Ihr seid nicht das Volk!
Gerade in diesen Tagen der grausamen Bilder aus Paris wird deutlich: Das »Wir sind das Volk«-Gebrüll der Pegida-Demonstranten ist eine feindliche Übernahme, bösartige Kaperung eines freiheitlichen Erbes, das in diesen Tagen aktueller ist denn je. Wer den demokratischen Aufbruch des Jahres 1989 miterlebt und mitgestaltet hat, muss empört sein über die aktuelle Verhunzung aller symbolträchtigen Signale der damaligen Emanzipationsbewegung. Jetzt regieren dumpfe Gefühle, primitive Ressentiments und irrationale Fremdenfeindlichkeit.
Nach 25 Jahren solch gespenstische Ansammlungen ausgerechnet in Dresden erleben zu müssen, führt damalige Initiatoren zu blankem Entsetzen. Da werden statt einer Botschaft dubiose Parolen ausgestoßen und für undiskutierbar gehalten. Dem ist unmissverständlich zu erwidern: »Ihr seid nicht das Volk! Ihr seid eine gespenstische Minderheit! Und wenn ihr noch so laut brüllt.«
Eine Willkommenskultur entwickeln
Es ist mit Händen zu greifen, wie wichtig im Ernstfall ein deutscher Verfassungspatriotismus ist, der sich aus den uns tragenden und prägenden Werten speist. Dieser Ernstfall ist angesichts untergründig wachsender Islamophobie gegeben.
In Deutschland als Deutscher zu leben, schließt Identitätsfindung in selbstbewusster wie kritischer Aneignung, Pflege und Weiterentwicklung unserer Sprache, Kultur und Geschichte ein. Aus solcher Verwurzelung kann ein Zugehörigkeitsgefühl erwachsen, das menschlich, sozial und politisch prinzipiell offen ist für jeden, der zu Deutschland gehören möchte, ohne deshalb seine Herkunft und damit verbundene Traditionen verleugnen zu müssen. Deutsch sprechen zu lernen, bleibt für alle unabdingbare Voraussetzung für gelingende Integration. Das ist selbstverständlich. Doch Einbürgerung von Zugewanderten ist keine Einbahnstraße. Sie bedarf einer Willkommenskultur.
Ein Riss geht durch Deutschland
Doch machen wir uns nichts vor: Ein tiefer Riss geht durch unser Land. Lautstark artikulierter Frust richtet sich nicht nur gegen jede Kultur des Miteinanders, sondern auch gegen unser demokratisches System, gegen die Politik und ihre Institutionen, gegen Parteien und ihre Repräsentanten, gegen die Presse. Alles scheint falsch und verlogen, wo doch vieles zu loben wäre. »Lügenpresse, halt die Fresse!«, wird bei den Pegida-Demonstrationen beispielsweise immer wieder skandiert. Mancher fühlt sich offenbar nicht repräsentiert und mit seinem Unmut nirgendwo gehört.
Dennoch es ist schlicht unverschämt, wie der Freiheitsruf von 1989 – »Wir sind das Volk!« – von den sogenannten Montags-Demonstranten jetzt verkehrt wird. Damals richtete er sich gegen die Mächtigen und forderte grundlegende Dialoge zur Veränderung ein. Wo unsere emanzipatorische Freiheitsparole jetzt nachgebrüllt wird, da richtet sie sich gegen Schwächste, Hilfebedürftigste, verängstigt Heimatlose.
Solange diese schmachvollen Demonstrationen friedlich bleiben, ist zu aufmerksamer Gelassenheit zu raten. Und doch: Gesprächsoffen bleibend, werden Demokraten selbstbewusst gut daran tun, keine Bitte-Bitte-Dialogangebote für Leute zu machen, die ihre Vorurteile eher gepflegt als befragt wissen wollen. Kaum weiterführend ist es, wenn man sozialtherapeutisch alles einfühlsam zu verstehen vorgibt, was da an Unsinn auf die Straße gekippt, den Medien entgegengeschrien und damit in der ganzen Welt verbreitet wird. Wer da mitgeht, möge sich gut überlegen, mit wem er geht.
Stellungnahme der Bürgerrechtler
Wie gut ist es, dass die deutsche Zivilgesellschaft wachgeblieben ist und auch präventiv für ein buntes Deutschland auf die Straße gegangen ist. Dass Erklärungen abgegeben wurde wie die der Stiftung Friedliche Revolution, die daran gemahnt, dass die Werte eben dieser Revolution zum gesamtdeutschen Erbe gehören und eben gesamtdeutsch verteidigt werden müssen. Oder das Papier der Ost-Bürgerrechtler, das an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt: »Wir sind das Volk!«
Wir werden mit dem aufgerührten nationalistisch-rassistischen Gedankensud nur fertig werden, wenn wir die untergründige Stimmung wachsam begleiten. Fragen stehen an: Wie gewinnen wir gefrustete Demokratie-Abstinenzler zurück? Wie bearbeiten wir mit wem irrationale Ängste, Unsicherheitsgefühle und Zukunftssorgen in einer immer unübersichtlicher werdenden Welt? Wie definieren und gestalten wir unser Deutschsein von unserer Verfassung und zugleich von unserer kulturellen und geschichtlichen Herkunft her?
Aber fragen allein reicht nicht. Wir müssen jetzt Zeichen setzen gegen den Irrsinn. Politische. Menschliche. Künstlerische. Kabarettistische. Zum Rosenmontag rufe ich in Wittenberg vor dem Denkmal Phillip Melanchthons die WIGIDA aus: »Wittenberger Internationalisten gegen die Idiotisierung des Abendlandes.«
