»Wir sind alle Schisser«
Das Singen wird es bringen«, wusste bereits der Autor Robert Gernhardt, obwohl er mutmaßlich wenig religiös war. Und wenn gegen Ende des Films »Pfarrer« der Chor mit Engelszungen »Nada te turbe« singt, wird eines spürbar: Das vertonte Gedicht der Mystikerin Teresa von Avila »Nichts beunruhige dich, nichts ängstige dich: Wer Gott hat, dem fehlt nichts« dient den jungen Sängern selbst als Mut machendes Mantra.
Der Glaube an Gott, der Sinn des Lebens, die Berufung als Pfarrer: Es sind die ganz großen Fragen, die in diesem Dokumentarfilm aufgeworfen werden. Da können selbst einem studierten Theologen schon mal die Antworten ausgehen. Doch wovon man nicht sprechen kann, davon soll man singen. Und so kommt besonders dann, wenn die Kamera sich auf die Gesangsübungen der Seminaristen richtet, auch im Zuschauer etwas in Bewegung.
Das Filmemacher-Duo Chris Wright und Stefan Kolbe durfte im Allerheiligsten des Protestantismus drehen: im Predigerseminar der alten Universität der Lutherstadt Wittenberg. Dort werden in berufsbegleitenden Kursen über ein Jahr verteilt Vikare und Vikarinnen auf das Pfarrersein eingestimmt. »Danach werden sie in den real existierenden Beruf hineingeschmissen«, sagt Wright.
Fünf der 22 ostdeutschen Teilnehmer gewährten den Filmemachern einen tieferen Einblick in ihre Seelen. Seine Spannung bezieht der Film nicht nur aus der »Insel«-Situation – drinnen atmet jeder Winkel Tradition; doch jenseits der historischen Gebäude sind, im Kernland der Reformation, mittlerweile achtzig Prozent der Bevölkerung konfessionslos. Hinzu kommt, dass sich die Autoren selbst, als Atheisten, manchmal vor die Kamera wagen. Stellvertretend für den Zuschauer treten sie mit den Seminaristen ins Zwiegespräch. Was ist das Evangelium? Warum bist du hier? Dass sich die jungen Theologen die Antworten nicht einfach machen, zurückfragen, oft auch verstummen, nimmt für sie ein.
Der Film wirft Streiflichter auf das »Handwerk«, etwa die Einübung der Liturgie. Es wird deutlich, wie sehr der Altar einer Bühne und das Predigen einer Theateraufführung ähneln. Die Performance muss mitreißen; da wird das Rezitieren geübt und das klangvolle Sprechen über das »Jüngste Gericht«. Die Gesten im Gottesdienst wirken noch etwas zögerlich, und es gibt schon mal einen Blackout bei der Zeremonie – noch darf man gemeinsam darüber lachen.
Dann geht es ans Eingemachte. Vor dem Laptop sitzend, wird beim Entwurf der Predigt um das rechte Wort gerungen. Einer sinniert über den Bibeltext »Dann wirst du deine Lust sehen und vor Freude strahlen« und murmelt aus tiefster Brust: »Das müsste dringend mehr vorkommen.«
In der Vikariatszeit, einer Zeit der Selbsterklärung, muss jeder für sich lernen, seinen Glauben zu artikulieren. Deshalb wird viel in der Gruppe diskutiert. Doch die Temperamente kommen erst in der Raucherpause zum Vorschein: »Wir sind alle Schisser, wir haben Angst zu sagen, was das Evangelium für uns bedeutet.« Die Filmemacher kommen den Fünfen sehr nahe und bringen sie zum Erzählen privater Schicksale. Eine junge Frau, die seit ihrer Kindheit Diabetes hat und eine Krebserkrankung überstand, sagt lachend: »Damit kann ich im Seniorenkreis total punkten.«
Die angehenden Pfarrer, oft Abkömmlinge von Pfarrern, erwecken den Eindruck starker »Vaterkinder«, früh »eingeübt« in den Glauben, der ihr Leben strukturiert. Nur einer ist von Anfang an am Zweifeln. Gegen Ende erfährt man, dass er zwischenzeitlich in der Psychiatrie war: »Ich treibe nur noch in einem Fluss, der irgendwie läuft.«
»Wie eine Droge« sei das »Gruppenfeeling«, schwärmt mancher, doch die permanente Diskussion und Introspektion wird auch zum Schwitzkasten. Beim gemeinsamen Gesang wird Luft geholt, und in meditativen Einstellungen, in denen das sich ändernde Wetter das Vergehen der Zeit abbildet, schaffen die Filmemacher immer wieder sinnliche Distanz. So verdichtet der Film auf atmosphärische Weise die Stimmung innerer Einkehr und erzeugt einen ganz eigenen Rhythmus, einen Sog, der den Zuschauer mitnimmt.
