»...wie auch wir vergeben unseren Schuldigern«
Vergeben und vergessen?
Manchmal habe ich Schwierigkeiten beim Beten des Vaterunsers im Gottesdienst: »Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern«, diese Zeile ist mir unangenehm. Da denke ich an einige aus meiner Verwandtschaft, die ich lange nicht gesehen habe, weil ich sie nicht mehr sehen will. Ich fühle mich durch ihr Verhalten verletzt. Und dann schäme ich mich dieser Gefühle und denke: Als Christ sollte ich doch großzügig vergeben, längst über jeden Groll hinweg sein. Diese Bitte mit der Verpflichtung – »Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern« – erinnert an das Gleichnis aus dem Matthäusevangelium (Kapitel 18), in dem ein König dem einen Sklaven eine astronomisch hohe Schuldensumme erlässt und dieser Sklave danach nicht bereit ist, seinem Mit-Sklaven eine viel geringere Summe ebenfalls zu erlassen. Die Botschaft scheint klar: Angesichts der Schuld jedes Menschen vor Gott sind alle zwischenmenschlichen Verfehlungen nur Peanuts, nicht der Rede wert. Für Christinnen und Christen kann es demnach nur die Haltung unbedingter Vergebungsbereitschaft gegenüber anderen Menschen geben. Ist das wirklich so? Viel Zeit zum Nachdenken bleibt nicht, ein Vaterunser ist schnell vorbei.
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