Ein Kind ist uns geboren
Heiliger Abend. Aufgeregte Kinder warten darauf, dass ein Glöckchen läutet – und dann betreten sie eine andere Welt. Diese andere Welt ist ein heiliger Raum. In ihm sind das Übliche und Gewohnte ver-rückt: Der Baum ist nicht im Freien, sondern im Zimmer. Nicht die Eltern rufen, sondern eine Glocke. Nicht die Lampe leuchtet, sondern die Kerzen. Und die Geschenke stehen nicht für eine normale Ordnung, sondern für Verheißung. Dieser heilige Raum überwältigt die Sinne: Das Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen ist wie niemals sonst.
Heilige Zeit und heiliger Raum gehören zusammen. »Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt«, prophezeit Jesaja im Alten Testament. Gott wird Mensch, in einer ganz konkreten Zeit, an die wir uns jedes Jahr aufs Neue erinnern. In einem ganz konkreten Raum, den wir mythologisch nachempfinden mit Krippenaufbau und Figurenspiel im heimischen Wohnzimmer.
Gott wird Mensch: In jedem Jahr ist dies das Zentrum des Heiligen Abends. Das Fest im Dezember ist der Höhepunkt einer langen Wartezeit auf die Ankunft des Kindes. Die Heilige Nacht ist anormal, ungewöhnlich, ver-rückt. Und doch geschieht alles mitten im Gewöhnlichen und Alltäglichen. Mitten im Leben. Im Wohnzimmer einer Familie, das an diesem Abend so anders erscheint. Im Gruppenraum eines Jugendhauses. In der Zweisamkeit des Paares. In der Einsamkeit eines Mannes, einer Frau.
Die Heilige Nacht taucht das Leben in ein anderes Licht, gibt ihm einen anderen Klang. Das Gewöhnliche und Alltägliche wird neu konstruiert. So kann das Heilige Einzug halten. Das Unbegreifliche kann Wirklichkeit werden: die Geburt des göttlichen Kindes.
Das Neue bleibt. Für immer
Kann man so viel Heiliges und Ver-rücktes lange aushalten? Während Kinder sehnsüchtig aufs Christkind warten und am ver-rückten Heiligen Abend hoffen, dass er niemals vorbeigehen möge, wartet mancher Erwachsene ebenso sehnsüchtig darauf, dass bald wieder Normalität einzieht. Das Heilige im privaten Raum macht Arbeit. Das Ver-rücken der Dinge, das Feiern der Sinne, der Überfluss muss hergestellt werden. Oft ist dies Frauenarbeit, noch immer und immer wieder. Kann man es Erwachsenen verdenken, dass sie das Ver-rückte zurechtrücken, das Gewohnte wieder Einzug halten lassen wollen?
Sicher nicht. Insbesondere ist es die übergroße Erwartung »reibungsloser Rituale«, die die aufkeimende Sehnsucht nach der Rückkehr der Normalität hervorruft. Denn reibungslos verlaufen Heilige Abende selten. Im wirklichen Leben sind Familien konfliktträchtig, und nicht selten brechen die Konflikte gerade dort auf, wo ein hohes Maß an Harmonie erwartet wird. Dies beginnt mit Kindern, die, als wären sie alle behandlungswürdig hyperaktiv, Geschenke-Schlachten veranstalten. Und es endet noch nicht dort, wo an die materielle oder immaterielle Aufmerksamkeit anderer große oder größte Hoffnungen geknüpft werden, die leicht zu enttäuschen sind.
Doch das Ver-rückte lässt sich nicht so einfach wieder zurechtrücken. Natürlich wird der Weihnachtsbaum irgendwann ausrangiert, der Besuch reist ab, die Kinder gehen wieder zur Schule. Doch die Heilige Nacht ist mehr als eine Unterbrechung des Alltags, die irgendwann wieder vorbei ist. Die Heilige Nacht bringt Gott in die Welt. Ein Geborener verändert das, was ist. Er verschwindet nicht wieder, wenn der Baum aus dem Zimmer geräumt, der Weihnachtsschmuck zurück in die Kartons gelegt wird. Ein Geborener bleibt. Er verändert die Wirklichkeit.
