Zu Besuch beim nächsten Papst?
Jeder Kardinal erhält bei seiner Amtseinführung solch eine Titelkirche, Ciesa cattolica. Durch die Titelkirchen wird angeknüpft an die antiken Zeiten, als die Päpste von den Pfarrern der römischen Gemeinden gewählt wurden. Jeder Papstwähler feiert heute in seiner Titelkirche die Messe. Dabei verfolgen Dutzende von Fernsehteams und Hunderte Journalisten jede Geste, jedes Wort und jeden Blick eines Papabile, eines der Papstkandidaten. Ich habe heute zwei dieser Herren erlebt.
Scola: ein kryptischer Prediger
Kardinal Scola aus Mailand macht »bella figura«. Jede Bewegung sitzt. Rund fünfzig TV-Teams verfolgen seine Messe. Er spricht geschliffenes Hochitalienisch. Doch leider: Was der konservative Theologe sagt, versteht keiner. Denn er pflegt einen so geschwurbelten und gewundenen Theologen-Sprech, dass die Gottesdienstbesucher hernach nicht wissen, was Scola gesagt oder gemeint hat.
Kann die Weltkirche einen solch kryptischen Redner als Papst brauchen? Obendrein einen Mann mit dem engen, an Fallen und Tricks reichen italienischen Horizont? Immerhin sagen die italienischen Vatikan-Fachjournalisten, der Mailänder Kardinaler Scola habe vor rund zehn Jahren »sämtliche« Verbindungen zu der machtorientierten, konservativen Bewegung Comunione e Liberazione (CL) gekappt.
Sämtliche italienischen Papstanwärter kommen aus einem Orbit, in dem in der Folge von Berlusconi und Partitocrazîa, also Parteienherrschaft, üble Machenschaften in der Kirchenpolitik völlig normal sind. Dies verrückt die ethischen und moralischen Maßstäbe – auch der italienischen Papstkandidaten.
O´Malley: mitreißend – aber leider ein Amerikaner
Anders als bei Scola geht es beim Star der US-Kardinäle zu, Kardinal Sean Patrick O´Malley aus Boston. In seiner Titelkirche Santa Maria della Vittoria, unweit der mondänen Via Veneto, wo Ernest Hemingway selig sich einstmals herumtrieb, drängen sich die Amerikaner. Trotzdem hält der Kardinal die Messe auf Italienisch. Der Kapuziner – der sein von unaufgearbeiteten Missbrauchsskandalen geschütteltes Bistum mittels Null-Toleranz-Politik wieder auf die Spur brachte und der den klerikalen Augiasstall ausmistete, den sein Amtsvorgänger Kardinal Bernhard Law hinterlassen hatte – will den Leuten offenbar zeigen, dass er Italienisch zu sprechen im Stande ist. Nicht einfach für einen Nordamerikaner. O´Malley mischt das Spanisch, das er mit vielen seiner Katholiken in den USA spricht, mit Italienisch. Über allem liegt ein sehr amerikanischer Akzent. Irgendwie sympathisch. Der Mann mit dem weißen Rauschebart und der sonoren Bassbaritonstimme bemüht sich, echt.
Ein Star des Vorkonklaves ist O´Malley, weil er klarer als jeder andere der 115 Papstwähler auf Transparenz gesetzt hat. Er will volle Aufklärung der sexuellen Verbrechen in der Kirche. Der Kardinal gab Pressekonferenzen im Amerikanischen Kolleg, bis die Vatikan-Kardinäle dies stoppten. Fortan verlegte sich O´Malley auf das Twittern. Und er bloggt: Cardinal Sean´s Blog ist höchst unterhaltsam. Der Kardinal erzähl von seiner Reise nach Rom – mit vielen Fotos, die es teils selber geknipst hat. In einfachem Englisch, damit seine Gläubigen in Boston auch alle verstehen, was er so macht.
