Zur mobilen Webseite zurückkehren

Synodaler Weg
Synodale stimmen für Überarbeitung der Sexualmoral

Die katholische Kirche in Deutschland funkt SOS. Bischöfe geloben Kursänderungen. Aber wagen sie auch den Konflikt mit Rom? Die Synodalen wollen den Tanker wieder flott kriegen. Was auf dem Synodalen Weg vom 3. - 5. Februar verhandelt wird, lesen Sie hier in unserer Live-Berichterstattung.
von Michael Schrom , Judith Bauer vom 03.02.2022
Artikel vorlesen lassen
Von Donnerstag bis Samstag findet die dritte Synodalversammlung in Frankfurt statt (Foto: kna/Steinbrecht)
Von Donnerstag bis Samstag findet die dritte Synodalversammlung in Frankfurt statt (Foto: kna/Steinbrecht)

Samstag, 05.02.3022, 14:30 Uhr, Let`s talk about sex

Anzeige
loading

Synodale stimmen für Neubewertung von Homosexualität, Überarbeitung der katholischen Sexualmoral und Segensfeiern für homosexuelle Menschen

Am dritten und letzten Tag der Synodalversammlung stehen die Themen Liebe, Sexualität und Partnerschaft im Mittelpunkt. Die emotionale und lebhafte Debatte stand noch ganz unter dem Eindruck der Initiative #outinchurch. Das Outing von queeren katholischen Beschäftigten wurde von zahlreichen Delegierten als Meilenstein für und Aufbruch in eine inklusive, angstfreie und lebensfreundliche Kirche gewertet. Bischof Helmut Dieser von Aachen sprach von einer neuen Erfahrung des Kirche-Seins. Bischof Felix Genn von Münster nannte die entsprechenden Passagen zur Homosexualität im Katechismus, insbesondere die Fixierung auf den genitalen Akt, »peinlich«. Beschlossen wurde, dem Papst ein Schuldbekenntnis gegenüber homosexuellen Menschen nahezulegen und eine Änderung des Weltkatechismus zu fordern. »Der Katechismus ist nicht der Koran«, sagte Kardinal Reinhard Marx. Ihn zu ändern, sei kein Sakrileg.

Andere Bischöfe verteidigten die bisherige Lehre oder warnten vor einem »Paradigmenwechsel«. Dennoch erreichte das Papier in erster Lesung eine klare Mehrheit von 169 Ja- bei 30 Neinstimmen. Trotz dieser hohen Zustimmung äußerten mehrere Synodale die Befürchtung, dass dieses Papier bei der zweiten Lesung an der Sperrminorität der Bischöfe scheitern könnte. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, versprach, im Rahmen seiner Möglichkeiten auf seine Mitbrüder im bischöflichen Amt einwirken zu wollen.

Ein weiterer Handlungstext zur Einführung von Segensfeiern für homosexuelle Menschen fand eine Mehrheit von 164 zu 34 Stimmen. Ausgeklammert und vertagt wurde die Frage, ob eine zivile Eheschließung Voraussetzung einer kirchlichen Segensfeier sein sollte oder nicht.

Damit endet unsere Liveberichterstattung von der 3. Synodalvollversammlung. Einen Kommentar und einen Analyse lesen Sie in der nächsten Ausgabe von Publik-Forum.

Samstag, 05.02.2022, 09:00 Uhr, Synodale beschließen in Zweiter Lesung eine Reform der Bischofsernennung

Rolf Steinhäuser, der noch 25 Tage lang in Vertretung von Kardinal Woelki das Erzbistum Köln leitet, brachte es auf den Punkt: »Wir brauchen keine Form von aufgeklärtem oder unaufgeklärtem Absolutismus. Das kann ich aus meinen Erfahrungen in Köln sagen.«

Aber wie kann man das intransparente Verfahren bei Bischofsernennungen in der katholischen Kirche aufbrechen? Das Zauberwort heißt: Freiwillige Selbstbindung von Bischof und Domkapitel. Darauf verständigten sich die Synodalen am späten Abend bei der zweiten Lesung zur »Einbeziehung der Gläubigen in die Bestellung des Diözesanbischofs«.

