Gottesfragen
Im Leben wie im Sterben
Unsere Leser Hermann-Josef Lüther , Wolfgang Eisenbeiss und Georg Strehl fragen: »Wie soll man die Tiefe der kosmischen Räume mit der Allgegenwart Gottes zusammendenken, die auch meine Gedanken umfasst?«
»Mir wird da immer unheimlicher zumute«, so lautet die Schlussfolgerung des Lesers, aus dessen Brief diese Gottesfrage entnommen ist. In der Tat, das Gefühl der kosmischen Entheimatung kennen viele. »Ein Nichts vor dem Unendlichen, ein All gegenüber dem Nichts, eine Mitte zwischen Nichts und All – das ist der Mensch. Wir brennen vor Gier, einen festen Grund zu finden und eine letzte beständige Basis. Aber all unsere Fundamente zerbrechen, und die Erde öffnet sich zum Abgrund« – schrieb Blaise Pascal (1623-1662), der große Mathematiker und Physiker in seinem Tagebuch, den »Pensées« (Fragment 185). Was Pascal, ganz ähnlich wie der Leser, hier auf den Punkt bringt, ist eine im Wortsinn grundstürzende Erfahrung. Wir Menschen sind merkwürdige Zwitterwesen: Im Vergleich zur räumlichen wie zeitlichen Unermesslichkeit des Kosmos sind wir ein Nichts, ein Windhauch, ein zu vernachlässigender Schatten; und doch können wir das Ganze des Kosmos denken. Wir sind in quantitativer Hinsicht »ein Tropfen am Eimer«, wie das biblische Bild bei Jesaja (40,15) hierfür lautet; hingegen in qualitativer Hinsicht ist jeder Mensch eine ganze Welt, unerschöpflich und »tiefer als das Meer« (vergleiche Jesus Sirach 24,29). Und mit diesem unerschöpflichen Reichtum soll im Moment unseres Sterbens Schluss sein? Unser Ewigkeitsbewusstsein eine Illusion? Weil der Gedanke so skandalös ist, haben die Religionen im Laufe der Jahrtausende unterschiedlichste Mythen, Bilder, Erzählungen, philosophische Konzepte entwickelt, um das radikal Unfassliche fasslich zu machen.
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Joachim Negel, geboren 1962,ist Professor für Fundamentaltheologie an der Universität Fribourg (Schweiz). Wenn Sie eine Gottesfrage an ihn stellen wollen: [email protected],Betreff: Gottesfragen.