Eingangs der Messe bringt O´Malley die gesamte, bis auf den letzten Stehplatz dicht gefüllte Kirche zum Lachen. Er zelebriert unter der weltberühmten Skulptur des Barockkünstlers Bernini, die die Heilige Teresa von Avila in äußerster Verzückung zeigt, als der Pfeil Gottes sie durchbohrt. Es gibt in der Kunst kaum ein zweites Werk, das religiöse und erotische Ekstase so in Eins zusammenrückt.
O´Malley erweist dem Kunstwerk die Ehre. Er würde es ja gerne nach Amerika mitnehmen, so wie das Napoleon einst auch vorhatte. Doch er lasse es seiner römischen Titelkirchengemeinde, »ich komme manchmal vorbei, Euch besuchen und die Heilige Teresa anzuschauen«, sagt er und lacht.
Später predigt er über das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Der Bibeltext ist ihm eine Steilvorlage, um über den Umgang mit den Tätern und Sündern des sexuellen Missbrauchs zu predigen. Er zeigt sich nicht als Scharfmacher, sondern sagt, der Vatergott im Jesusgleichnis lehre, wie mit einem reuigen Sünder umzugehen sei. Diese Art Predigt ist deutbar als eine Kandidatur-Ansage. Am Ende der Predigt sagt O´Malley seine Kernsätze auf Englisch. Hernach braucht es Minuten, bis die über drei Dutzend amerikanischer TV-Teams die Kirche verlassen haben.
O wäre O´Malley doch ein Ire! Sein Handicap ist seine US-Staatsbürgerschaft. Den Christen in den mehrheitlich islamischen Ländern sei ein Amerikaner als Papst nicht zuzumuten, heißt es in Rom.
Oriella Rossi wartet dringlich auf den neuen Papst
Auf dem Petersplatz sind an diesem Sonntag vor der Papstwahl nur wenige Leute. Die Briefmarken der Zwischenpäpstezeit, der so genannten Sedisvakanz, gelten als ausverkauft. Sie werden zu Fantasiepreisen gehandelt. Ein gut informierter Jesuit aus dem Vatikan sagt, der Kardinal von Sao Paulo, Odilo Scherer, habe »echte« Chancen. Und der Wiener Kardinal Christoph Schönborn, ein Dominikaner von altem, habsburgischen Adel, habe sich glänzend geschlagen in den Debatten der Kardinäle. Schönborn, ein progressiver Frontmann? In seinem Erzbistum Wien ist er das nicht. Doch im weit nach rechts-konservativ verschobenen Meinungsspektrum der Kardinäle – die unter Papst Wojtyla und Papst Ratzinger ins Amt gelangten – wirkt der feinsinnige und intellektuelle Schönborn wie ein Progressiver mit weitem Horizont. »Er wird etliche Stimmen erhalten«, erwartet der kluge Jesuit. Doch Schönborn wird wohl nicht Papst. Oder? Warten wir´s ab.
Oriella Rossi ist derweil wenig vergnügt. »Keine Geschäfte«, klagt die Devotionalienverkäuferin nahe dem Annen-Tor des Vatikans. Überhaupt, Papa Ratzinger habe sich stets nur schlecht verkauft. Zehn Mal besser gingen Andenken an Papa Wojtyla. »Der ist für zig Millionen Menschen eine Familienmitglied. Er lebt in ihrem Herz.« Der Bayer dagegen war zu kühl. Kein Papst zum Liebhaben, sagt Frau Rossi, die Expertin. Ihr Lädchen ist eine Oase für religiösen Kitsch. Ich kaufe zwei Schweizergardisten-Figuren. Die Gardisten, das sind die 120 Männer der sympathischsten Armee der Erde –, weil keiner vor ihr Angst hat. Die zwei Garde-Figuren werden die Weihnachtskrippen-Landschaft zuhause in Ulm nächste Weihnachten bewachen.
Gerade mal eine Woche – so sagt Oriella Rossi – werde es dauern, »bis nach der Wahl Andenken mit dem Abbild des neuen Papstes ausgeliefert werden«.Warten wir auch dies ab.