Konkret sieht der Vorschlag vor, dass bei der Erstellung der Listen mit geeigneten Kandidaten für das Bischofsamt, die von jeder Diözese regelmäßig erstellt und nach Rom geschickt werden, künftig Gläubige beteiligt werden. Ein noch genauer zu bestimmender Synodaler Rat soll – unter der Wahrung von Diskretion und Geheimhaltung – gemeinsam mit dem Domkapitel eine Liste zusammenstellen. Das neue Laien-Gremium soll zahlenmäßig ebenso stark sein wie das Domkapitel und geschlechter- und generationengerecht zusammengestellt werden. In Bistümern, in denen das Preußische oder das Badische Konkordat gilt, verpflichtet sich das Domkapitel darüber hinaus, vor seiner Wahl aus der Dreierliste des Apostolischen Stuhls das Laiengremium anzuhören. Dieses ist berechtigt, dem Domkapitel mehrheitlich eine Wahlempfehlung zu geben. Für Konfliktfälle sollen Musterlösungen erarbeitet werden.

Durch die Zweite Lesung hat der Text eine hohe Verbindlichkeit. Da er sich im Rahmen des geltenden Kirchenrechts bewegt, ist die Reform zügig umsetzbar. Damit haben die Reformerinnen bereits drei wichtige Texte in der zweiten Lesung verabschieden können. Entsprechend gut ist ihre Laune. Bernhard Emunds, Leiter des Nell-Breuning-Instituts, sprach von dem i-Tüpfelchen an einem denkwürdigen Reformtag.

Freitag, 04.02.2022, 20:00 Uhr, Synodale fordern: Öffnung aller Weihämter für Frauen

Grundsatzpapier über Frauen in Diensten und Ämtern findet große Mehrheit

Erleichterung und Freude: Der heute vorgestellte und in erster Lesung beschlossene Grundtext zu »Frauen in Diensten und Ämtern« war der emotionale Höhepunkt des Tages. Der Text fand breite Zustimmung und Begeisterung. Er sei ein »Meisterstück von Theologie«, »bahnbrechend«, ein »historischer Moment«. Selbst Kritiker gestanden ein, dass es sich um einen präzise und klug argumentierenden Text handle, wenngleich sie den Schlussfolgerungen nicht in allen Punkten zustimmten und auf der Tradition beharrten.

»Nicht die Teilhabe von Frauen an allen kirchlichen Diensten und Ämtern ist begründungspflichtig, sondern der Ausschluss von Frauen vom sakramentalen Amt«, heißt es gleich im Eingangsstatement des Textes. Er fordert Geschlechtergerechtigkeit in der römisch-katholischen Kirche und versteht darunter unter anderem, »dass alle Getauften und Gefirmten, unabhängig von ihrem Geschlecht, Anerkennung und Wertschätzung ihrer von Gott geschenkten Charismen und Berufungen erfahren« sollen.

Einige Synodale sprachen sich mit pragmatischen Argumenten für Geschlechtergerechtigkeit in der Kirche aus und betonten, dass es ohne eine Öffnung der Ämter schlicht nicht genug Menschen gebe, die Sakramente spenden könnten. Viele meldeten sich auch mit sehr persönlichen Bemerkungen zu Wort und berichteten von jahrelanger Diskriminierung. Der Tenor der Diskussion: Die Zeit für Geschlechtergerechtigkeit ist überreif.

Auch Bedenken wurden geäußert, wonach solche Schritte mit Blick auf die Weltkirche schwer möglich seien und die Ökumene erschweren könnten. Doch nach ausführlicher Debatte fand der Grundtext eine deutliche Mehrheit von 174 Ja- zu 30 Ja-Stimmen. Das Synodalforum kann also damit weiterarbeiten.

Im Anschluss diskutierte die Versammlung die konkreten Handlungstexte zu den Themen »Diakonat der Frau« und »Frauen in sakramentalen Ämtern«. Auch hier waren sehr persönliche Statements zu hören von Frauen, die sich seit Jahrzehnten für das Frauendiakonat einsetzen. Der Handlungstext fordert die Bischöfe auf, sich beim Papst für ein sogenanntes Indult (Gnadenerlass) einzusetzen. Die Befürworterinnen erhoffen sich davon, dass Papst Franziskus eine Sonderregelung für Deutschland erlässt, so dass es schon bald zu Diakoninnenweihen kommen könnte. Dieses könne allerdings nur als Zwischenschritt auf dem Weg zur weltweiten Öffnung aller Weiheämter für die Frauen verstanden werden.

