Kardinal Arns ist tot
Kardinal Paulo Evaristo Arns war unter den befreiungskirchlich engagierten Bischöfen Lateinamerikas der am meisten »papabile«. Am 14. Dezember ist er an Organversagen gestorben. Die letzten Jahre hatte er in der Franziskanergemeinschaft in der Provinzstadt Tobao da Serra, unweit der Metropole Sao Paulo, gelebt und die Öffentlichkeit gemieden. Arns, Jahrgang 1921, stammte noch aus der alten, vorkonziliaren Kirche. Er wurde 95 Jahre alt.
Als er im Dezember 1943 in den Franziskanerorden eintritt, ist Arns gerade mal 22 Jahre alt. Paulo Evaristo stammt aus einer Einwandererfamilie. Die Eltern, Helene und Gabriel Arns, sind kleine Leute, stammen aus dem Moselgebiet. Zeitlebens spricht Arns gut Deutsch, mit der moselfränkischen Färbung seiner Eltern. Dreizehn Kinder zählt die fromme Bauernfamilie. Paulo Evaristo ist Nummer fünf. Drei seiner Schwestern werden Ordensfrauen: Zilda Arns wird die Präsidentin der Pastoral da Criança, des Kinderhilfswerks der katholischen Kirche in Brasilien. (Sie starb beim Erdbeben im Januar 2010 in Haiti.) Ein Bruder wurde ebenfalls Franziskaner.
Paulo Evaristo Arns legt in seinem Theologenleben einen weiten geistigen Weg zurück. Ab 1945 lehrt er die alte, vorkonziliare Theologie und ist nebenbei Gemeindarbeiter in Petropolis. 1950 schickt man ihn zum Studium der Literatur, Griechisch und Alten Geschichte nach Paris. Das weitet den Horizont. Als er Bischof wird, gleich nach dem Konzil 1966, wählt er den Wappenspruch »Ex spe in spem«, »Aus Hoffnung hoffend«. In jenen Jahren entsteht in Brasilien die Befreiungstheologie. Die ersten Basisgemeinden machen sich auf den Weg. Es wächst eine Kirche der Armen – und Arns ist vorneweg mit dabei. Seit 1970 leitet er die große Erzdiözese Sao Paulo in der rasend wachsenden Industrieregion Brasiliens. Den Verfolgten der Militärdiktatur steht er bei. Papat Paul VI. macht ihn 1973 zum Kardinal.
Als in Rom ein Klimasturz eintritt und der neue Papst Johannes Paul II. die Befreiungstheologie unter Marxismus-Verdacht stellt und mit kaum verhohlener Ablehnung behandelt, beginnen innerkirchlich schwierige Jahre. Arns verteidigt Theologen wie den vom Vatikan auf Betreiben des Chefs der damaligen Glaubenskongregation, Joseph Ratzinger, zu einem Schweigejahr verurteilten Leonardo Boff. Arns hält Kurs, solange bis sich nach rund einem Jahrzehnt die Zeiten bessern. Rom hat mittlerweile sein Erzbistum zerstückelt – auch um seinen Einfluss zu schmälern. Immer mehr – vom polnischen Papst eingesetzte – konservative Bischöfe, verstehen kaum, weshalb Arns sich so massiv für die Verlierer des brasilianischen Wirtschaftsbooms – Arme, Indigene und Armutsflüchtlinge – einsetzt.
Paulo Evaristo Arns wäre vermutlich 1978 ein guter Papst geworden – damit wäre die Geschichte anders verlaufen. Anstelle der Unterdrückten in Polen und Osteuropa hätten die Unterdrückten Südamerikas im Focus der Kirchenleitung gestanden. Allein, das war nicht möglich. Denn als vor Beginn des Konklaves das Flugzeug mit Kardinal Arns in Rom landete, eilten sogenannte »Sanitäter« in die Maschine. Sie drückten den verdutzten Arns auf einen Krankenstuhl und trugen ihn in eine beim Flugzeug bereit stehende Ambulanz. Der Krankenwagen transportierte den brasilianischen Kirchenführer mit Blaulicht weg. Und die Medien meldeten: Kardinal Arns gesundheitlich nicht fit – das war ein Ausschluss-Kriterium für die Papstwahl im Herbst 1978, nur wenige Wochen nach dem unerwarteten Tod des 33-Tage-Papstes Johannes Paul I.. Franziskaner , nicht nur in Brasilien, erzählen gerne, dass das Opus Dei jene »Sanitäter« geschickt habe.
