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»Wir holen uns Ägypten zurück!«

Er hält die Muslimbrüder für schlechte Verlierer. Deshalb glaubt er nicht, dass es allzu schnell Frieden geben wird im Land am Nil. Seine Hoffnung setzt er auf die Trennung von Religion und Staat – und auf die Vernunft der säkularen Kräfte. Sieben Fragen an den Publizisten Hamed Abdel-Samad, der sein Leben unter Todesgefahr neu organisiert
von Britta Baas vom 12.07.2013
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Hamed Abdel-Samad glaubt nicht, dass Ägypten allzu schnell zur Ruhe kommt. Er hält die Muslimbrüder für schlechte Verlierer, die nun drohen, das Land ins Chaos zu stürzen: »Aber die jungen Menschen sind nicht nur für die Freiheit auf die Straße gegangen, sondern auch für Arbeit und soziale Gerechtigkeit. Und sie wollen nun ein Licht am Ende des Tunnels sehen.« (Foto: pa/dpa/Pilick)
Hamed Abdel-Samad glaubt nicht, dass Ägypten allzu schnell zur Ruhe kommt. Er hält die Muslimbrüder für schlechte Verlierer, die nun drohen, das Land ins Chaos zu stürzen: »Aber die jungen Menschen sind nicht nur für die Freiheit auf die Straße gegangen, sondern auch für Arbeit und soziale Gerechtigkeit. Und sie wollen nun ein Licht am Ende des Tunnels sehen.« (Foto: pa/dpa/Pilick)

Herr Abdel-Samad, in Ägypten sind die Muslimbrüder nicht mehr an der Macht. Eine Übergangsregierung versucht, eine neue Regierung zu bilden. Den Weg dorthin hat das Militär geebnet. Sie twittern: »Auch Assem Abdel-Maged, der den Mordaufruf gegen mich machte, wurde verhaftet. Jetzt holen wir uns Ägypten zurück!« Aber warum sollte es jetzt ausgerechnet den säkularen Kräften gelingen, Frieden und Stabilität zu bringen? Ist der Riss in der Gesellschaft nicht viel zu tief?

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Hamed Abdel-Samad: Der Riss ist in der Tat tief, und diejenigen, die diesen Riss vertieft haben, sind nicht mehr an der Macht. Sie hatten ihre Chance und haben sie nicht genutzt. Sie haben sich nicht um die Wirtschaft gekümmert, sondern um die Moral der Menschen. Dabei haben sie die Gesellschaft in Gläubige und Ungläubige aufgeteilt. Nun sollen die Säkularen versuchen, zunächst die wirtschaftlichen Schäden zu beseitigen. Das ideologische Tauziehen sollte beendet werden. Die jungen Menschen sind nicht nur für die Freiheit auf die Straße gegangen, sondern auch für Arbeit und soziale Gerechtigkeit. Und sie wollen nun ein Licht am Ende des Tunnels sehen. Ich fürchte aber, dass die Spaltung eine Weile bestehen bleiben wird, weil die Muslimbrüder schlechte Verlierer sind und damit drohen, das Land ins Chaos zu ziehen.

Wo sind Sie selbst gerade?

Abdel-Samad: Ich bin jetzt in Deutschland. Aber ich wechsele oft meinen Aufenthaltsort. Das macht mein Leben sicherer.

Der Grund dafür, dass wir am Telefon und nicht von Angesicht zu Angesicht miteinander sprechen, Sie Ihre aktuellen Vortragsveranstaltungen auch nur unter Sicherheitsvorkehrungen durchführen können, ist eben jener Mordaufruf, den Scheich Abdel-Maged im Juni absetzte und den ein Professor der Kairoer Al-Azhar-Universität unterstützte. Angeblich haben Sie den Propheten Mohammed in einem öffentlichen Vortrag aufs Schlimmste beleidigt. Was haben Sie am 4. Juni in Kairo genau gesagt?