Diskutiert wurde auch darüber, ob das angestrebte Diakoninnenamt möglicherweise aus dem dreigliedrigen Weiheamt herausgelöst werden könnte, so dass es nicht mehr automatisch als Vorstufe zum Priesteramt verstanden wird. Es entspann sich ein Disput darüber, ob eine mögliche Engführung des Amtes auf das soziale Engagement lediglich eine »Beruhigungspille« für Frauen sein könnte, mit der sie »abgespeist« werden. Oder ist es immerhin der »Spatz in der Hand«, zumal das Diakonat der Frau historisch belegt ist? Margit Eckholt warb eindringlich für die Politik der kleinen Schritte und zeigte sich überzeugt: »Frauen im sakramentalen Diakoninnenamt werden Frauen weitere Türen zu sakramentalen Ämtern öffnen.« Die Frage blieb unter den Delegierten umstritten, schließlich stimmten die Synodalen den vorgelegten Handlungstexten zu.

Freitag, 04.02.2022, 17:00 Uhr, Synodale verabschieden Grundsatzpapier zur echten Wahlfreiheit der priesterlichen Lebensform in erster Lesung

Der verpflichtende Zölibat der Priester ist ein hoch emotionales und heiß umkämpftes Streitthema in der katholischen Kirche. Jahrzehntelang prallte die Kritik daran ab. Sie durfte auf Gemeinde-Ebene und in den Räumen der akademischen Theologie geäußert werden, doch das wars. In Bischofskonferenzen und in Kardinalskollegien gab es kaum Initiativen, im Gegenteil: Kritik daran galt als eine Art Nestbeschmutzung und war ein Tabuthema. Doch der Wind dreht sich. Die MHG-Studie hat den verpflichtenden Zölibat als Risikofaktor benannt.

Nachdem Kardinal Marx kurz vor Beginn des Synodalen Wegs in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung den Pflichtzölibat in Frage gestellt hat, wagten sich auch etliche Bischöfe aus der Deckung. Sie argumentierten entweder damit, dass es schlicht und ergreifend kaum noch junge Männer gibt, die Priester werden wollen, so dass das Recht der Gläubigen, Eucharistie zu feiern, nicht mehr sichergestellt werden kann. Oder sie verwiesen darauf, dass es in den mit Rom verbundenen katholischen Kirchen des Ostens bereits verheiratete Priester gibt. Nachdem die letzte Synodalversammlung den Text der Arbeitsgruppe über priesterliche Existenz zerpflückt und komplett zur Überarbeitung empfohlen hat, hat das Forum »Priesterliche Existenz« heute einen ersten Handlungstext zum Zölibat vorgelegt. Obwohl immer noch in jedem zweiten Satz die Wertschätzung des Zölibats betont wird, heißt es doch in begrüßenswerter Klarheit: Viele Gläubige wünschen sich eine völlige Öffnung, aus Sicht der Theologie spricht nichts dagegen, das Argument kultischer Reinheit überzeugt nicht mehr, in einer Single-Kultur wären gerade auch verheiratete Priester ein Zeichen.

So kommt das Forum zu dem Schluss: »Der Zugang zur Eucharistiefeier, nicht nur zum Kommunionempfang, sowie auch der Zugang zu den Sakramenten der Krankensalbung und der Vergebung, ist unserer Ansicht nach höher einzuschätzen als die Verpflichtung zum Zölibat«, und appelliert an Papst und Bischofskonferenz, die Dringlichkeit nicht länger zu ignorieren. Pointiert formulierte der Erfurter Theologe Eberhard Tiefensee seine Kritik an der Idealisierung des Zölibats: Die Zeichenhaftigkeit des Zölibats sei durch die klandestine Doppelmoral und die hohe Zahl der Singlehaushalte in der Gesellschaft doch sehr begrenzt.

Das Papier wurde in erster Lesung mit großer Mehrheit angenommen: 159 Ja, 26 Nein-Stimmen = Zustimmung von 85,95 Prozent.

