Der Marx-Faktor
Der Kardinal und Erzbischof von München und Freising steht für Geradlinigkeit, für politische Einmischung in die Welt und Gesellschaft, sowie für eine persönliche Glaubensfreude mit teilweise barocken Zügen. Der schwergewichtige katholische Kirchenführer aus dem tiefen Westfalen, mit dicker Zigarre und Humor, ist ein Menschenfischer mit Kanten, an denen sich Gegner wie Freunde reiben werden.
Marx ist für einen geschliffenen öffentlichen Streit gut, aber ebenso für ein fröhlich dröhnendes Gelächter. Die Landschaft der Religionen wird mit ihm kontrastreicher. Und München wird Kirchenhauptstadt Deutschlands.
Wenn nun auch noch der evangelische Landesbischof von Bayern, Heinrich Bedford-Strohm, in Bälde Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) werden sollte – wofür einiges spricht –, sind die Spitzen von Katholizismus und Protestantismus in der bayerischen Landeshauptstadt angesiedelt. Tief im Süden der Republik, wo die Arbeitslosigkeit geringer, die Entkirchlichungs-Tendenz schwächer und die sozialpolitische Problemlast niedriger ist als im Norden und Osten Deutschlands.
Die beiden auf den ersten Blick äußerst unterschiedlichen Kirchenmänner verbindet viel: Marx und Bedford-Strohm sind beide Soziallehre-Fachleute und damit Experten für Gerechtigkeits- und Wirtschaftsfragen. Sie beschäftigen sich mit der Aktionsseite, mit der Handlungs- und Außenseite der Kirche. Mit dem notwendigen Tun und Entscheiden der Christen in der Gesellschaft.
Marx ist kein großer dogmatischer Theologe. Und auch kein Experte fürs stille Kämmerlein persönlich-intimer Glaubensfragen. Damit sind seine schwachen Seiten benannt. Sein unterlegener Gegenkandidat, der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode, steht für jenen inklusiven, die Einzelnen mitnehmenden Führungsstil, der dem schneidigen, gelegentlich autoritär entscheidenden Marx abgeht. Wer nimmt die sich isolierenden, angstvollen Konservativen unter den deutschen Bischöfen nun mit in die Zukunft? Dem verbindlichen Bode wäre dies zuzutrauen gewesen. Dem schnellen, stets sichtbaren und hörbaren Kardinal Marx wohl nur schwerlich.
Marx war der Kandidat des Papstes
Marx genießt das ausdrückliche, besondere Vertrauen von Papst Franziskus. Als der Europa-Vertreter in der aus acht berufenen Mitgliedern bestehenden Kardinals-Kommission zur Reform der Kirchenspitze »K8« – und neuerdings als Chef des Wirtschafts- und Finanzrates im Vatikan – ist Marx in der Kurie so stark vernetzt, dass es ihm leicht fallen könnte, störrisch konservative oder allzu progressive deutsche Bischofskollegen zu einem »Gespräch« nach Rom zitieren zu lassen. Reinhard Marx ist dermaßen mächtig in der römischen Kirche, dass er nach Belieben nötigenfalls über Bande spielen kann – wohl als einziger unter den deutschen Oberhirten.
Ausgerechnet solch einen konturstarken Mächtigen hat die aus Weihbischöfen bestehende Mehrheit der Bischöfe nun an ihre Spitze gewählt. Die Richtungsentscheidung, die sich damit verbindet, lautet: Klarheit, Sichtbarkeit, Hörbarkeit, Profil. »Klare Kante« würde der Sozialdemokrat und Sozialkatholik Franz Müntefering dazu sagen.
Der neue Vorsitzende geht nicht hinterdrein oder mittendrin, sondern voraus. Reinhard Marx, der noch ein halbes Jahr nach dem Rücktritt von Papst Benedikt XVI. in Reden häufig den Theologen Josef Ratzinger zitierte, zitiert nun oft Papst Franziskus. Der neue Papst reißt Marx mit. Dessen aufrüttelndes Apostolisches Schreiben »Freude des Evangeliums« (Evangelii Gaudium) nennt er als seine Richtschnur. Und während des Dialogprozesses, den sein Vorgänger als Bischofs-Vorsitzender, der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, in der tiefsten Missbrauchs-Krise startete, hat sich Marx immer deutlicher für die von der Kirchenlehre Getretenen eingesetzt, zuvörderst für die wiederverheiratet Geschiedenen.
Kurz: Eine kleinmütige Wahl haben die deutschen Bischöfe mit Marx nicht getroffen. Aber diese Wahl ist ihnen offenbar schwer gefallen. Marx schaffte es erst im vierten Wahlgang und mit knapper Mehrheit an die Spitze. Das zeigt, wie heftig die Flügelkämpfe unter den Bischöfen in einer Zeit der Verunsicherung und Neuorientierung sind.
