Macht einen Italiener zum Papst!
Mit einem Paukenschlag ist Papst Benedikt XVI. in die Geschichte eingegangen. Zum ersten Mal in der Neuzeit ist ein Papst zurückgetreten. Er wollte der Kirche einen Dienst erweisen, hatte Joseph Ratzinger zur Begründung gesagt. Er wollte wohl eher nicht so enden, wie sein Vorgänger Papst Johannes Paul II., der am Ende manipuliert und todkrank seiner selbst nicht mehr Herr war. Er wurde von der Kurie förmlich vorgeführt. Sie hatte längst gemacht, was sie wollte.
Also lieber ein Papst-Rentner, ein ehemaliger Pontifex oder Stellvertreter Gottes a.D. sein als ein alter Mann an der Kirchenspitze, der die Kurie, die Kirchenzentrale, nicht im Griff hatte und nur noch ohnmächtig die Machtkämpfe erdulden musste.
Welchen Dienst wollte Ratzinger über die Konsequenz aus der eigenen Hinfälligkeit hinaus der Kirche erweisen? Es ist schwer vorstellbar, dass er alle Folgen abgesehen hat, die sich aus dem Rücktritt ergeben. Ratzinger hat einen Prozess eingeleitet, der vermutlich erst langfristig die volle Tragweite zeigen wird. Er hat das Papstamt relativiert, vermenschlicht und damit den ersten Schritt zur Modernisierung der Kirchenzentrale getan.
Die italienische Nachrichtenagentur ANSA hatte Georg Ratzinger, den Bruder des Alt-Papstes, befragt, ob Benedikt XVI. einen Kronprinzen auserkoren habe. Georg feuerte das Papst-Toto, wie es in Rom mit Wetten auf den aussichtsreichsten Papabile üblich ist, nicht an. Dennoch antwortete er überraschend mit zwei Hinweisen: Erstens sei die Zeit für einen schwarzafrikanischen Papst – von dem viele träumen als die weitere Zeitenwende in Rom – noch nicht gekommen. Zweitens wünsche sich der Papst stattdessen einen italienischen Nachfolger.
Was spricht für einen Papst aus Italien?
Die katholische Kirche ist also noch nicht reif für ein nichteuropäisches Oberhaupt? Das hat programmatische Bedeutung für das Konklave.
Ein Papst aus Übersee würde den Universalitätsanspruch des Papstamtes natürlich noch mehr unterstreichen als bisher. Er würde das Amt erneut überhöhen. Eine von den Fürsprechern unterstellte neue Orientierung des Pontifex, der sich dann stärker auf seine ferne Heimat ausrichtete, wäre vielleicht wünschenswert, aber vergisst die Dynamik der Kurie. Sie ist italienisch geprägt. Der Vatikan liegt schließlich in Rom.
Nahezu alle Prälaten, die an den Tiber kommen und länger in der Ewigen Stadt leben, lassen sich von Rom verändern. Sie werden italienisiert. Das Amt und die kuriale Hofhaltung, die schließlich vom Machtanspruch des Chefs lebt, isoliert den Papst und prägt ihn schleichend römisch. Der 35 Jahre lang unter Karol Wojtyla und Joseph Ratzinger vernachlässigte Kurienapparat hätte beispielsweise mit einem Schwarzafrikaner noch leichteres Spiel als mit einem Mann, der die Kurie kennt und sie regiert, statt sich von ihr fremdbestimmen zu lassen.
Eine Lösung, diese Abhängigkeit zu beschränken, war früher die Berufung eines Kardinalstaatssekretärs als Regierungschef neben dem absoluten Monarchen. Das hat bei Karol Wojtyla mit Angelo Sodano halbwegs funktioniert und bei Benedikt mit Tarcisio Bertone völlig versagt.
Gegen die 1870 durch das Unfehlbarkeitsdogma übersteigerte Papstrolle, die angesichts der sehr unterschiedlichen Problem der 1,2 Milliarden Katholiken längst nicht mehr zeitgemäß ist, hilft nur eine Rücknahme des Absolutheitsanspruchs. Das wird Rom explizit nie zugeben. Doch längst gehorchen die Katholiken in aller Welt nicht mehr bedingungslos den Vorschriften aus dem Vatikan. Das ist ja der eigentliche Kern der Kirchenkrise. Die Menschen folgen Rom nicht, wenn sie anderer Meinung sind oder ihre Lebenserfahrung Rom widerspricht. Ratzinger hat dies als Relativismus beklagt. Man könnte es auch als Reife der Katholiken bezeichnen, die sich an der Botschaft orientieren und nicht an Dekreten und Dogmen, die trotz gegenteiliger kurialer Beteuerungen zeitbedingt entstanden und damit auch zu ändern sind. Der Anspruch, nur der Papst besitze die Wahrheit und interpretiere Gottes Wille als einziger richtig, nehmen ihm nur noch wenige fromme Seelen ab.
»Der Neue« müsste zulassen können
Die Konsequenz kann nur heißen: Macht einen Einheimischen, einen Italiener zum Bischof von Rom, der sich nicht so stark vom Papstamt faszinieren lässt und endlich in der Kirche einführt, was sie seit über 200 Jahren ignoriert hat: die Folgen der französischen Revolution, die Demokratie, die Aufklärung, die Menschenrechte. Das hat Benedikt XVI. abgelehnt und damit die Hoffnungen auf ein Aggiornamento nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil zerstört.
Der Neue müsste zulassen können. Mehr zu erwarten wäre übertrieben. Alle möglichen Nachfolger sind Kardinäle, die von den beiden konservativen Päpsten kreiert worden sind. Echte Reformer sind schwer auszumachen. Wenn sie aber den von Ratzingers Rücktritt eingeleiteten Wandlungsprozess ernst nehmen und auf römische Diktate zugunsten von offenen Entwicklungen verzichten, wird die katholische Kirche sich verändern, auch ohne gleich den Zölibat abzuschaffen oder Frauen zum Priesteramt zuzulassen.
