Mehr Mitmachkirche
Vor vierzig Jahren schien in einem kleinen Ortsteil von Bonn-Bad Godesberg, in dem ich aufwuchs, die katholische Welt noch in Ordnung. Die Kirchen waren gut besucht, obwohl die Pfarrer schon im Rentenalter waren und ihre Predigten langweilig. Viele Gläubige gingen sonntags in die Messe, weil es halt so üblich war und sie es von klein auf nicht anders kannten.
Als Kind waren für mich die Gottesdienstbesuche eine lästige Pflicht. Doch selbst unter diesen Bedingungen habe ich irgendwann angefangen, aufzuhorchen, die rituell vorgebrachten Worte brachten in mir etwas zum Klingen. Aus heutiger Sicht würde ich sagen: Es war die Menschenfreundlichkeit des Glaubens, die mich insgeheim doch interessierte. Der Anspruch des Christentums, die Welt zum Guten zu verändern und Konflikte auf allen Ebenen, in der Kleinfamilie wie in der Weltgemeinschaft, lösen zu können. Dieser Idealismus fasziniert mich, im Gottesdienst kam er jedoch verstaubt daher. Da konnte kein Funke überspringen.
Die Gesellschaft wandelt sich rasant
Die katholische Kirche hat sich seither nicht wesentlich verändert, die Gesellschaft wandelt sich dagegen permanent. Inzwischen akzeptiert sie keine Priester mehr, die sich als exklusive Mittler zu Gott verstehen und dabei von den wirklichen Nöten der Menschen keinen blassen Schimmer haben. Die Kirche hat ihre Autorität, mit der sie früher viele Menschen an sich binden konnte, längst verloren. Das hat zuletzt die Sinus-Milieustudie 2013 gezeigt. Die Leitung der Kirche wird danach von vielen als »weltfremd, reaktionär und obstruktiv« beschrieben. Gerade junge Menschen messen der Organisation keine Bedeutung mehr bei. Und das nicht nur wegen der Missbrauchsskandale und deren bisher so missglückten Aufarbeitung.
Der Umgang der Kirche mit diesen Verbrechen verstärkte nur das Gefühl, dass sich die katholischen Oberen in einer Welt bewegen, die mit der von normalen Menschen wenig zu tun hat. Niemand versteht mehr, weshalb Priester ihre sexuellen Wünsche ignorieren müssen, warum es keine Priesterinnen geben darf, warum Homosexualität verachtenswert sein soll und Verhütung strikt verboten wird. Das ist so meilenweit von Jesu Botschaft entfernt, dass man sich fragen muss, warum noch überhaupt jemand in die Kirche geht. Diese Probleme sind gravierend für die Katholiken, aber für die Kirchen insgesamt gibt es noch gravierendere. Sonst würden nicht auch so viele Protestanten desinteressiert ihrer Kirche den Rücken zukehren.
Wie müssen sich die Kirchen verändern?
In welche Richtung müssen sich die Kirchen also bewegen, um den Trend zum Kirchenaustritt zu stoppen? Mit dieser Frage hat sich Publik-Forum.de im Rahmen einer Interview-Serie beschäftigt und evangelische sowie katholische Christen nach ihrer Einschätzung befragt.
Die Antworten sind vielfältig: Der evangelische Theologe Wolfgang Nethöfel sieht die Organisationsform der Kirche in Gemeinden, die für alle Bevölkerungsgruppen Angebote machen, als überholt an, die Menschen orientierten sich nicht mehr nach Gemeinden, sondern nach Interessen, sagt er. Dem müsse die Kirche folgen. Christian Weisner von der katholischen Reforminitiative »Wir sind Kirche« fordert eine Entwicklung weg von der Versorgungs- und hin zur Mitmachkirche. »Wir müssen wegkommen von der Priesterfixiertheit und hinkommen zu mehr Beteiligung«, meint er.
