Religion als Waffe
Frankreich ist geschockt. Während die französische Polizei die mutmaßlich islamistischen Täter jagt, ziehen die Schockwellen weiter durch Europa und die ganze Welt. Allenthalben wird Entsetzen über den brutalen Mord an zwölf Menschen geäußert. Die Kirchen haben die Attacke auf die Wehrlosen als »abscheuliches Verbrechen« (Evangelische Kirche in Deutschland) verurteilt und davor gewarnt, jetzt Hass gegen Muslime zu schüren (Papst Franziskus).
Auch die muslimische Welt ist tief getroffen. Die schwarz gekleideten und mit Kalaschnikows bewaffneten Täter hatten bei ihrem Angriff auf das Satiremagazin »Charlie Hebdo« »Allah ist groß« und »Wir haben den Propheten gerächt« gerufen. Der Rat der Muslime in Frankreich erklärte: »Dieser extrem schwerwiegende barbarische Akt ist auch ein Angriff auf die Demokratie und die Pressefreiheit«.
Auch der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, sprach von einem feindlichen und menschenverachtenden Akt gegen unsere freie Gesellschaft. »Heute wurde nicht unser Prophet gerächt, sondern unser Glaube verraten und unsere muslimischen Werte in den tiefsten Dreck gezogen« , sagte er.
Ebenso wies der Koordiationsrat der Muslime in Deutschland die Tat schockiert zurück: »Terror hat keinen Platz in irgendeiner Religion«, erklärte der Sprecher des islamischen Dachverbands, Erol Pürlü. Im Koordinationsrat sind die vier großen Moscheeverbände Islamrat, Zentralrat der Muslime, Türkisch-Islamische Union (Ditib) und der Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ) zusammengeschlossen.
Navid Kermani: »Den Terroristen nicht auf den Leim gehen«
Der Schriftsteller Navid Kermani, selbst Muslim, erklärte: »Das ist nicht nur ein Anschlag auf eine Zeitschrift und auch nicht nur auf die Kunst. Das ist ein Anschlag auf ein Europa, das den Menschen ungeachtet ihres Geschlechts, ihres Glaubens, ihrer Herkunft, ihrer sexuellen Orientierung Würde, Freiheit und gleiche Rechte zuspricht – auch und zumal den Muslimen.« Trotz des Anschlags dürften die Europäer den Terroristen nicht auf den Leim gehen. Sie müssten die Freiheit hochhalten.
Muslimische Stimmen außerhalb Europas sind erst wenige zu vernehmen. In Kairo sagten islamische Gelehrte der anerkannten Al-Azhar-Universität: »Das ist ein krimineller Akt. Der Islam lehnt jedwede Gewalttaten ab«.
Alle diese und die nicht weniger entsetzten Reaktionen von Politikern und Journalisten zeigen: Die Attentäter haben Europa und weite Teile der Welt ins Herz getroffen. Sie haben zwei Grundregeln des Zusammenlebens im Westen in Frage gestellt, die da heißen: Konflikte müssen ohne Gewalt gelöst werden, und jeder muss seine Meinung sagen dürfen, ohne Angst vor Bestrafung, schon gar vor einer Hinrichtung, haben zu müssen. Wir alle verlassen uns darauf, dass diese Regeln gelten. Doch diese Sicherheit schwindet nun.
Die Attentäter und ihre Opfer hatten nur einen gemeinsamen Bezugspunkt: die Religion. Die Journalisten haben Religionen nur mit einem säkularen, satirischen, spöttischen Blick betrachtet. Für die Attentäter ist der Islam sakrosankt, jede Kritik daran muss bestraft werden. Für die einen war die Religion längst verdampft, sie brauchten sie nicht. Für die anderen ist sie absolute Richtschnur, Ideologie. Sie wurde im übertragenen Sinn zu einer Waffe in ihren Händen, denn ihre Haltung ist: Akzeptierst du meinen Glauben nicht, dann bringe ich dich um.
Was kann Europa tun?
Für Europa ist dieses Verhalten schockierend. Für andere Teile der Welt ist es hingegen Alltag. So in Syrien und Irak, wo die Terrormiliz »Islamischer Staat« tagtäglich Christen umbringt, auch in Iran und Nigeria werden Christen verfolgt, in Ägypten wurden auf christliche Gemeinden Anschläge verübt. Immer wird die Auseinandersetzung um Glauben oder Nichtglauben mit Gewalt geführt, und immer trifft es Wehrlose.
Terrorgruppen wie der Islamische Staat, Al Quaida oder Boko Haram in Nigeria (übersetzt bedeutet der Name »Westliche Bildung ist Sünde«) berufen sich auf den Islam, bekämpfen den Westen und streben Gottesstaaten an, in denen wenige religiöse Führer die Macht innehaben. Sie alle praktizieren das größtmögliche Gegenteil der westlichen Demokratie. (Lesen Sie auf der nächsten Seite weiter).
Doch was kann der Westen angesichts der Terrortat von Paris tun? Er muss sich bei aller berechtigten Empörung schon um der eigenen Sicherheit willen fragen: Was geschieht in dieser Welt? Was treibt Teile der muslimischen Welt so sehr auf die Barrikaden, dass sich einzelne vorgeblich im Namen der Religion zu den allerschrecklichsten Taten berechtigt fühlen?
Die Welt durchlebt eine Phase tiefer Unsicherheit. Die starke Globalisierung schafft weltweite Rivalitäten und Kämpfe um Marktanteile. Es gilt nicht mehr das alte Ost-West-Schema. Die Welt ist multipolar geworden. Und kapitalistisch, es zählt nur noch der Profit. Es ist ein weltweiter Kampf entbrannt, und auch Europa mischt mit und ist dabei kein Hort der Humanität: Es lässt zum Beispiel zu, dass im Mittelmeer die aus den Krisen- und Armutsgebieten Flüchtenden zu Tausenden ertrinken.
Auch der westliche Kapitalismus ist brutal, zumal er im Irak von den USA mit Waffengewalt durchgesetzt wurde. Teile der islamischen Welt halten seit langem mit dem Islamismus dagegen. Mit Religion hat der nur wenig zu tun. Es ist ein Kampf um Macht, der den Islam in brutaler Weise für die eigenen Zwecke missbraucht.
Die wirklich gläubigen Muslime können dafür jedoch nichts. Der Papst hat recht: es sollte jetzt niemand Hass auf Muslime schüren. Mit dem Attentat haben sie nichts zu tun.