Freitag, 04.02.2022, 12:00 Uhr, Betroffenbeirat kritisiert: Bischöfe predigen Synodalität, entscheiden aber anders

Zum Auftakt des zweiten Tages der Synodalversammlung stellte Bischof Stephan Ackermann, Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Fragen des sexuellen Missbrauchs, seinen regelmäßigen Bericht über den Fortgang der Aufarbeitung vor. Ackermann betonte die neue Personalaktenordnung, die seit Anfang des Jahres in allen Bistümern gilt und die zum ersten Mal für eine verbindliche, einheitliche und transparente Dokumentation sorge. Außerdem hätten die Begegnungen mit dem Betroffenenbeirat eine »Schulung« der Bischöfe hinsichtlich ihrer Sprache bewirkt. Dies habe zu einer betroffenensensiblen Sprache und zu einer besseren Kommunikation geführt. Keine Bewegung gibt es dagegen bei der Höhe der Anerkennungsleistungen. Allerdings sollen Betroffene, die mit der Leistungsentscheidung der Unabhängigen Kommission nicht zufrieden sind, künftig eine einmalige Widerspruchsmöglichkeit erhalten, versprach Ackermann.

Johannes Norpoth, Sprecher des Betroffenenbeirats, kommentierte den Bericht mit einer Mischung aus Lob und Tadel. »Gut und richtig« sei der Beschluss zur Personalaktenordnung. Der Stillstand bei den Anerkennungsleistungen sei dagegen ein »Beispiel für vertane Chancen«, so Norpoth. Besonders kritisierte er die Entscheidung der DBK, dass der Betroffenenbeirat nicht zu den Beratungen im Ständigen Rat im November eingeladen wurde, wo über die Anerkennungsleistungen beraten wurde. Die Bischöfe predigten von Synodalität, Offenheit und Transparenz und entschieden dann ganz anders, so Norpoth: »Sie weisen uns in einem der zentralen Themenfelder der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt bestenfalls einen Platz am Katzentisch zu«.

Esther Göbel, Delegierte vom Berufsverband der PastoralreferentInnen, stellte im Anschluss an Johannes Norpoth einen Antrag vor, eine Gruppe zu bilden, die sich mit der kollektiven Frage von Verantwortung und Schuld auseinandersetzen soll und dafür eine liturgische Form finden soll . »Ich bin, wie hoffentlich die meisten hier, keine Täterin und ich trage keine persönliche Schuld, die ich bekennen müsste. Aber ich sehe und spüre eine persönliche Verantwortung für das Thema Missbrauch in unserer Kirche,« sagte Göbel in ihrem eindringlichen Statement. Es gehe um die Anerkenntnis, »dass wir alle Teil haben an der systemischen Verstrickung, von der wir uns befreien und umkehren müssen«.

Diese Idee wurde mehrheitlich positiv aufgegriffen.

Freitag, 04.02.2022, 09:00 Uhr: Grundsatztext und Papier zur Gewaltenteilung erreichen am Donnerstag die nötige Mehrheit

Gestern Abend haben die Synodalen erstmals Texte durch die zweite Lesung gebracht, die damit eine hohe Verbindlichkeit in der katholischen Kirche Deutschlands beanspruchen. Doch schon beim ersten Text, dem theologischen Grundlagentext, auf dem alles weitere aufbaut, wurde es sehr knapp. Nicht bei den Laien, die ihn mit 178 Ja- und 28 Neinstimmen (das ist eine Zustimmung von 86 Prozent) annahmen. Sondern bei den Bischöfen, die mit 41:16 Stimmen (71,53 Prozent Zustimmung) die erforderliche Zweidrittelmehrheit nur knapp erreichten. Wäre der Kardinal von Köln nicht noch in seiner Auszeit, sein Weihbischof Schwaderlapp statt in Kenia in Frankfurt gewesen, hätte Regensburg einen weiteren Weihbischof dabei gehabt – die Delegierten hätten bereits gestern die Heimreise antreten können. Die Grundsteinlegung wäre zur Grabsteinlegung geworden