Er heißt Wunder-Rat. Wie ver-rückt!
»Weil wir alle Geborene sind, als einzigartige Wesen in dieser Welt leben, gibt es jederzeit die Möglichkeit eines neuen Anfangs«, schrieb einst Hannah Arendt. Jesu Geburt macht diesen Anfang. So wie die Geburt jedes Kindes auf der Welt einen neuen Anfang macht. Es kommt etwas Unverwechselbares, etwas Inspirierendes und Ver-rücktes auf uns zu. Daran erinnert die Heilige Nacht. Es ist nicht der Tod, der in dieser ver-rückten Zeit das theologische Denken und das religiöse Fühlen bestimmt. Es ist nicht das Kreuz, das Theologen über Jahrhunderte so gern und mit erhobenem Zeigefinger in den Mittelpunkt des Christseins rückten – in mancher Tradition stand das Kreuz gleich neben der Krippe. Sondern es ist das Wunder des Geborenwerdens – und mit ihm die Verheißung eines segensreichen Neuanfangs für uns alle.
Für die Geburt Jesu sucht der Prophet Jesaja Worte zu finden, die die Ver-rückung des Gewohnten durch das Kind erklären. Man werde es »Wunder-Rat« nennen, sagt er, »Gottesheld, Friedensfürst«. Und er scheint doch zugleich zu wissen, dass es nur Versuche sind, diesen Geborenen zu beschreiben.
Verheißen – und nicht perfekt?
In diesem Kind schlummern außergewöhnliche Kräfte. Und trotzdem ist es kein perfektes Kind. Ja, am Ende seines Lebens wird es als gescheitert gelten. Welch unglaubliches Attribut für ein göttliches Kind! Aber gerade das ist das Ver-rückte an ihm: Es bestätigt so gar nicht unser ewiges Streben nach Perfektion, nach Optimierung der Welt und unserer selbst. Dieses Kind macht Hoffnung. Es verheißt, dass das Leben sich lohnt. Dass es gut sein kann, auch wenn ein neugeborener Mensch nicht den Optimalerwartungen seiner Umwelt entspricht.
Vom längst verstorbenen evangelischen Theologen und Religionswissenschaftler Rudolf Otto lernten wir Theologinnen und Theologen, dass das Heilige nicht niedlich ist. Die Erfahrung des Göttlichen hat notwendig zwei Seiten: Schrecken und Faszination, Schauder und Wunder. Das, was uns in Distanz hält, und das, was uns durch Nähe verzaubert.
Doch das Heilige des Heiligen Abends wird durch seine Eingliederung in bürgerliche Handlungskontexte einseitig. Es ist das Heilige, das verzaubert und von dem man sich verzaubern lässt. Der Schrecken ist verloren gegangen. Der Heilige Abend zeigt das Heilige im Zauber des wohligen Zuhauseseins.
Dabei enthält die Geschichte der Menschwerdung Gottes in all ihren Bildern und Mythologisierungen ihren eigenen Schrecken: Es ist der Schrecken über die radikale Grenzüberschreitung Gottes. Diese Radikalität Gottes zeigt sich dort, wo das Heilige Kind in der blanken Körperlichkeit des Menschlichen zu denken ist. Es ist der Schrecken über eine Geburt in Blut und Schmerz. Und, wenn es uns auffällt, der Schrecken darüber, dass das Heilige Kind in Windeln gewickelt wird. So gehören die schmutzigen Windeln und damit der ganz und gar »unheilige« menschliche »Schmutz« in die Erinnerung und das Fest hinein – vielleicht auch als Imprägnierung gegen später entwickelte, ausgefeilte und mit »Reinheit« besessene Moralvorstellungen.
