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Texte des Jahres
Gastfreundschaft in feindlichen Zeiten

Der Almbauer gewährt den Bergsteigern ein Nachtlager. Eine Frau bietet der Wandergruppe Wein und Brot an, einfach so. Diese Erfahrungen wärmen das Herz. Warum aber verbarrikadieren wir uns immer mehr? Ein Plädoyer für mehr Neugier auf den anderen.
von Martin Hecht vom 27.12.2024
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Sich öffnen für den anderen: Spontane Begegnungen wie der Plausch am Gartenzaun sind heute selten geworden. (Foto: alamy / Tatsiana Yatsevich)
Sich öffnen für den anderen: Spontane Begegnungen wie der Plausch am Gartenzaun sind heute selten geworden. (Foto: alamy / Tatsiana Yatsevich)

Wir waren beide keine 20 Jahre alt, ein Freund und ich, als wir eine Alpenwanderung machten. Es war sogar eine etwas gefährliche, ohne wirkliche Ausrüstung oder uns gut auszukennen. So kamen wir in Bergnot, ein wenig zumindest: Wir verpassten in schwindelnder Höhe den richtigen Weg, der Himmel verdüsterte sich innerhalb von wenigen Minuten, wie es in den Alpen so sein kann. Ein Unwetter zog auf. Dazu kam, dass der Tag sich seinem Ende neigte und es schon dunkel wurde. Die letzte Zuflucht war eine Almhütte, die wir talabwärts in weiter Ferne ausmachten. Wir erreichten sie gerade noch, querfeldein, bevor es stockdunkel war und die ersten Blitze zuckten. Ein alter Bauer in Holzschuhen, deren Klappern mir heute noch in den Ohren klingt, hatte uns schon kommen gehört. Er beäugte uns kurz kritisch, zeigte uns beim Lächeln seine beachtlichen Zahnlücken und wies uns dann ein Nachtlager im Heuschober zu. Seine Tochter brachte uns Brot, Käse und Milch. Wir haben wunderbar geschlafen und uns am nächsten Tag gestärkt auf den Weg gemacht. Gastfreundschaft – das ist eine Erfahrung, nach der man felsenfest davon überzeugt ist: Doch, ja, der Mensch ist gut. Wenn nur alle so wären!

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