frau in der Kirche.
Wenn Katholiken herausfinden wollen, wie eine synodale Kirche funktioniert, könnten sie sich von ihren evangelischen Geschwistern inspirieren lassen. Aber auf diesen Aspekt wird im Programm kein gesteigerter Wert gelegt. Zum Beispiel fehlt die Reformationsbotschafterin Margot Käßmann in Leipzig. Ist das Zufall? Oder Absicht?
Sternberg: Das ist Zufall. Die ökumenische Ausrichtung der Katholikentage ist ja nun wirklich zu einer Selbstverständlichkeit geworden, spätestens seit dem ersten Ökumenischen Kirchentag 2003. Ich jedenfalls freue mich schon jetzt auf die Teilnahme an der Eröffnungsfeier des Reformationsjahres am 31. Oktober.
