Ein Jahr Tebartz-freie Zeit
Seit im September Umzugswagen von Limburg nach Regensburg rollten, ist der zurückgetretene Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst räumlich abwesend. Wie kein zweiter hatte er das Bistum zwischen Westerwald und Frankfurt mit dem Ruch von Lügen und Luxus belegt. Doch wie stark wirkt sein autoritärer Führungsstil noch nach? Wie tief sitzen die Verletzungen, die der Geistliche gemeinsam mit anderen Mitarbeitern Andersdenkenden zufügte? Und welche Schäden hinterließ er bei denen, die sich mit Herz und Seele der katholischen Kirche zugehörig fühlen? Die Kirchenaustritte waren im vergangenen Jahr im Bistum Limburg sprunghaft gestiegen. Zeit für eine erste Bilanz.
Ärger und verletzte Gefühle
Im Bad Homburger Gemeindezentrum St. Marien betonen Menschen bei einer lebhaften Podiumsdiskussion zur Zukunft des Bistums, dass sie sich eine Kirche wünschen, »in der man Kritik üben darf, die auch angenommen und bedacht wird«. Über eine vom Bistum eingerichtete Telefon-Hotline konnten zwischen September und November vergangenen Jahres kirchliche Mitarbeiter anonym ihren Frust loswerden; über hundert Anrufe zeigen, wie tief der Ärger und die verletzten Gefühle sein müssen. Die Gesprächsinhalte sollen demnächst veröffentlicht werden. Persönliche Gespräche mit der Bistumsleitung seien auch weiterhin möglich, betont Bistumssprecher Stephan Schnelle.
Deutlich wurde in den vergangenen Monaten, wie massiv in Zeiten des Tebartz-van Elst Druck ausgeübt und mit Einschüchterung gearbeitet wurde. Ein Indiz dafür ist zum Beispiel die erleichterte Mitteilung der Mitarbeitervertretung vom Dezember, dass in der Bischofsregistratur keine Dossiers über Beschäftigte gefunden wurden. Bei monatlichen Gesprächen der Mitarbeitervertreter mit Generalvikar Wolfgang Rösch werden auch solche Sorgen thematisiert. Und monatlich teilt das Bistum per Newsletter den Stand der Aufarbeitung der Tebartz-Zeit mit.
Ein Hindernis bei diesem Prozess ist die Tatsache, »dass entscheidende Leute, die Bischof Tebartz-van Elst gestützt haben, immer noch da sind«, sagt Gemeindepfarrer Alexander Brückmann. Er ist Mitglied des Hofheimer Kreises, eines Zusammenschlusses von Geistlichen, die das Angst-Regiment des Bischofs öffentlich kritisierten. Patrick Dehm, der unter Tebartz gekündigte ehemalige Leiter des Frankfurter Hauses der Begegnung, vermisst »die Rücknahme der Kündigungen, Abmahnungen und Versetzungen« sowie »einen offenen Diskussionsprozess über das, was aus diesem Skandal gelernt wird«. Niemand spreche zum Beispiel über die Ehefrau eines Mitglieds des Vermögensverwaltungsrates, »die Immobilien des Bistums bewertete und für den Kauf vorbereitete, obwohl dies Vetternwirtschaft war«.
Während Pfarrer Hubertus Janssen, der aus seiner kritischen Sicht der Bistumsleitung nie einen Hehl gemacht hat, zusammen mit anderen den Rücktritt des Domkapitels fordert, das sich viel zu spät und auch nicht überzeugend entschuldigt habe, sagt Alexander Brückmann: »Ich wäre schon zufrieden, wenn jene, die willige Helfer waren und zweifelsohne Schuld auf sich luden, zugeben, dass sie Teil des Problems waren, und sich entschuldigen.« Zurzeit allerdings komme ihm, wenn er Mitgliedern des Domkapitels, leitenden Referenten aus den Dezernaten oder Mitarbeitern aus den Büros des ehemaligen Bischofs und des zurückgetretenen Generalvikars begegne, der Begriff »Wendehals« in den Sinn.
Doch das Klima, das der Frankfurter Stadtdekan Johannes zu Eltz einst mit dem Wort »Duckmäusertum« beschrieb, scheint sich dennoch gewandelt zu haben. »Viele reden heute offen, es gibt nicht mehr das Problem der Abmahnungen«, sagt Reinhold Kalteier, Sprecher des Priesterrates. Im Bistum müsse sich jetzt »jeder einzelne Mitarbeiter fragen: Hätte ich mehr tun können?«
Ende des Spießrutenlaufens
Alexander Brückmann findet, dass in Sachen Aufarbeitung doch »einiges passiert« sei. Der Paderborner Weihbischof Manfred Grothe, vom Papst eingesetzt als Apostolischer Administrator, sei ein »angenehmer und ernst zu nehmender Gesprächspartner, der mit Ruhe und Entschiedenheit an die Aufarbeitung der Tebartz-Zeit herangegangen« sei. Generalvikar Wolfgang Rösch hatte im Dezember mitgeteilt, dass er Abmahnungen zurückgenommen habe, manche aber seien »definitiv berechtigt« gewesen.
»So langsam kehrt Ruhe ein«, sagt auch Stefan Hauck, der sich seit mehr als zwanzig Jahren im Vorstand des Pfarrgemeinderates von St. Peter und Paul in Hofheim engagiert. Sehr positiv hätten Gemeindemitglieder auf den Hirtenbrief reagiert, den Weihbischof Grothe im Advent an alle Gläubigen gerichtet hatte. In einer Frankfurter Gemeinde allerdings gab es Buhrufe, als die Passage verlesen wurde, eine »förmliche Verabschiedung« des emeritierten Bischofs bleibe »dem Bistum aufgetragen«. Grothe kündigte zudem an, die beiden freien Sitze im Domkapitel in der ersten Jahreshälfte neu besetzen zu wollen.
