Wenn Gegner Nachbarn werden
Es ist acht Uhr, in der Frühe am arbeitsfreien Fronleichnamstag. Die Morgensonne lacht über der Schwabenmetropole. Und ein langer Zug von früh aufgestandenen Menschen jeden Alters schiebt sich vom Cannstatter S- und U-Bahnhof die Kilometer lange Gerade bis zur Porsche-Arena. Sie sprechen schwäbisch. Die meisten unscheinbarer aus als die mit bunten Bändern behangenen, oftmals ein wenig flippigen Kirchentagsteilnehmer. Die etliche Tausend frommen Frühaufsteher gehen zum »Christustag« der württembergischen Pietisten. Zum ersten Mal findet dieses Treffen der entschieden Evangelikalen ortsgleich, zeitgleich und in freundlicher Zusammenarbeit mit dem Evangelischen Kirchentag statt.
Die Leute gehen diszipliniert auf dem recht schmalen Fußweg. Vor knapp einem Monat zogen die Fans des VFB-Stuttgart diese Straße entlang. Sie sangen und füllten alle Fahrspuren in breiter Prozession, um ihrem abstiegsgefährdeten Verein auf diese Weise symbolisch beizustehen.
Am Weg stehen einzelne Männer mit Bart. Sie halten Schilder hoch mit Texten wie »Jesus rettet«. Daniel (30) und Niko (21) haben mit den Besenstiel-Propheten nichts am Hut. »Wir kennen uns vom Kicken«, sag Niko. »Und von der Jugendarbeit im CVJM«, sagt Daniel. Was die beiden jungen Männer suchen? »Gemeinschaft im Glauben, nicht so nervige Diskussionen wie auf dem Kirchentag.«
Die Annäherung der Pietisten an die liberalen bis progressiven Kirchentags-Christen hat einen Motor: Den Dekan von Nagold, Ralf Albrecht. Er ist einer von gut einem Dutzend Dekanen innerhalb der Württembergischen Landeskirche, die den konservativen evangelischen Gruppierungen zuzurechnen sind. »Der Christustag ist eine lange Tradition der konservativen evangelischen Christen im Land«, sagt er. Man nutze dafür »einen guten katholischen Feiertag wie Fronleichnam«.
Beim Kirchentag 1969 in Stuttgart, der politisch sehr aufgeheizt war, kam es zum Eklat zwischen der liberalen und der konservativen Richtung im deutschen Protestantismus. Damals brach die Kirche auseinander. Die Pietisten gründeten eigene Werke, Hilfseinrichtungen und Studienzentren. Albrecht: »Das hat sich zu einem bestimmenden Faktor in unserer Kirche entwickelt. Das Gespräch zwischen diesen Gruppen ist heute aber viel unproblematischer, als man denkt.«
Unterdessen heizt die Bläsergruppe des Evangelischen Jugendwerks Württemberg im Saal ein. Mit jedem Choral, Kirchentagslied oder Lobpreis-Song steigt die Stimmung. In kurzen Statements sprechen Prediger – zumeist Männer – über das Kirchentags-Motto »Damit wir klüger werden«. Dabei wird an Humor nicht gespart, nahezu jeder Redner bringt die Arena einmal zum Lachen.
Bärbel und Horst Bornschein sind hoch zufrieden und tanzen auf ihren Plätzen im Block 15. »Wir sind zum ersten Mal dabei«, sagt Bärbel. Das Ehepaar engagiert sich in der Süddeutschen Mission in Herrenberg »für die Menschen vom Bahnhof«. Horst sagt: »Der Christustag ist ein guter Kontrast zum Kirchentag, denn dort wird viel mehr über Sex als über Christenverfolgung diskutiert«.
