Krach unter den Kardinälen
Der am 28. Februar 2013 zurückgetretene Benedikt XVI. hat kein wohl bestelltes Haus hinterlassen. Am Ende war dieser menschenscheue Papst isoliert von der Kurie, dem vatikanischen Macht- und Verwaltungsapparat. Dessen Drahtziehern, den Kurienkardinälen, war er als theologischer Dogmatiker haushoch überlegen. Doch beim Ränkespiel und bei den Intrigen der Juristen und Kirchenrechtler unter den Kurienkardinälen war er hoffnungslos unterlegen.
Benedikt hatte sich zurückgezogen in den kleinen Kreis einer Handvoll Menschen um seinen stets loyalen Sekretär, Erzbischof Georg Gänswein. Als ihn dann in dieser Mini-Wagenburg »Vatileaks« – der viele Monate währende Dokumente- und Briefe-Klau durch Kammerdiener Paolo Gabriele – traf, wusste Benedikt keine Antwort. Kurze Zeit später gab der bayerische Theologenpapst auf.
All diese Vorgänge lagen beim Vorkonklave – den Beratungen vor Beginn der offiziellen Papstwahl – auf dem Tisch. Alle wahlberechtigten Kardinäle, 115 an der Zahl, sind unterdessen in Rom eingetroffen; weitere Kardinäle nahmen an den Debatten und Netzwerktreffen teil. Ziel dieser Vortreffen war es, mögliche Papstkandidaten auszumachen und ihr Unterstützerfeld zu sondieren.
In Benedikts versiegelter Wohnung lagert ein geheimer Bericht
Die US-Kardinäle, allen voran Timothy Dolan aus New York und der Kapuziner Sean Patrick O'Malley aus Boston, fordern für alle Papstwähler nach wie vor Einsicht in den brisanten Bericht über die internen Skandale der Kurie, den Benedikt bei drei Kardinälen in Auftrag gab, später mit Erschütterung las und einzig für seinen Nachfolger im Safe der nun versiegelten Papstwohnung hinterlegt hat.
In dem Geheimbericht geht es um Korruption in der Kurie und um kriminelle Aktionen im Zusammenhang mit der berüchtigten, sechs Milliarden Euro schweren Vatikanbank IOR, dem Institut für religiöse Werke. Ferner geht es um Homosexualität sowie um Seilschaften und Abhängigkeiten in der Kurie.
Die drei Autoren des Berichts, darunter der 82-jährige Kirchenjurist und Opus Dei-nahe Kurienkardinal Julian Herranz, hüllen sich in Schweigen. Doch die Kardinäle aus dem Ausland wollen Aufklärung. Ihr römischer Verbündeter ist der schwäbische Kurienkardinal Walter Kasper. Er fordert die »gründliche und ausgiebige Diskussion der Missstände, damit diese abgestellt werden können«. Es brauche »revolutionäre« Veränderungen in der Kurie. Ja, er kritisierte Benedikt XVI., indem er ihn öffentlich aufforderte, bloß keinen Einfluss auf die Kardinäle auszuüben.
Ob es Kasper gelungen ist, das Vorkonklave dazu zu nutzen,«endlich bestimmte grundlegende Probleme zu diskutieren«, wie er sagte, bleibt vorerst unklar. Man wird es möglicherweise nach der Wahl auf Umwegen erfahren.
Das auflagenstärkste Magazin Italiens, Famiglia Cristiana, das von den Paulinern herausgegeben wird, argumentiert ähnlich wie der frühere Ökumene-Kardinal Kasper. Famiglia Cristiana fordert vom kommenden Papst »Null Toleranz gegenüber sexuellen Gewaltverbrechen in der Kirche«, mehr »Raum für offene Diskussionen in der Kirche« sowie die »Auflösung der Vatikanbank IOR«, bei der viele Konten von Strohmännern für anonyme Personen gehalten werden, und »die Überweisung der Kirchengelder an ethische Banken«.
