Geschichte und Gewissen
Was für eine Chance bietet das Jahr 2014 für das vereinte Europa! Statt der erbärmlichen und sich ständig wiederholenden Diskussion über Sparhaushalte und Geld, das uns dann angeblich auch noch die Zuwanderer aus Rumänien und Bulgarien wegnehmen, könnte es eine neue Wertediskussion geben. Deutschland könnte sie anstoßen. Denn wir erinnern da zugleich an Tragödien und Sternstunden der deutschen Geschichte, die von unseren europäischen Nachbarn nicht zu trennen sind: der Beginn des Ersten Weltkrieges jährt sich zum hundertsten Mal. 75 Jahre ist der Überfall Deutschlands auf Polen her, der Anfang des verheerenden Zweiten Weltkrieges, der die Teilung Deutschlands zur Folge hatte. Vor 25 Jahren dann die Friedliche Revolution und als Folge der Fall der Mauer und des Eisernen Vorhangs in Europa.
Doch es wird nur Sinn machen, an all das zu erinnern, wenn diese Geschichte im Zusammenhang gesehen wird und wir nach Antworten suchen, was die Erinnerung daran für heute und morgen bringen kann.
Natürlich, all diese Ereignisse haben für unsere europäischen Nachbarn ein unterschiedliches Gewicht. Und so ist es kein Zufall, dass François Hollande zum Gedenken an den Beginn des Ersten Weltkrieges nach Berlin kommt. Der »große Krieg«, aus dem auch Frankreich als Sieger hervorging, spielt dort eine wichtige, sinnstiftende Rolle. In Polen und Russland hingegen hat der Zweite Weltkrieg bis heute tiefe Spuren hinterlassen. Auch Griechenland war von den Gräueln der deutschen Wehrmacht betroffen, die allein zwei Millionen Juden hinrichtete, bevor es die Gaskammern von Auschwitz und Dachau gab. Zu welchen menschlichen Abgründen Kriege führen, die ohnehin kein einziges Problem lösen – auch das zeigt der von Deutschland entfesselte Zweite Weltkrieg. Grund genug, gegenüber unseren europäischen Nachbarn nicht hochmütig zu sein.
Auch die Friedliche Revolution 1989, eine Sternstunde der deutschen Geschichte, die den Mauerfall zur Folge hatte, ist nicht nur ein deutsches Ereignis, allein ein ostdeutsches schon gar nicht. Natürlich, ohne die gewaltfrei demonstrierenden Menschen und die evangelischen Kirchen dort hätte es das nicht gegeben. Aber war da nicht mehr? Etwa die Solidarnocz-Bewegung, die Rolle Gorbatschows und nicht zuletzt die Entspannungspolitik, angestoßen von Willy Brandt und Egon Bahr. Was für eine Botschaft für Europa, ja die Welt: dass Wandel nur durch Annäherung möglich ist und Demonstrationen zwingend friedlich bleiben müssen, wenn sie zum Erfolg führen sollen. Natürlich ist das oft einfacher gesagt als getan. Aber erinnern wir wirklich daran? Geben wir wirklich der kommenden Generation weiter: steh auf, misch dich ein, du kannst Veränderungen bewirken? Montagsdemonstrationen und Runde Tische gibt es inzwischen europaweit, in all den Ländern, wo sich Menschen heute erheben. In der Ukraine, Bulgarien, sogar in Russland. Grund zum Hochmut ist das sicher nicht. Vielleicht aber zum Austausch und zur Ermutigung darüber, wie das gehen kann. Versöhnung ist angesagt. So, wie eine Friedensinitiative mit den Menschen in Weißrussland heute darüber spricht, was dort im Zweiten Weltkrieg passierte. Kaum eine Familie, die davon nicht betroffen ist.
»Herkunftswissen« nennt Wolfgang Thierse das. »So wie der Einzelne braucht das auch die soziale Gemeinschaft«, ist der frühere Bundestagspräsident überzeugt. Und: »Die gemeinsame europäische Erinnerung zu organisieren und politisch in überzeugender Weise zu präsentieren ist Aufgabe des Außenministers, der Staatsministerin für Kultur und der Kanzlerin.«
Doch es ist auch unsere gemeinsame Aufgabe. Wenn Wolfgang Thierse den »beklagenswerten Zustand des Geschichtsbewusstseins der jungen Generation« kritisiert, dann meint er nicht nur die Schulen. Auch Eltern, Familien und Medien sind angesprochen. Stiftungen und Vereine engagieren sich schon. Warum werden sie im Gedenkjahr 2014 nicht mehr finanziell für Vorhaben wie länderübergreifende Begegnungen unterstützt? Es kommt auf den Einzelnen und sein Gewissen an und wozu er sich bekennt. Auch das haben uns zwei Weltkriege, eine Friedliche Revolution und das Ende der Teilung gelehrt. Was für eine Chance für das vereinte Europa!