Worum ging es? Um die Frage, wie die Zeichen der Zeit zu bewerten, als Quelle der theologischen Erkenntnis zu gewichten und in die kirchliche Lehre miteinzubeziehen sind. Hellsichtig erkannten die Gegner, dass das Ansinnen der Reformtheologinnen und -theologen, die »Zeichen der Zeit« aufzuwerten, logischerweise zu einer Abstufung der Bedeutung von Tradition und Lehramt führt. Genau das ist ja das erklärte Ziel des Synodalen Wegs und der dort federführenden Theologinnen und Theologen: herauszukommen aus der dogmatischen »Das-war-schon-immer-so«- Behäbigkeit, oder wie es der Speyrer Bischof Karl-Heinz Wiesemann formulierte, aus »der Selbstreferentialität des Lehramts«.

Auch wenn der Orientierungstext – wie kritisch angemerkt wurde – ein »Text von Theologen für Theologen« ist, so geht es doch nicht um Spitzfindigkeiten für theologische Feinschmecker, sondern ums Eingemachte. Entsprechend hoch war der Widerstand im Episkopat, das »sein« Lehramt nicht so gerne teilen möchte. Weder mit den akademischen Theologinnen und Theologen, noch mit den von Missbrauch Betroffenen. Es ist ja kein Zufall, dass der von Bischof Overbeck geprägte Begriff vom »besonderen Lehramt der Betroffenen« nicht mehrheitsfähig war und in eine weniger anstößige Formulierung abgeändert werden musste.

Dabei hätte ein Blick in die Bibel- und Theologiegeschichte genügt, um zu sehen, dass immer wieder »Zeichen der Zeit« die Theologie und das Reden von Gott massiv verändert haben. Juliane Eckstein von der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen zeigte das in einem Blitzreferat von nur einer Minute Dauer: Wie das babylonische Exil die Gottesrede vom Stammesgott in den streng monotheistischen Schöpfergott verwandelte. Oder wie die Katastrophe der Shoah die christliche Judenfeindlichkeit offensichtlich machte und in der Folgezeit zu einer Neubestimmung der katholischen Lehre führte.

Und heute? Die strukturelle Ungleichberechtigung von Frauen und das Ausmaß der sexuellen Gewalt lassen ein Weiter-So einfach nicht zu. Nicht nur weil Tausende von Katholikinnen und Katholiken austreten und damit mit den Füßen abstimmen. Sondern vor allem deswegen, weil die Plausibilität der Gottesrede Schaden nimmt und das Evangelium entstellt wird. Angesichts dieser Dramatik wirkte der bischöfliche Einwand, dass der Gundlagentext kein positives Verständnis zum Lehramt finde, einfach nur grotesk komisch.

Der darauf aufbauende, konkretere Text zu Macht und Gewaltenteilung erreichte die erforderliche Zweidrittelmehrheit, sowohl im Plenum (178: 24 = 88,12 Prozent Zustimmung), bei den Bischöfen (40:14 = 74,07 Prozent Zustimmung) und – extra abgefragt – bei den nicht-männlichen Synodalen (60:5 = 92,31 Prozent Zustimmung). Dieser Text zielt darauf, dass Leitungsämter nur noch auf Zeit vergeben werden und Bischöfe sich selbst verpflichten, vor Gewählten Rechenschaft zu geben. In der Praxis wird dies auf eine größeren Umbau der katholischen Verfassung hinauslaufen.

Heute morgen wird dann die letzte zweite Abstimmung nachgeholt: die spannende Frage, wie Gläubige bei der Bestellung des Bischofs künftig beteiligt werden sollen.

Donnerstag, 03.02.2022, 20:00 Uhr: Zorn und Ungeduld – aber keine Revolution

Mit einer emotionalen Aussprache hat am Donnerstag Nachmittag die dritte Versammlung des Synodalen Weges begonnen. Das neue Missbrauchsgutachten aus der Erzdiözese München und Freising und der Umgang damit, sowie die Initiative #outinchurch, die von vielen ausdrücklich gelobt wurde, sorgten bei den Synodalen für viel Redebedarf.

