Ein Konzil bewegt die Welt
Der große französische Konzilstheologe Yves Congar, ein Dominikaner, sagte im Blick auf das Zweite Vatikanische Konzil, das am 11. Oktober 1962 von Papst Johannes XXIII. eröffnet und am 8. Dezember 1965 von seinem Nachfolger, Papst Paul VI. beendet wurde: »Nach einem Konzil ist es innerkirchlich erstmal ziemlich lange relativ duster. Es braucht 50 Jahre, bis das Konzil energisch verwirklicht wird.« So erinnert sich einer der letzten überlebenden Konzilsväter, Bischof Luigi Betazzi. Der springlebendige, 92 Jahre alte Norditaliener fährt fort: »Heute, fünfzig Jahre nach dem Konzil, verwirklicht Papst Franziskus das Konzil und seine Intentionen.«
Es waren für die Katholiken höchst aufregende Zeiten, als Papst Johannes XXIII., ein Leute-naher Kleinbauernsohn aus dem norditalienischen Dorf Sotto il Monte, das Konzil einberief. Für Papa Giovanni war es ein Signal, endlich aus den bleiernen Zeiten eines seit dem Ersten Vatikanischen Konzil von 1870/71 defensiven, extrem autoritären Kirchentums auszubrechen.
Für Roms theologische Experten um den nahezu blinden Glaubenspräfekten, Kardinal Alfredo Ottaviani, die den aus ihrer Sicht allzu freundlichen und weltzugewandten Johannes-Papst misstrauisch beäugten, bot das Konzil die Chance, die »ewigen Wahrheiten« erneut und für immer festzubetonieren.
Dolce Vita, Rock'n Roll und Präsident John F. Kennedy
Und in der Welt? Die Konzilsjahre waren die Zeit von »Dolce Vita« in Spielfilmen, Mode und Fotografie. Wunderschöne – und dabei katholische – Busenwunder waren in den Kinofilmen zu betrachten. Schauspielerinnen wie Sophia Loren, Gina Lollobrigida und Franca Magnani. Die Vereinigten Staaten hatten erstmals in ihrer Geschichte einen Katholiken als Präsidenten, John F. Kennedy. Der hielt mit seinem katholischen Glauben nicht hinterm Berg und verkörperte gutaussehend einen neuen Chic in der Politik – ein Frühlingssturm nach den militärischen Konfrontationen der notvollen Nachkriegsjahre. Nicht zuletzt dank der Vermittlung von Papst Johannes XXIII. bewahrten Kennedy und sein Moskauer Gegenspieler, der sowjetische Staats- und Parteichef Nikita Chruschtschow, die Welt im Oktober 1962, in der Kubakrise, vor einem Atomkrieg – damals hatte das Konzil soeben begonnen.
Es war in jener Zeit in der Welt ein multikomplexer Moment von Optimismus und Zuversicht. Rock'n Roll und Maria Callas im Radio, im Fernsehen, in Illustrierten und in echt. In Afrika und Asien schickten sich zahlreiche Kolonien an, politisch selbstständig zu werden. In Kuba war von linken Idealisten um Fidel Castro und den Arzt Che Guevara eine dekadentes Regime gestürzt worden. Und in den Gesellschaften Westeuropas und Nordamerikas konnte sich die Mittelschicht wieder etwas leisten.
Der Optimismus der Mittelklasse und des Konzils
Das Konzil beeinflusste dem damaligen Optimismus und es wurde von der Lebenszuversicht der Gläubigen beeinflusst. Beheimatet war dieser Optimismus in den westlichen Mittelschichten und bei den Kirchenführer aus der Dritten Welt und dem Westen. Vor allem französische Theologen hatten mit ihrer »Nouvelle Theologie« seit Jahrzehnten vorgearbeitet. Dies hatte ihnen unter Papst Pius XII. Lehrverbote eingebracht. Doch die Dominikaner und Jesuiten Henri de Lubac, Marie-Dominique Chenu Jean Daniélou, Yves Congar und ihre Freunde in Belgien und Deutschland hatten trotz der beinharten vatikanischen Repression in aller Stille weitergeforscht.
