Ukraine: Die Kirchen als Vorreiter
Pfarrer Mykhaleyko, was sind die Hauptaufgaben nach dem revolutionären Machtwechsel in der Ukraine?
Andriy Mykhaleyko: Politisch müssen die großen Probleme gelöst werden, die die Leute zur Revolution trieben. Das vom untergegangenen Regime blockierte Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union steht symbolhaft für die Hoffnung der Revolutionäre auf eine bessere Zukunft für die gesamte Ukraine. Diese Hoffnung, die den Aufstand antrieb, darf Europa nicht enttäuschen. Zweitens: Seit der Unabhängigkeit 1991 herrschten Korruption und Rechtsunsicherheit. Diese Übel zerstören das Leben vieler Ukrainer. Sie müssen energisch bekämpft und beseitigt werden. Der ukrainische Staat braucht eine Erneuerung an Haupt und Gliedern. Ich hoffe, dafür ist der Weg nun frei.
Wie engagierten sich die Christen und ihre Kirchen während des Aufstandes?
Mykhaleyko: Stark. Sie stellten sich massiv auf die Seite der gewaltfreien, demokratischen Revolution. Dabei wuchs eine für die Ukraine völlig neue Ökumene – auf dem Majdan, also von unten. Ihr Bild und Symbol sind die Gebetszelte, wo Orthodoxe und Katholiken gemeinsam für die Aufständischen beteten und Seelsorge leisteten. In dem festen ökumenischen Bund, der für die Zukunft der Nation mit einer Stimme spricht, liegt der große Unterschied zur Orangen Revolution im Jahr 2004. Denn seinerzeit fehlte die gemeinsame Stimme. Zersplittert blieben die damals für die Demokratie kämpfenden Kirchen wirkungslos. Ihre Vereinzelung wurde jetzt überwunden. Und das ist gut so.
Wie organisierten sich die Kirchen politisch?
Mykhaleyko: Der All-Ukrainische Rat der Kirchen wurde hoch aktiv. Dieses Gremium, getragen von Orthodoxen, Katholiken und Protestanten, nahm immer wieder öffentlich Stellung. Die gemeinsame Stimme der Kirchen war das durchdringendste Organ für Gewaltfreiheit. Zugleich kritisierte der Rat der Kirchen scharf und detailliert den Gewaltkurs der staatlichen Sicherheitskräfte und Polizei.
Haben die Kirchen politische Tradition?
Mykhaleyko: Eher wenig. Es gab in der Ukraine noch nie eine politische Krise, bei der die Kirchen so aktiv wurden wie jetzt. Wir haben eine Flut von Stellungnahmen und Dokumenten, mit denen die Kirchen versuchen, die politische Not zum Besseren zu wenden. Dies halte ich für sehr positiv.
Wie sehen Sie die Aufgabe der Kirchen jetzt?
Mykhaleyko: Die Kirchen haben eine noch nie dagewesene, historische Chance, die Entwicklung in der Ukraine positiv zu beeinflussen. Repräsentativ-Umfragen aus dem Jahr 2013 zeigen, dass die Bürger am meisten auf die Kirchen setzen: Weit über 60 Prozent vertrauen den Kirchen, nur 15 Prozent der Befragten vertrauen dem Staat. Die Kirchen haben sich dieses enorm hohe Vertrauenskapital hart erarbeitet, in dem sie stets nahe bei den Leuten waren und halfen, wo sie konnten. Die Kirchen genießen das höchste Vertrauen in der Gesellschaft. Jetzt müssen sie ihren Einfluss geltend machen gegen Rache, Gewalt und eine Spaltung der Nation.
