Frido Mann: Die Religion versagt
Herr Professor Mann, gerade haben Sie ein Buch über das Versagen der Religion veröffentlicht. Worin versagt die Religion Ihrer Meinung nach?
Frido Mann: Religionen versagen sehr oft im Dialog. Sie versagen darin, ihre Versprechen von Geschwisterlichkeit und Liebe einzuhalten. Im Nahen Osten, der Wiege von Judentum, Christentum und Islam, haben die Religionen bei der Friedensstiftung bislang am offensichtlichsten versagt. Ich frage mich: Woher kommt das? Liegt dieses heutige Versagen in der Entstehungsgeschichte dieser Religionen begründet? In allen drei Fällen war sie ja geprägt von patriarchalen Herrschaftsstrukturen, einer fundamentalen Ungleichheit von Mann und Frau, von Gewalt. Besonders die Geringschätzung der Frau ist ein Merkmal aller monotheistischen Religionen. Schon im Schöpfungsbericht hat die Frau ein vom Mann abgeleitetes Leben; sie wird gemacht aus der Rippe Adams, und sie wird uns vorgeführt als die eigentlich Schuldige am Sündenfall. Den Kontext dieser Legende bildet eine patriarchale Männergesellschaft, die offenbar geprägt war von Kastrationsängsten. Dass das Christentum dann auf der Existenz eines Sohns Gottes fußt und nicht auf der einer Tochter, passt ins Bild. Man fragt sich schon: Wo bleiben die Töchter Gottes? Die Welt der Bibel ist uns heute nicht nur fremd; unser Denken ist insgesamt ein anderes. Trotzdem wird Gläubigen abverlangt, das damalige Weltbild in ihre Religiosität zu integrieren. Daraus entstehen Konflikte.
Schaffen es die Religionen nicht, die Kontexte ihrer Entstehung in die gegenwärtigen Kontexte zu überführen?
Mann: Leider nein. Diejenigen Menschen, die es versucht haben, sind über die Jahrhunderte hart bestraft worden, nicht wenige mit dem Tod. Aus der Gewalt entstand neue Gewalt. Im Grunde ist das Problem bis heute nicht gelöst, auch wenn sich der Glaube der Menschen mittlerweile vielfach freier entwickelt, als es die Machtstrukturen des Religiösen früher zuließen.
Was ist Glaube?
Mann: Glaube ist eine Tiefenerfahrung. Zunächst ist der Glaube etwas sehr Subjektives, das aber dann sprachliche Gestalt annimmt und damit kategorisch wird. Trotzdem ist dieser Glaube immer wieder zu hinterfragen, denn er gründet beständig neu in Erfahrung.
Wenn die Tiefenerfahrung des Selbst Voraussetzung dafür ist, glauben zu können, stören dann nicht die Vorgaben, die die Religionen machen? Sie verlangen ja die Zustimmung zu einem kollektiven Bekenntnis.
Mann: Der Anspruch, dass vorgegebene Inhalte fraglos zu übernehmen seien, ist in der Tat ein Problem. Dass es Inhalte gibt, die in früheren Zeiten entwickelt wurden, ist dagegen nicht problematisch, sondern wertvoll. Es ist zum Beispiel lohnend, sich als Christ mit dem Nicänischen Glaubensbekenntnis aus dem 4. Jahrhundert zu beschäftigen, das ja das ursprüngliche Apostolische Glaubensbekenntnis deutlich erweitert und Spiegel der damaligen Konflikte und Debatten um die Wahrheit im Christentum ist. Wenn zur Kenntnis der Entstehungsgeschichte dieses »Credos« eigene, heutige Erfahrungen hinzukommen dürfen, ist das genau richtig. Dann ist das Selbst des Menschen nicht ausgeschlossen oder in den Hintergrund gedrängt. Wenn diese eigenen Erfahrungen aber schlecht gemacht oder missachtet werden, kann kein Glaube entstehen.
Kann man auch ganz ohne Religion ein gläubiger Mensch werden?
Mann: Oh ja, das kann man. Meine Intention ist es, die Religion als eine gleichberechtigte Quelle neben Natur, Kunst und Kultur zu sehen. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Ich halte die Religion für sehr wichtig, denn sie hütet einen großen Schatz an Texten. Aber zu diesen Texten muss man ja erst einmal einen Zugang bekommen. Wer den Weg zum Glauben über die Natur, die Kunst und Kultur wählt, weil es seiner Persönlichkeit entspricht, darf nicht diskreditiert werden.
Gibt es einen unverwechselbaren Wesenskern der Christentums?
Mann: Ja. Die Grundbotschaft der Liebe, der Vergebung und der Hinwendung zu den Armen und Leidenden – das sind Grundmetaphern des Christentums. Aus der historisch-kritischen Untersuchung der Bibel wissen wir, dass es nur sehr wenige authentische Jesusworte gibt. Es bleiben, soweit wir das heute sehen können, das »Vaterunser«, die Bergpredigt und ein paar Gleichnisse. Diese wenigen Texte zeigen aber den Wesenskern des Christentums. Der neue Papst macht übrigens Programm mit diesem Wesenskern; er scheint mir der erste Mann in diesem Amt zu sein, der sich an das Thema Armut ganz biblisch annähert. Er spricht auch für die Leidenden und für die Kinder. Allerdings habe ich noch nicht gehört, dass er sich auch für die Frauen starkmacht.
Worin liegt die Zukunft der Religion?
Mann: Die Zukunft der Religion sehe ich in ihrer Integration in andere sinnstiftende Zusammenhänge und in einem Wechselspiel zwischen Religion und Nichtreligion –, im Sinne einer übergreifenden Sinnfindung. Nachdem die Vertreter der Religion die Vertreter der Naturwissenschaft und der Kunst aber jahrhundertelang bevormundet haben, reagieren darauf heute Künstler und Naturwissenschaftler nicht selten mit einer ironischen Entwertung der Religion. Das macht es schwer, den Weg der übergreifenden Sinnfindung zu gehen. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die versuchen, Naturwissenschaft, Bewusstsein und Religion wieder zusammenzufügen. Dazu gehören zum Beispiel Brigitte und Thomas Görnitz, die – ausgehend von der Quantenphysik – jede willkürliche Trennung von Materie und Geist, von der Substanz eines Objekts und seines Beobachters aufgehoben sehen. Ihr Ansatz ist eine neue philosophische Interpretation quantenphysikalischer Forschungsergebnisse. Die Wahrnehmung eines Ganzen wird so wieder möglich. So können sich dann auch eine zukunftsorientierte Naturwissenschaft und eine zukunftsorientierte Theologie wieder neu begegnen.
Am 2. Mai 2013 ist Frido Mann während des Kirchentags in Hamburg von 11-13 Uhr auf dem Publik-Forum-Podium »Sag, wie hast Du´s mit der Religion?« zu erleben (Patriotische Gesellschaft, Trostbrücke 4-6). Mehr zum Programm unter www.publik-forum.de/kirchentag