Weil noch ungewiss ist, wann das Bistum einen neuen Bischof bekommen wird, dürfte Grothe wohl noch »eine Weile im Bistum Limburg bleiben«, wie er selbst sagt. Pfarrgemeinderat Stefan Hauck findet das in Ordnung: »Wenn mehr Zeit für die Aufarbeitung und das Aufeinanderzugehen bleibt, kann auch ein neuer Bischof leichter akzeptiert werden.«
Zu Namen und den Kriterien, die ein neuer Bischof erfüllen soll, kann das Domkapitel die Gläubigen befragen. Allerdings geschah dies auch vor der Wahl von Franz-Peter Tebartz-van Elst – viel gebracht hat die Befragung offensichtlich nicht. Ingrid Schillai, die Präsidentin des Diözesansynodalrats, appelliert daher an alle, sich an das Selbstverständnis des Bistums zu erinnern: »Wir stehen in der Tradition des Zweiten Vatikanischen Konzils. Dieser Geist muss wachgerufen werden und in den Menschen lebendig sein.« Nicht umsonst sei das Bistum Limburg einst wegen seiner vorwärtsweisenden Synodalordnung als vorbildlich bezeichnet worden.
»Das Kapitel Tebartz-van Elst ist für die Leute hier in der Gemeinde erledigt«, sagt Hans-Peter Labonte, Pastoralreferent in Frankfurt-Südwest. Zu Zeiten des Skandals um den Limburger Bischofssitz und der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen gegen Tebartz-van Elst sei er ständig gefragt worden, ob er denn »bescheuert« sei, in diesem Laden noch weiter zu arbeiten. Für viele Gläubige sei die Zeit damals einem »Spießrutenlaufen« gleichgekommen. Labonte spürt heute zwar eine veränderte Haltung in der Bistumsleitung: »Man dirigiert nicht länger, sondern fragt.« Aber wirkliche strukturelle Änderungen erkennt der Kirchenmann nicht.
Joachim Valentin, Direktor des Frankfurter Kultur- und Begegnungszentrums Haus am Dom, vermisst »eine differenzierte Aufarbeitung im straf- und kirchenrechtlichen Sinne«. Valentin, Herausgeber des Buches »Der ›Fall‹ Tebartz-van Elst« (Herder-Verlag), ist unzufrieden damit, »dass eine detaillierte Untersuchung der Amtsführung von Tebartz-van Elst über den Prüfbericht der Deutschen Bischofskonferenz hinaus nicht erfolgt ist«. Weder die Staatsanwaltschaft noch die deutschen Diözesen hätten weiter ermittelt. Auch der Vorwurf veruntreuter zehn Millionen Euro im Zusammenhang mit dem Bau des umstrittenen Bischofshauses sei bislang nicht weiterverfolgt worden.
Hanebüchene Abmahnungen
Valentin steht mit dieser Sicht nicht allein. Auch der Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller befürwortet eine Schadensersatzklage gegen den früheren Limburger Bischof. Dies gebiete das kirchliche Recht und die Gerechtigkeit, schreibt er in der Herder Korrespondenz.
Joachim Valentin will ferner wissen, was einzelne Personen getan hätten, wo sie »schuldhaft beteiligt waren am Bau des Bischofssitzes und wo sie im Angst- und Schreckenssystem des einstigen Generalvikars Franz Kaspar tätige Mithilfe geleistet haben«. Alle Führungskräfte mit Personalverantwortung hätten unter dem Druck gestanden, »aus teilweise hanebüchenen Gründen« abzumahnen. »Viele taten das nicht und saßen die Aufforderung von oben aus, aber viele taten es.« Valentin fordert »viele Einzelakte der Versöhnung« und vor allem eine »Aufklärung der Detailfragen«, sei es mit juristischen Mitteln oder in einem großen moderierten Gesprächsprozess.
In diesem Jahr nun soll die Vermögensverwaltung im Bistum neu geordnet werden. Der Vermögensverwaltungsrat wird neu besetzt, auch mit externen Persönlichkeiten, um eine größere Unabhängigkeit zu erreichen. Das Statut des Bischöflichen Stuhls soll überarbeitet werden. Bereits im Juli 2014 hatte die Diözese ihr Vermögen und ihre finanziellen Verpflichtungen öffentlich gemacht.
»Das Top-Down-Verfahren, das alle wichtigen Entscheidungen bei Bischof und Generalvikar zentralisiert hat, ist gescheitert; es hat dem Machtmissbrauch Tor und Tür geöffnet«, urteilt der Frankfurter Jugendpfarrer Werner Otto. Er fordert daher, dass den Bezirken mehr Eigenverantwortung übertragen werden müsse, bis hin zu einer eigenständigen Personal- und Finanzverantwortung. Auch müsse eine unabhängige kirchliche Verwaltungsgerichtsbarkeit geschaffen werden, um Machtmissbrauch überprüfen zu können.
Da diese Strukturen noch fehlten, bleibe nur ein Verfahren vor dem kirchlichen Gerichtshof in Rom, um den Bischof für den im Bistum entstandenen Schaden zur Rechenschaft zu ziehen. Das wäre ein deutliches Signal an andere Bischöfe: » Wir gucken euch auf die Finger.«
Eines ist für Pfarrgemeinderat Stefan Hauck und viele andere im Bistum nach dem Skandal um Tebartz-van Elst klar: »Diese Art des Durchregierens wird in Zukunft nicht mehr möglich sein – sonst stehen die Hauptamtlichen in wenigen Jahren ohne Ehrenamtliche da.«