Abdel-Samad: Ich sprach über islamischen Faschismus. Ich habe einen Vergleich gezogen zwischen den faschistischen Bewegungen in Europa und der Vereinigung der Muslimbruderschaft. Alle sind zur gleichen Zeit entstanden, in Italien, Deutschland und Ägypten, alle sind Ergebnis von Demütigungen. In Italien und Deutschland spielte der Erste Weltkrieg die entscheidende Rolle, in Ägypten war es die britische Besatzung. Ich habe dann gesagt, dass typische Elemente faschistischen Denkens – Einheit des Volkes, vermeintliche Überlegenheit einer Rasse oder religiösen Gruppe, Weltherrschaft als Ziel, Vernichtung der Vielfalt – auch in der Urgeschichte des Islams zu finden sind. Wenn man Begriffe aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts auf die Gründungsjahre des Islam überträgt, kann man dem Islam religiösen Faschismus vorwerfen.

Sie haben also Maßstäbe von heute auf damals angewandt?

Abdel-Samad: Ich blieb nicht dabei. Ich habe gesagt, dass diese Übertragung im Grunde unfair ist. Denn die Kontexte sind völlig verschieden. Aber: Wer dies einsieht, der muss dann auch bereit sein, den umgekehrten Weg zu gehen. Begriffe und Konzepte, die vor 1400 Jahren entstanden sind – wie bestimmte Rechts- und Moralvorstellungen, die sich zum Beispiel in der Scharia widerspiegeln – können nicht auf das 21. Jahrhundert übertragen werden. Die Zeitdifferenz muss von beiden Seiten beachtet werden.

Die Idee einer religiösen Monokultur, verbunden mit Erwähltheitsvorstellungen, trifft nicht nur die Gründungsgeschichte des Islam. Auch Juden- und Christentum fußen der religiösen Überlieferung nach auf der Vision, die religiöse Gruppe sei das »auserwählte Volk Gottes«. Sehen Sie in diesen beiden anderen monotheistischen Religionen heute einen aufgeklärteren Umgang mit der eigenen Gründungsgeschichte?

Abdel-Samad: Wenn man die Ideologie sieht, dann gibt es schon ähnliche strukturelle Probleme. Ein faschistoides Denken ist in allen drei monotheistischen Religionen verankert. Der religiöse Faschismus beginnt für mich mit Abraham, der in allen drei Religionen eine Schlüsselrolle spielt. Er steht offensichtlich für die Idee des unbedingten Gehorsams. Der Überlieferung nach bekommt er den Befehl von Gott, seinen Sohn abzuschlachten, ihn auf dem Altar als Opfer darzubringen. Und Abraham überlegt keine Sekunde! Er tritt nicht in einen Diskurs mit sich selbst. Er lässt sich stattdessen seine Menschlichkeit nehmen. Er handelt nach dem Prinzip: Gott will es –, also muss ich es tun! Natürlich weiß ich, dass da die Theologen kommen und sagen: Ja, aber mit dieser Überlieferung ist uns eigentlich gesagt, dass Gott das Menschenopfern beenden wollte –, denn er rettet Abrahams Sohn ja in letzter Sekunde. Aber mich interessiert Gott in dieser Geschichte nicht, sondern der Mensch Abraham. Und der handelt in blindem Gehorsam. Dieser blinde Gehorsam ist Kern des Faschismus. Weil solche Figuren als Vorbilder dargestellt werden, vermitteln sie: Handelt wie ich! Wer zu uns, zu unserer religiösen Gemeinschaft gehören möchte, muss absolut konform handeln. Keine Fragen stellen! Keinen Widerstand leisten! Individuelle Entscheidungen sind nicht gefragt! Was dann die Geschichte dieser Religionen betrifft, so ist sie unterschiedlich: Europa hat eine lange intellektuelle Auseinandersetzung mit diesen Ansprüchen hinter sich, auch mit der Frage nach der Göttlichkeit der Offenbarung. Daraus ist der Prozess der Aufklärung entstanden. Zu Zeiten, als das Christentum noch Absolutheitsansprüche erhob und sie auch politisch durchsetzen konnte, hatten wir Jahrhunderte der Verbrechen der Kirche. Ich denke an die Kreuzzüge, an die Inquisition, an grausame Verfolgung von Wissenschaftlern.

