Hindu-Nationalismus
Ramas Rückkehr
Ist der 22. Januar dieses Jahres ein Wendepunkt in der Geschichte Indiens? An jenem Tag wurde der imposante Tempel zu Ehren von Gott Rama mit orientalischem Pomp in der nordindischen Stadt Ayodhya eingeweiht. Der Mythologie zufolge wurde dort Rama in einem Königshaus geboren. Die Zeremonie dauerte einen ganzen Tag und wurde landesweit vom Fernsehen übertragen. Obwohl ein Montag, hatten die staatlichen Büros halbtags geschlossen. In zahlreichen Geschäftshäusern und pädagogischen Einrichtungen bot man den Mitarbeitern die Möglichkeit, die Rituale von morgens bis abends zu verfolgen. Man stellte Öllämpchen auf den Fernsehapparat, um dem Geschehen selbst im Wohnzimmer eine weihevolle Atmosphäre zu verleihen. Das Besondere war, dass im Mittelpunkt der Feier nicht etwa die vier bedeutenden Acharyas (Gelehrten) des Hinduismus standen, sondern der Premierminister des Landes, Narendra Modi. Der Politiker saß neben den Priestern und nahm aktiv an den komplexen, vielfältigen Riten teil. Pratinav Anil, Historiker in Oxford mit Schwerpunkt auf der postkolonialen Entwicklung Indiens, fragte mit sarkastischem Unterton, ob mit diesem Akt die indische Nation auf den Status einer »Theokratie« gesunken sei, vergleichbar »mit Iran, mit Afghanistan und dem Vatikan«. Und weiter: »Wenn die Geschichte von Indiens Niedergang vom Säkularismus zum Hindu-Nationalismus geschrieben sein wird, könnte Ayodhya das abschließende Kapitel bilden.«
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Martin Kämpchen, geboren 1948, lebte als Schriftsteller und Übersetzer viele Jahre in Indien. 2022 erschien seine Autobiografie »Mein Leben in Indien« (Patmos).