Gleich der erste Redebeitrag des Regensburger Bischofs Rudolf Voderholzer bestimmte den Ton der Debatte und sorgte für Empörung. Voderholzer griff das Gutachten der Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl frontal an, das Kardinal Ratzinger für seine Zeit als Erzbischof Fehlverhalten bekundet und ihm die Lüge in einer wichtigen Angelegenheit nachweist. Voderholzer stellte in Frage, dass es den Gutachtern um Wahrheit und Gerechtigkeit ging, die beauftragte Kanzlei sei zugleich Ermittler, Ankläger, Richter und Henker gewesen. Man müsse auch den Zeitgeist der 1970er und 80er Jahre beachten; nach der Strafrechtsreform von 1973 sei man davon ausgegangen, dass »für die betroffenen Kinder und Jugendlichen die Vernehmungen wesentlich schlimmer sind als die im Grunde harmlosen Missbrauchsfälle«.

Den letzten Halbsatz verstanden viele der Anwesenden als Verharmlosung von sexualisierter Gewalt und reagierten mit Empörung und Betroffenheit. Johannes Norpoth, Sprecher des Betroffenenbeirats bei der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), zitierte als Reaktion den für ihn zentralen Satz zum Gutachten: »Bis 2010 wurde auf die Opfer keine Rücksicht genommen«, das sei ihm und vielen anderen schon lange klar gewesen. Bischof Franz-Josef Overbeck von Essen wiederholte seine Aussage vom »Lehramt der Betroffenen«.

ZdK-Vizepräsident Thomas Söding formulierte die Erwartung, dass diejenigen, »die in der Kirche Verantwortung beanspruchen, sich juristischen Gutachten stellen« und dabei »nicht in den Gestus der Selbstrechtfertigung fallen«.

Ein eindringliches Statement kam von Schwester Philippa Rath, die von Menschen in ihrem Umfeld berichtete: Ordensleute würden sie fragen, ob sie aus der Kirche austreten und dennoch im Orden bleiben könnten. Vielen falle es schwer, das Glaubensbekenntnis an die »eine heilige katholische und apostolische Kirche« mitzusprechen. Vor zwei Jahren, zu Beginn des Synodalen Wegs, habe sie selbst gesagt, »ich leide an meiner Kirche, aber ich liebe sie« – heute wisse sie nicht mehr, ob sie ihre Kirche noch lieben könne.

Viele der Versammelten mahnten, jetzt endlich ins Handeln zu kommen. Sie wolle »keine Brüder im Nebel mehr«, sondern eine aufgeklärte und klare Kirche, sagte die neugewählte ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp. Zu einem prinzipiellen Misstrauen gegenüber den Bischöfen oder einem breiten Protest gegen die Verfassung des Synodalen Wegs kam es jedoch nicht.

Dagegen verteidigten etliche Synodale Papst Benedikt XVI. Prof. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz nannte den emeritierten Papst einen Leuchtturm, der sich wie kein anderer vor ihm um die Aufklärung von sexuellem Missbrauch und Bestrafung der Täter gekümmert habe. Auch die Wiener Theologin Marianne Schlosser und der Augsburger Delegierte Bernhard Ledermann zeigten sich empört über die Distanzierung von Kirchenleuten von Papst Benedikt. Der Münchner Kardinal Reinhard Marx wiederholte dagegen vor der Synodalversammlung seine Aussage, dass er als Kardinal nicht in eine Verteidigungsstrategie zugunsten von Papst Benedikt eingebunden war. »Dies soll man mir nachweisen«, sagte er empört, als er auf einen Artikel von Daniel Deckers in der FAZ angesprochen wurde, der dies nahelegt.

Im Leitfaden über gelingende Kommunikation wurden die Synodalen darauf hingewiesen, wie sie faire Bedingungen für einen gelingenden Dialog schaffen können. Die »relative Nähe oder Distanz« zu einer Person entscheide darüber, »was als angemessenes Verhalten gelten« könne, heißt es in dem Papier. Es liest sich wie eine Reaktion auf die Schilderungen von Viola Kohlberger, die nach der Synodalversammlung im Herbst von einer Begegnung mit Kardinal Rainer Maria Woelki berichtet hatte, die sie als sehr unangenehm empfunden hatte. Kritisiert wurde auch das Wedeln mit Roten Karten, wie es bei der Zweiten Vollversammlung öfters vorkam.