Ein gutes Beispiel für die Mitmachkirche ist Gertrud Jansen. Im Bistum Aachen kann sie selbst als Laiin Wortgottesdienste halten und Beerdigungen seelsorgerisch betreuen. Das ist längst nicht überall in der katholischen Kirche möglich. Wie »Kirche anders« gelingt, zeigt auch Klaus Neumeier von der evangelischen Christuskirchengemeinde in Bad Vilbel. Er ist zugleich Sprecher des Netzwerks »Lust auf Gemeinde« in der evangelischen Kirche Hessen und Nassau. Mit vielfältigen Musikangeboten zum Mitmachen, mit Themen-Gottesdiensten, erlebnisorientierten Freizeiten, mit Glaubenskursen unter dem Motto »Was dir gut tut« zieht die Gemeinde die Gläubigen in Scharen an. »Wir erleben ganz deutlich, dass Menschen nach dem Sinn ihres Lebens fragen und nach Orientierung suchen, gerade in einer globalen und oft ausdifferenzierten und damit auch unübersichtlichen Welt«, sagt Neumeier.
Nötig ist mehr Nähe zu den Menschen
Könnte mehr Ökumene ein Weg aus der Glaubenskrise weisen? Uwe-Karsten Plisch vom Ökumenischen Netzwerk »Kirche von unten« hält eine Annäherung der Kirchen für sinnvoll, eine Verschmelzung zu einer Großkirche dagegen für gefährlich. »Sie wäre ein nicht zu unterschätzender politischer Akteur, hätte sehr viel mehr Macht und käme wahrscheinlich auf dumme Gedanken«, sagt er. Wie Ökumene dagegen menschennah praktiziert wird, ist in Wetzlar zu beobachten. Dort teilen sich die Konfessionen sogar den Dom.
Eines ist allen Interviewten gemeinsam: Sie fordern eine Kirche, die näher bei den Menschen ist, die Nächstenliebe zeigt und nicht belehrt, die Menschen in ihrer Suche ernst nimmt und nicht fix und fertige Antworten präsentiert, die deutlich macht, dass in einer säkularisierten Welt, in der jeder nur ein zufälliges Objekt der Natur ist, etwas Wichtiges fehlt.
Gemeinschaftserlebnisse und Spiritualität
Gemeinschaftserlebnisse oder spirituelle Erfahrungen können Sinn stiften. Dort finden Gemeinden ein weites Feld, dass sie beackern können, um Menschen für den Glauben zu begeistern. Und warum sollen sie dafür nicht neue, zeitgemäße Formen wählen? Vielerorts geschieht das auch. Die Kirchen sind längst im Aufbruch.
In der katholischen Kirche äußert sich das unter anderem durch den vielfältigen Protest gegen die menschenfeindlichen starren kirchlichen Regeln. Sie werden immer weniger beachtet, sagt der Mainzer Theologe Gerhard Kruip, einer der Initiatioren des Memorandums 2011, der auf Veränderungen dringt, denn: »Es kann eine Institution auf Dauer nicht aushalten, dass es eine Diskrepanz gibt zwischen ihrer offiziellen Lehre und der tatsächlichen Praxis.« Er meint, »es wäre für die Kirche fatal, wenn das der Dauerzustand wäre.«
Probleme klar zur Sprache bringen
Es ist daher gut, dass Reformer wie der Pfarrer Helmut Schüller, Mitbegründer der österreichischen Pfarrer-Initiative, dazu aufrufen, die Probleme immer wieder eindeutig zur Sprache zu bringen. Nur so lässt sich den Bischöfen klarmachen, dass sie eigentlich dastehen wie der Kaiser ohne Kleider im Märchen. Ihnen freundlich und nicht feindselig zu verdeutlichen, dass man auf viele strenge Regeln getrost verzichten könnte, ohne dadurch den Kern der christlichen Botschaft zu beschädigen, wird immer mehr zur Aufgabe mutiger Priester und Laien werden. Sie müssen die Bischöfe aus ihrer Wagenburg herausziehen, mit Geschick und einem menschenfreundlichen Glauben. Das nötige Rüstzeug dafür haben sie ja.
Markus Dobstadt ist Journalist und regelmäßiger Mitarbeiter von Publik-Forum