Würden Sie den Religionen zugestehen, dass sie einen inneren Prozess durchlaufen können, der wegführt von faschistoidem Denken? Oder ist der einzige Weg, davon wegzukommen, Ihrer Meinung nach die grundlegende Absage an die Religion selbst?

Abdel-Samad: Alle drei Religionen haben mehrere Dimensionen. Zum Beispiel die spirituelle Dimension, die philosophische, die gesellschaftliche. Viele gesellschaftliche Aspekte der Religionen sind gut, sie erleichtern das Zusammenleben, fördern Nächstenliebe. Religionen sind nach meiner Ansicht nicht teuflisch per se, um das noch einmal ganz deutlich zu sagen! Ich habe nur Probleme mit den politischen Ansprüchen. Wenn Religion in die Politik geht, hat sie keine andere Wahl, also ihre faschistische Grundstruktur zum Vorschein zu bringen. Wie kann man seine Anhänger erreichen, sie effektvoll mobilisieren? Da muss man die Einheit beschwören, da muss man Gehorsam verlangen. Und man muss exklusiv denken: Die anderen ausschließen. Man muss Häretiker definieren. Also, wenn Religionen politisch werden, werden diese Momente aktiviert. Wir haben dann kein Gemeinwesen mehr. Stattdessen ist die Saat für einen Bürgerkrieg gelegt. Wo dies nicht geschieht, sind religiöse Menschen bereits ausreichend säkularisiert. Deutschland ist ein Beispiel dafür. Hier leben viele Christen, die die Trennung von Religion und Staat unterschreiben, sich aber trotzdem ihrem Glauben verbunden fühlen. Damit kann ich gut leben. Aber auch hier merkt man, dass diese Errungenschaft höchst fragil ist. Schauen Sie nur, welche Reaktionen der aggressive Islamismus bei vielen Christen auslöst: Sie beginnen wieder, ihre Religion als Schutzschild zu missbrauchen, als Verteidigung der eigenen »christlichen« Identität.

Ihre Herkunftsfamilie lebt in Ägypten; Ihr Vater ist Imam im Ruhestand in Ihrer dortigen Heimatstadt. Können Sie sich mit ihm über all das unterhalten?

Abdel-Samad: Oh ja, wir sind im Gespräch. Mein Vater ist anderer Meinung als ich. Für ihn hat Religion nichts mit Faschismus zu tun. Stattdessen sagt er, es sei eine Form des Faschismus, von ihm zu verlangen, er solle so denken wie ich. Er hat ganz andere Erfahrungen gemacht, andere Länder besucht, andere Bücher in anderen Sprachen gelesen als ich. Man kann nicht von ihm verlangen, so zu denken wie wir, also wie Leute meiner Generation mit säkularen Konzepten. Wenn allerdings junge Leute zu ihm kommen und sagen, sie seien sauer auf mich, denn ich würde den Islam verraten, dann sagt er zu so einem: »Also, dann streng dich mal an, werde Schriftsteller wie mein Sohn, schreibe gute Bücher und versuche, die Gedanken von Hamed zu widerlegen. Vorher brauchst du gar nicht wiederzukommen.« Unter dem Mordaufruf, der mich trifft, haben er und meine ganze Familie in Ägypten mindestens ebenso zu leiden wie ich. Die Diskussionen und Drohungen sind auch für sie alltäglich. Im Grunde kennt meine Familie das schon: Nach jedem neuen Buch, das ich schreibe, und das nicht nur in Deutschland, sondern auch in Ägypten veröffentlicht wird, haben sie neuerliche Debatten auszuhalten. Aber diesmal ist natürlich alles viel heftiger.

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Personalaudioinformationstext:   Hamed Abdel-Samad, Politikwissenschaftler und Publizist, geboren 1972, wurde in Gizeh als Sohn eines Imams geboren. Er lebt und arbeitet seit mehreren Jahren in Deutschland. Am 4. Juni 2013 hielt er in Kairo einen wissenschaftlichen Vortrag, in dessen Folge es Mordaufrufe gegen ihn gab. Britta Baas, Historikerin und Theologin, geboren 1965, ist verantwortliche Redakteurin für Publik-Forum.de
Schlagwort: Ägypten
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