Zur mobilen Webseite zurückkehren

Der Papst spricht von Völkermord

Diplomatie auf Samtpfötchen ist nicht seine Sache: Papst Franziskus spricht Klartext. Bei der Gedenkmesse zur Ermordung und Vertreibung von Millionen Armeniern vor einhundert Jahren nannte er den Genozid durch das Regime der Jungtürken im Osmanische Reich »den ersten von zahlreichen Völkermorden im 20. Jahrhundert«. Das kleine Armenien ist begeistert. Um so zorniger ist das Establishment der Türkischen Republik
von Thomas Seiterich vom 14.04.2015
Artikel vorlesen lassen

Schon in seinen Jahren als Erzbischof in Buenos Aires pflegte Franziskus eine Freundschaft zur armenischen Exilgemeinde in Argentinien. Jetzt lud der Papst das armenische Kirchenoberhaupt, Patriarch Karekin II,. sowie die Staatsspitze des Drei-Millionen-Einwohnerstaates im Kaukasus in den Petersdom zum Gedenkgottesdienst für den Völkermord an den Armeniern. Franziskus sprach öffentlich von Genozid, Völkermord. Und er bezeichnete das Geschehen von 1915 als eine »entsetzliche und unerhörte Tragödie«.

Anzeige
loading

Auch andere christliche Minderheiten wurden damals mitverfolgt – wie zum Beispiel die Aramäer. Und so geht es Franziskus nicht um den – wie er sagt – »ersten Völkermord im 20. Jahrhundert« allein. Er zählt weitere Genozide auf: Den Holocaust im so genannten Dritten Reich, die Völkermorde der kommunistischen Diktatoren Stalin und Pol Pot, die vornehmlich von Katholiken verübten Genozide in Burundi und Ruanda – sowie den Genozid in Bosnien.

Heute Genozid in Nahost: Christen, Jesiden, Muslime

Das eigentliche Ziel von Franziskus' Wahrheits-Rede war nicht eine Provokation der türkischen Befindlichkeit, sondern – neben dem öffentlichen Gedenken des Leids der Armenier – ein Versuch, die Weltöffentlichkeit wach zu rütteln für die Verfolgung der Christen und religiösen Minderheiten heute. »Es sieht so aus«, sagte Franziskus, »als schaffe es die Menschheit nicht, das Vergießen unschuldigen Blutes zu beenden.« Trotz all der bitteren Lehren aus der Geschichte des letzten Jahrhunderts.

Schon im Jahr 2013 hatte Papst Franziskus im privaten Kreis den historischen Völkermord an den Armeniern beklagt. Dies war nach Ankara gedrungen. Trotz dortiger Proteste dementierte der Vatikan nichts.

Bereits Papst Johannes Paul II. hatte im Jahr 2000 den Völkermord an den Armeniern auch einen Völkermord genannt. Der Pole war der erste Papst, der jene opferreichen, blutigen Ereignisse als Genozid beschrieb und so allen Unmut der Türkei auf sich zog. Seine Aussage hat nun Papst Franziskus wiederholt.

Wen stärkt die Klarheit des Papstes? Die türkische Zivilgesellschaft und die türkische Bewegung für eine faire und menschenrechtliche Demokratie. All jene Frauen und Männer, die zu Zehntausenden in Istanbul und anderen Städten auf die Straße gingen, als 2007 der prominente armenisch-türkische Journalist und oppositionelle Demokrat Hrant Dink von einem türkischen Nationalisten ermordet wurde. Franziskus stärkt all diejenigen modernen türkischen Bürger, die die Nase voll haben von Erdogans zunehmend autoritären Machtstaat, der meint, auf die beschönigende Geschichtslüge im Blick auf den türkischen Völkermord an den Armeniern nicht verzichten zu dürfen.

4 Wochen freier Zugang zu allen PF+ Artikeln inklusive E-Paper
Publik-Forum
Publik-Forum
Einen Moment bitte...
0:000:00
1.0