Sie lösten den Glauben und die Lehre aus ihrer totalen Erstarrung und bereiteten den Weg für die Öffnung des Konzils. Dieser Reformtheologie hatten die römischen Traditionsverteidiger nicht viel Überzeugendes entgegenzusetzen. Praktisch alle Abstimmungen über die Dokumente des Konzils gingen mit großer Mehrheit für die Reformer aus.
Insgesamt sechzehn Konzilstexte
Der Optimismus der Zeit und der Kirchenverantwortlichen findet Ausdruck darin, dass die Kirche ihre »Freude« bekundete über die Freuden und das Leben der Menschen, und dass sie sich deren Sorgen zueigen machen möchte. Dieser geradezu poetische Text findet sich in der Konstitution »Gaudium et spes« (1965), in der die Kirche ihren Ort in der Welt von heute beschreibt. Das Selbstbild vom »Volk Gottes«, das wandert, findet sich in der Konstitution »Lumen Gentium« von 1964; die Kirche sei stets zu reformieren, steht dort. Betont wird das »gemeinsame Priestertum aller Gläubigen«. Die Erklärung »Dignitatis humanae« (1965) betont die Religionsfreiheit – und kehrt sich ab von der amtskirchlichen Intoleranz früherer Jahrhunderte. Judentum und Islam werden hoch geehrt in »Nostra Aetate« (1965), der Erklärung über das Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen. Der tausend Jahre alte Bann gegen die Orthodoxen wird aufgehoben, das freundliche Miteinander mit den Kirchen der Reformation bekundet.
Am Ende die Paukenschläge
Am Ende stand eine Serie von Paukenschlägen – und große Erschöpfung bei den weit über 2000 Konzilsvätern. Mit für die damalige Kirche rasendem Tempo hatten sie im »heißen Herbst« 1965 gewichtige Beschlüsse gefasst. Die veränderten das Gesicht der alten Kirche und stießen die Fenster zur Welt auf, so wie es der bald nach der Eröffnung verstorbene Papst Johannes XXIII. gefordert hatte.
Die große Schlussfeier des Konzils auf dem sonnigen Petersplatz machte auf den populären Kölner Kardinal Josef Frings, der im Plenum eine wichtige Rolle gespielt hatte, einen »sehr theatralischen« Eindruck; jedenfalls meinte der Kölner, sei »das Ganze südlich empfunden«. Und auch sein damals 38 Jahre alter theologischer Berater Joseph Ratzinger, dessen Stern beim Konzil aufging, fand die römische Großkundgebung »ein wenig überladen und äußerlich«.
Katakombenpakt und Kirche der Armen
Wenige Tage zuvor, am 16. November 1965, hatten sich 40 Konzilsväter um Dom Erzbischof Helder Camara aus Brasilien in der römischen Domitilla-Katakombe verpflichtet, künftig auf jeglichen Pomp und Reichtum zu verzichten. Stattdessen wollten sie die Laien aufwerten und insbesondere auf die Armen hören. Hieraus wurde die »Kirche der Armen« und die Befreiungstheologie. Sie wurde von 1978 bis 2013 unter den konservativen Päpsten Johannes Paul II. und Benedikt XVI. von Rom verfolgt.
Vertreter lutherischer, reformierter, unierter und anglikanischer Kirchen, orthodoxe Theologen, Gelehrte aus dem Judentum und anderen nichtchristlichen Religionen hatten als Gäste am Konzil teilgenommen. Nur die Frauen – ihre Vertretung blieb klitzeklein. Insgesamt beginnt mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil eine neue, kirchliche Zeitgeschichte für die Katholiken. Die alte, selbstzentrierte Heilsanstalt besteht nicht mehr, stattdessen sieht sich die Kirche als ein pilgerndes Gottesvolk, unterwegs auf der Erde. Dieser Paradigmenwechsel, also der Sprung in ein völlig neues Selbstverständnis, ist das, was der Konzilspapst Johannes XXIII. beschwor: Ein »Salto d'inanzi«, ein »Sprung vorwärts«.
Das Zweite Vatikanische Konzil bildet Grundlage, heutzutage aufgeschlossen und in wacher Zeitgenossenschaft katholische Christin oder Christ zu sein. Das Konzil war ein weiter Sprung vorwärts – heute verwirklicht das damals angelegte Zukunftsprogramm Papst Franziskus.
