Die Weisheit des Körpers
Wovon hängt es ab, ob eine Psychotherapie gelingt? Diese Frage stellte sich der Philosoph und Psychotherapeut Eugene Gendlin. In den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts untersuchte der damalige Mitarbeiter von Carl Rogers Hunderte von Tonbandmitschnitten und machte dabei eine faszinierende Entdeckung: Ob eine Therapie dem Patienten tatsächlich nutzte, hing weniger von der Person, Erfahrung oder Methode des Therapeuten ab, als vom Verhalten des Patienten. In nahezu allen Therapien, die erfolgreich verliefen, gab es in der ersten oder zweiten Sitzung einen Moment, in dem das Gespräch ins Stocken geriet. Der Klient oder die Klientin schien in sich hineinzuspüren und nach einer Beschreibung zu suchen für ein körperliches Empfinden, das zunächst unklar und vage war: »Da ist etwas, wie eine Enge ... nein, irgendwie anders ... es fühlt sich an wie ein Druck auf der Brust ...«
Wenn es diesen Moment des Innehaltens und der Suche nach einem unbestimmten, inneren Empfinden gab, konnten Gendlin und seine Mitarbeiter nahezu sicher sein, dass die Therapie für den Patienten ein Gewinn sein würde. Da dieser Zusammenhang so eindeutig schien, beschloss Gendlin, Menschen beizubringen, wie sie ihre Aufmerksamkeit auf diese innere Wahrnehmung richten könnten. Er entwickelte dazu eine präzise beschriebene und leicht erlernbare Methode, die er »Focusing« nannte.
Der gefühlte Sinn
Focusing erfolgt nach einem festen Schema von sechs Schritten. Im ersten Schritt geht es darum, innerlich Freiraum zu schaffen – die Themen und Probleme, die einen tagtäglich bedrängen, für einen Moment zur Seite zu stellen und im eigenen Körper anzukommen. Für viele Menschen ist bereits dieser Schritt eine immense Erleichterung: Sie erfahren, dass da mehr ist als nur die ungelösten Fragen, dass sie sich trotz akuter Bedrängnis auch wohlfühlen und entspannen können.
In den weiteren Schritten wird ein Thema bewusst in diesen Raum gestellt. Welche körperliche Resonanz gibt es, wenn diese Frage aufscheint, wenn man an dieses Problem denkt? Das entstehende Gefühl ist zunächst unklar und schwer fassbar. Doch bei geduldigem und freundlichen Hinspüren wird der »Felt Sense«, der »gespürte Sinn«, wie Gendlin das nennt, klarer, und es wird möglich, mit dem eigenen Erleben in einen inneren Dialog zu treten.
Der Focusing-Begleiter hat dabei die Aufgabe, diesen Prozess behutsam zu unterstützen. Dazu muss er nicht einmal wissen, um welches konkrete Problem es geht, denn er soll weder deuten noch Ratschläge geben, sondern lediglich spiegeln und die Aufmerksamkeit des Focussierenden immer wieder behutsam nach innen lenken. »Kannst du das genauer beschreiben? Wo spürst du das? Kannst du das freundlich begrüßen?« Oder auch: »Magst du dabei ein wenig verweilen?« – Das etwa sind typische Focusing-Fragen.
Hilfe zur Selbsthilfe
Focusing ist ein wirkungsvolles Instrument für therapeutische Prozesse – aber nicht nur. Gendlin war dies von Anfang an bewusst, und es war ihm wichtig, seine Erkenntnisse auch außerhalb therapeutischer Settings zur Verfügung zu stellen. In den USA etablierten sich so genannte »Changes-Gruppen« – Selbsthilfegruppen von Menschen mit Focusing-Erfahrung, die sich regelmäßig trafen und einander partnerschaftlich begleiteten. In Deutschland gibt es nur wenige solcher offenen Treffen, aber viele Menschen, die Focusing in einem Kurs gelernt haben – etwa im DAF oder dem FFZ – treffen sich regelmäßig mit einem Partner, um sich wechselseitig zu begleiten.
Mehr zum Thema »Die Weisheit des Körpers« lesen Sie in Publik-Forum 10/2013, das am Freitag, 31. Mai 2013, erscheint. »Die Weisheit des Körpers« ist in dieser Ausgabe die Titelgeschichte, geschrieben von Andrea Teupke. Sie gibt darin auch konkrete Adressen und Buchtipps zum Thema »focusing« an.
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