Dieser Abend ist für alle da
Die Radikalität der Menschwerdung Gottes bedeutet: Es spricht nichts dagegen, das Verzaubernde, Wohlige und Heimelige des Heiligen am Heiligen Abend zu feiern. Aber das allein ist nicht genug. Vergisst man die Seite des Erschreckens, wird das Heilige dekorativ und lässt sich im nächsten Schritt mit Leichtigkeit kommerzialisieren. Damit sind es nicht nur und nicht in erster Linie die »Ungläubigen«, die nichts von Christi Geburt wissen (wollen) und ihren Kindern Merkwürdiges von Weihnachtsmännern erzählen, die diese Kommerzialisierung verursachen. Es ist eine bestimmte reduzierte Auffassung des Heiligen selbst.
Diese Erkenntnis hat Konsequenzen. Wenn Raum und Zeit so konstruiert werden, dass ein Abend im Dezember zum »Heiligen Abend« wird, sollten alle Facetten des Heiligen hereingelassen werden – auch die des Erschreckens.
Das könnte bedeuten, dass es innerhalb dieses Raumes, in dem die Dinge ver-rückt und ganz anders sind, Raum gibt für Menschliches, für Imperfektionen und für nicht reibungslose Abläufe des familiären Rituals. Wenn Gott radikal Mensch wird, darf diese Feier auch menschlich sein.
Das könnte bedeuten, dass es keinen Zwang geben darf, einmal im Jahr ein Bild der Heiligen Familie auf ihre irdischen Abbilder zu projizieren. Menschliche Familien sind nicht heilig, und im Glücksfall gerade in dieser Nichtheiligkeit einander liebenswert. Wir können lernen, dass das familiäre Durcheinander kostbarer sein kann als Brot.
Das könnte zudem bedeuten, dass nicht die bürgerliche Kleinfamilie der ultimative und alleinige Ort der Weihnachtsheiligkeit sein darf. Im Alleinsein genauso wie in gewählten und ungewöhnlichen Beziehungen kann es Weihnachten werden.
Wenn es in der Heiligkeit des Heiligen Abends um die Radikalität der Menschwerdung Gottes geht, dann muss dies aber auch bedeuten: Diese Heiligkeit ist eine, die das Profane nicht einfach abtrennt und nach draußen verbannt, sondern mit sich trägt. Und: Die Heiligkeit des Heiligen Abends ist für alle da – auch für diejenigen, die die Geschichte, das Erinnern und das Glauben vergessen haben. Die Radikalität der Menschwerdung Gottes verlangt nach keinen Vorleistungen und sie findet an unerwarteten Orten statt. Die symbolische Konstruktion des Heiligen-Abend-Raums kann viele Formen annehmen, weil die Menschwerdung Gottes das Menschsein im Menschlichsein feiert.
Damit erscheint die Radikalität der Menschwerdung Gottes in manch einem ungläubig oder andersgläubig gefeierten Fest: dort, wo am 24. Dezember die alltäglichen Dinge ver-rückt werden und wo im Sich-Beschenken die Ahnung einer unausgesprochenen Verheißung zur Wirklichkeit wird. Es ist ein Kind geboren! Mitten hinein in eine ver-rückte Welt.
Britta Baas (@brittabaas), geboren 1965, Historikerin und Theologin, leitet das Ressort Publik-Forum.de.
Wenn Sie seit dem 20. Dezember mitgeraten haben bei unserem Weihnachtsrätsel, dann fügen Sie heute die letzten Wörter an den noch unfertigen Lösungssatz.
Sie brauchen die fünf letzten Wörter des viertletzten Absatzes. Sie haben den Lösungssatz? Schreiben Sie ihn gern ins folgende Kommentarfeld und senden ihn ab. Wir werden Ihre Lösung nicht freischalten (sonst ist die Spannung für alle anderen weg), sondern anschauen und Ihnen gern antworten. Ob Sie richtig lagen? Auflösung des Rätsels heute um 18.00 Uhr auf www.publik-forum.de!