Donnerstag, 03.02.2022, 12:00 Uhr: Synodal versus klerikal

Die katholische Kirche hat es, mal wieder, auf die Titelseiten der Zeitungen geschafft. Diesmal nicht, weil ein neues Gutachten zum Missbrauch veröffentlicht wurde, sondern weil sich vor dem Synodalen Weg, der heute Nachmittag in Frankfurt beginnt, etliche Bischöfe und Laien positioniert haben.

So spricht sich der Münchner Kardinal Reinhard Marx in der Süddeutschen Zeitung für die Abschaffung des Pflichtzölibats aus. Die priesterliche Lebensweise sei »prekär« und »bei manchen Priestern wäre es besser, sie wären verheiratet.« Der Aachener Bischof Helmut Dieser sagte der Aachener Zeitung: »Wir müssen endlich die Fragen zur Sexualethik neu beantworten«. Nicht wegen des »Zeitgeistes, sondern aus eigener Einsicht.« Er hoffe, dass es zu einer Neubewertung der Homosexualität komme. Er begrüßte die Outing-Aktion #outinchurch, sprach sich für Segensfeiern für homosexuelle Paare aus und bekräftigte, dass ein kirchliches Schuldbekenntnis gegenüber homosexuell empfindenden Menschen angebracht sei.

Zahlreiche Bischöfe und Generalvikare beteuerten unterdessen, dass queere Menschen, die in der Kirche arbeiten und eine Partnerschaft eingehen möchten, keine Angst vor dienstrechtlichen Konsequenzen haben müssten, obwohl das Kirchenrecht dies vorsehe. Der Essener Musikprofessor und ehemalige Diakon Stefan Klöckner misstraut dagegen dem neuen Frühling. In einem Gastbeitrag für Publik-Forum sagte er: »Es klingt, als habe so mancher Bischof auf diesen Befreiungsschlag geradezu gewartet, um sich endlich als Fürsprecher der homo- und bisexuellen, der lesbischen, der Trans- und nicht binären Personen outen zu können.« Das sei natürlich begrüßenswert und »zu schön, um wahr zu sein«. Doch angesichts der bischöflichen Reuebekundungen, die sich zornig über die Lieblosigkeit der Kirche zeigen, frage man sich schon, »wer das denn bis jetzt war – die Kirche!« Zudem befürchtet er, dass die Welle der bischöflichen Solidarität schnell in sich zusammenfallen könnte, wenn Rom den Kurs verschärft oder wenn nach der Ära Franziskus ein neuer Papst gewählt wird.

In der Tat stimmen Meldungen aus Rom wenig optimistisch. Über seine kürzliche Privataudienz beim Papst berichtet der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf (in der Mainzer Kirchenzeitung) diplomatisch verklausuliert: »Es ist bekannt, dass ,Rom’ und auch Teile der Weltkirche diesen deutschen Prozess kritisch verfolgen«. Er habe offen ansprechen können, »in welcher Situation sich die deutsche Kirche befinde« und hoffe, dass es ihm gelungen sei, »dem Papst Perspektiven zu zeigen, die das ihm bisher Bekannte ergänzen.« Optimistisch klingt anders.

Derweil sagte die ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp im Deutschlandfunk, das lange gewünschte Treffen des Synodalpräsidiums mit den römischen Verantwortlichen des weltweiten Synodalen Wegs sei nun doch möglich. Bislang hatte Rom die Einladungen zu den Synodalversammlungen stets abgesagt und auf den Gesprächswunsch der Deutschen nicht reagiert.

Während die diplomatischen Kanäle heiß laufen, nehmen die Synodalen ihre Arbeit auf. Etliche brisante Texte stehen zur ersten Lesung an, der Grundlagentext über ein Kirchenverständnis sogar zur zweiten. Da wird dann erstmals sichtbar werden, ob die Sperrminorität der Bischöfe einen Beschluss verhindern kann. Ein Organigramm der Satzung finden Sie hier.

Wir sind live vor Ort und informieren Sie auf publik-forum.de zeitnah über die Ereignisse von Frankfurt.

4 Wochen freier Zugang zu allen PF+ Artikeln inklusive E-Paper
Publik-Forum
Publik-Forum
Einen Moment bitte...
0:000:00
1.0