Religion ohne Mitleid
Ein Mensch liegt hilflos und verletzt auf der Straße, misshandelt und halb tot. Da kommt ein Priester, doch er geht an dem Opfer vorbei. Auch ein Tempeldiener ignoriert den Verletzten, weil er um seine rituelle Reinheit fürchtet. Christen kennen die Geschichte als Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Doch dasselbe geschah diese Woche in Köln.
Das Opfer ist eine 25-jährige Frau, die offensichtlich mit K.O.-Tropfen betäubt, vergewaltigt und auf die andere Rheinseite verschleppt wurde. Dort wachte sie verstört auf einer Parkbank auf. Nach der Tat wandte die Frau sich an das katholische St.-Vinzenz-Hospital – und wurde abgewiesen. Das Krankenhaus erklärte, es könne keine Untersuchungen nach sexuellen Übergriffen mehr durchführen. Seit zwei Monaten gebe es eine entsprechende Weisung. Schließlich müsse man bei einer solchen Untersuchung auch über eine mögliche Schwangerschaft, einen Abbruch und die »Pille danach« sprechen. Das aber sei mit den Grundsätzen der katholischen Kirche nicht vereinbar. Mit der gleichen Begründung lehnte auch das Heilig-Geist-Krankenhaus die Behandlung ab.
Nachdem der Fall an die Öffentlichkeit kam, bemühte sich die katholische Kirche um Schadensbegrenzung: Es habe sich um ein »Missverständnis« gehandelt, ließ das Erzbistum Köln verlauten. Selbstverständlich dürften Vergewaltigungsopfer in katholischen Kliniken behandelt werden. Nur die »Pille danach« könne hier nicht verabreicht werden, weil es sich dabei um eine Abtreibungspille handele. Die beiden Klinik erklärten, sie hätten einen Fehler begangen und entschuldigten sich.
Die Kirche beharrt auf ihrer Reinheit – und macht sich damit schuldig
Doch der Fehler liegt nicht in einem Missverständnis, sondern in einem erschreckenden Mangel an Mitgefühl, der in der katholischen Kirche zur Doktrin geworden ist. Ähnlich wie der Priester und der Tempeldiener in dem biblischen Gleichnis, schaut auch die katholische Kirche mehr auf die eigene Unbeflecktheit als auf die Opfer. Indem sie auf ihrer religiösen Reinheit beharrt, macht sie sich schuldig. »Vergewaltigten Frauen die ›Pille danach‹ oder schon die Aufklärung darüber zu verweigern, ist unterlassene Hilfeleistung, die biblisch nicht gerechtfertigt und christlich nicht nachvollziehbar ist«, erklärt Annegret Laakmann vom Verein Frauenwürde nach den Kölner Ereignissen: »Wieder zeigt sich hier die fehlendende Empathie für Opfer sexueller Gewalt.«
Die »Pille danach« ist keine Abtreibung
Die »Pille danach« mit einer Abtreibung gleichzusetzen, ist im übrigen abgehoben und wirklichkeitsfremd. Das Medikament wird prophylaktisch verabreicht, es stoppt den Zyklus und löst sofort eine Blutung aus, damit sich ein eventuell befruchtetes Ei erst gar nicht in der Gebärmutter einnisten und heranwachsen kann. Zu diesem Zeitpunkt ist nicht einmal erkennbar, ob es überhaupt zu einer Befruchtung gekommen ist. Es gibt viele Frauen, die sich in Notsituationen für die »Pille danach« entschieden haben, obwohl sie die Abtreibung eines Embryos ablehnen. Dass die katholische Kirche dieses Mittel sogar Frauen nach Vergewaltigung vorenthält, zeigt den Fundamentalismus ihrer moralischen Attitüde und erinnert an die religiöse Verbissenheit der Zeugen Jehovas, die ihren Kranken aus religiösen Gründen die Blutübertragung verweigern.
Wie gut, dass es da den Samariter gibt, den Andersgläubigen, der sich nicht um seine Reinheit schert, sondern Mitleid hat, dem Opfer zur Hilfe eilt und seine Heilung auf den Weg bringt: In einem evangelischen Krankenhaus erhielt die traumatisierte Kölnerin endlich die nötige Behandlung.
