Zum Tod von Desmond Tutu
Sein Zorn war voller Humor
Ich traf Desmond Tutu zuerst 1975 in Nairobi auf der Weltkirchenkonferenz des Ökumenischen Rats der Kirchen. Wir kamen zusammen in einer Bibelgruppe, wo der Leiter, der konservative John Stott, erschrak, als er uns beide sah. Desmond war auf dem Wege aus dem sicheren London in die Unterdrückung seines Volkes im Apartheidsstaat von Südafrika. Er war ein Mensch ohne Furcht. Drei Jahre später besuchte ich, nach einem verweigerten Visum als »Revolutionär im Talar«, Südafrika. Desmond Tutu war gerade zum ersten schwarzen Generalsekretär des südafrikanischen Kirchenrats ernannt worden. Er holte mich mit seiner Frau auf dem internationalen Flugplatz von Kapstadt ab und geleitete mich zum nationalen Flugplatz. Davor verabschiedete er sich, denn er durfte als »Schwarzer« nicht hinein.
Ich war eine Woche in dem »schwarzen« Seminar in der Nähe von Pietermaritzburg. Die »Schwarzen« erzählten mir, was sie alles nicht durften. So konnte zum Beispiel mein Abholer mit mir in kein Restaurant der Stadt gehen. Nach drei Wochen hatte ich die Nase voll von diesem großen Gefängnis Apartheidsstaat. Am »Kap der guten Hoffnung« gab es keine Hoffnung für die »Schwarzen«, außer dem schweigenden Protest von Nelson Mandela auf Robben Island und der furchtlos anklagenden Stimme von Desmond Tutu.
Seine Predigten in der Kathedrale von Kapstadt waren biblisch. Weil auch der »weiße« Apartheidsstaat sich auf die Bibel berief, ließen die weißen Herrscher Erzbischof Tutu gewähren. Er war voller Humor bei allem Zorn über das Unrecht, das seinem Volk widerfuhr. Dabei verurteilte er alles Unrecht, auch das von schwarzen Menschen verübte. Ich sehe noch, wie er beschützend über einem Opfer steht, das einen Autoreifen um den Hals trägt – mit brennenden Autoreifen folterten und töteten militante Kämpfer angebliche Verräter.
Desmond Tutu war für einen gewaltfreien Sturz des Apartheidssystems, und so ist es auch gekommen. Der von den Weißen oft beschworene Bürgerkrieg blieb aus. Tutu führte ab 1996 die Wahrheits- und Versöhnungskommission an. Oft kam er weinend heraus, wenn die Folterer von ihren Verbrechen berichteten.
2017 besuchte ich aus besonderem Anlass Südafrika – nach vierzig Jahren – wieder. Am »Kap der guten Hoffnung« war wieder Hoffnung aufgegangen: Die »Regenbogennation«, wie Desmond Tutu sagte. Er lebte mit seiner Frau in Hermanus nahe Kapstadt in einer bewachten Siedlung. Ich besuchte ihn mit Freunden, er war krebskrank und noch kleiner geworden, doch sein Geist war hellwach. Er hatte 1999 ein Buch herausgebracht: »Keine Zukunft ohne Versöhnung«. Wir sprachen darüber, ich sagte: »Aber keine Versöhnung ohne neue Zukunft«, weil anders die Versöhnung ein rückwärtsgewandter Akt ist. Wir stimmten über beide Sätze lachend überein. Nachher ist er nach Kapstadt umgezogen. Er starb am 26. Dezember 2021. Ein guter Freund ist gegangen.
Jürgen Moltmann, Jahrgang 1926, war Professor für evangelische Theologie in Tübingen. Seine »Theologie der Hoffnung« inspirierte mehrere Generationen von Theologinnen und Theologen.

