Papstwahl: »Es ist wie beim Zahnarzt«
Kardinal Rainer Maria Woelki – ausgerechnet einer der Jüngsten in dem nach dem Senioritätsprinzip – also gemäß Dienstalter – geordneten Wahlmännergremium für den neuen Pontifex, kritisiert den zurückgetretenen Papst Benedikt XVI. Der Mann mit der Harry Potter-Brille macht das natürlich sehr höflich. Er fordert »jetzt einen Papst, der in der Welt steht«. Dies bedeutet auf Vatikanisch: Der Theologe Benedikt XVI. war zu entrückt, zu wenig in der Welt der Leute von heute.
Und Woelki fordert zweitens »einen Papst, der den Menschen in Europa und Nordamerika auf ihre vielen Fragen Wegweisendes zu sagen hat«. Und einen Papst, »der ebenso auf die ganz anderen Fragen der Menschen im Süden, in Afrika oder Lateinamerika zu antworten weiß«. Für die arm Gemachten hatte der philosophische Abendländer Benedikt XVI. nicht viel Verständnis, geschweige denn dass er einen Draht zu den Menschen in der Dritten Welt fand.
Kardinal Lehmann von Mainz, der anders als der 56-jährige Berliner Newcomer Woelki seit 2005 über Konklave-Erfahrung verfügt, fordert ausführliche, grundlegende Diskussionen über die unabdingbare Reformierung der Kurie. Er nimmt den als korrupt geltenden römischen Machtapparat der katholischen Kirche scharf in den Blick. »Durchsetzungskraft«, so fordert er, müsse der neue Papst mitbringen, »und Durchsetzungswillen« gegenüber der Kurie. Dies bedeutet auf Vatikanisch: Daran ließ es Papst Ratzinger mangeln, weil der lieber den Großtheologen und Großphilosophen gab, als den entschlossenen Gestalter einer Kirche, die 1,28 Milliarden Mitglieder zählt – und die der Führung bedarf. Drängende Reformfragen müssen beantwortet werden: Ist mehr Freiheit für die Orts- und Kontinentalkirchen möglich? Welche Rolle nehmen künftig die Frauen in der römisch-katholischen Kirche ein? Wie muss die sexuelle Gewalt von Priestern geahndet werden? Und wie lässt sie sich verhindern? Braucht es weiter einen Zwangszölibat? Welche Antwort gibt es auf die fundamentale Krise der Gemeinden in Europa? Das sind nur einige der zu lösenden Probleme.
Der Kölner Kardinal Joachim Meisner ist ein Mann, der das Kirchenvolk nicht versteht –, nur dessen kleinen, traditionalistischen Teil. Deshalb macht er, was er häufig macht: Meisner klagt über die »Häme« und »Kritik«, mit der der alte Papst von den Deutschen begleitet worden sei. Doch immerhin: So umstritten Meisner in Deutschland ist, so kritisch ist der Mann in dem weit nach rechts verschobenen römischen Spektrum. Zwei Mal forderte er Benedikt XVI. auf, den skandalumwitterten Berlusconi-Fan, Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone endlich abzusetzen. Meisner zeigte Mut. Doch Benedikt XVI. winkte ab.
Der 79-jährige Schlesier Joachim Meisner ist einflussreich in Rom, denn er leitet eine der reichsten Diözesen auf dem Globus. Das Erzbistum Köln hat mehr als eine Milliarde auf der hohen Kante – und seit langem fördern Kölner Kardinäle Vieles in der katholischen Welt. Sogar den Kirchbau im thailändischen Sextourismus-Ort Pattaya.
Kurienkardinal Walter Kasper, der kurz nach dem Papstrücktritt 80 Jahre alt wurde und folglich noch wählen darf (weil an einem Konklave jene Kardinäle aus aller Welt teilnehmen, die zum Zeitpunkt des Pontifikat-Endes noch keine 80 sind), wünscht die völlige Reform der Kurie. Es sei Vieles schlecht bis sehr schlecht gelaufen. Auf einer Stippvisite bei der Deutschen Bischofskonferenz in Trier im Februar warf Kasper die Idee einer »Frauenweihe« für Gemeindediakoninnen in den Ring. Sie sei in der Dritten Welt vonnöten. Mindestens ebenso sehr wie in Europa und Nordamerika. Ein interessanter Gedanke? Unter den Kardinälen spricht man darüber.
Gegenüber diesen profilierten Kardinälen fallen der Münchner Reinhard Marx und der aus dem Sauerland stammende Langzeit-Römer Paul Josef Cordes ab. Cordes will, dass alles rasch vorübergehe, »wie beim Zahnarzt«. Und Marx, der in Deutschland den Gesellschaftsdenker gibt, redet in Rom davon, dass »das Konklave eben doch ein spirituelles Geschehen« sei.
