Führen heilige Bücher in die Zukunft?
»...Welche Form der Religion kann uns in die Zukunft begleiten? Eine, die auf politische Macht, Exklusivität und Gewalt setzt, sicherlich nicht. Manche Religionen werden verschwinden, mache werden zur Folklore, mache werden zu Schatten ihrer selbst werden.
Doch wir werden nicht religionsfrei leben. Denn das, was die Religion ausmacht, macht uns Menschen aus: Angst, Hoffnung, Weisheit, Dummheit, Hass und Liebe, Selbstüberschätzung und Demut. Deshalb mag ich – bei aller Religionskritik – Moscheen, Kirchen, Synagogen und Tempel. Ich fühle mich dort immer sehr wohl. Nicht, weil es Gotteshäuser, sondern weil es Orte voller Gefühle, Orte der Sehnsucht sind ...
Wenn wir von den heiligen Büchern sprechen, sollten wir daher nicht Mächte meinen, die uns nach inhaltlich-religiösen Aspekten voneinander trennen. Wir Menschen sollten uns daran erinnern, dass wir alle die Sehnsucht nach Liebe teilen, eine Liebe, die verzeiht und uns annimmt, mit all unseren Schwächen, egal ob wir Christen, Muslime oder Atheisten sind.... Diese Liebe brauchen wir – aber keine göttliche Instanz (oder unser Konstrukt einer solchen Macht), die uns für unsere Unzulänglichkeiten geißelt, die Bedingungen stellt, Mitgefühl nach Religion und Rasse spendet und die Barmherzigkeit nur nach blinder Gefolgschaft und Unterwerfung verteilt.
Oft höre ich den Satz: Der Islam braucht einen Martin Luther, um den Weg in die Zukunft zu finden. Ich finde, der Islam braucht keinen Luther, sondern einen Erasmus von Rotterdam und einen Moses Mendelsohn, die eine Bildungsrevolution in ihm herbeiführen. Er braucht eine Coco Chanel, die Muslime vom Korsett der eigenen Tradition befreit. Und er braucht eine Monthy-Python-Gruppe, die ihn durch Satire auflockern könnte. Wer einen neuen Luther brauchen kann, ist das Christentum ...
Wie müssen unsere Beziehung zu den heiligen Büchern verändern. Ihre Inhalte sind die Projektionen vormoderner Menschen auf Gott. Wir aber müssen danach fragen, was wir Menschen voneinander erwarten, wie wir jenseits von Religion und Rasse miteinander friedlich leben können. Wir müssen Abschied davon nehmen, den heiligen Büchern angebliche Pläne Gottes zu entnehme. Denn selbst wenn wir nur die friedlichen Passagen dieser Bücher betonen, können wir andere nicht daran hindern, das Gewaltpotenzial derselben Bücher abzurufen. Deshalb sage ich: Weil wir die Spiritualität brauchen, brauchen wir einen postreligiösen Diskurs!«
In der Publik-Forum-Reihe »Streitfragen zur Zukunft« (#PFDebatte2017) antwortet der Theologe Klaus von Stosch auf Abdel-Samads Thesen. Diese Antwort können Sie in der nächsten Printausgabe von Publik-Forum lesen. Bisher erschienene Streitfragen: »Macht uns das Internet zu schlechteren Menschen?« und »Müssen wir den Kapitalismus überwinden?«
Wie ist Ihre Meinung zur Zukunft der heiligen Bücher? Können Thora, Bibel, Koran und Co. der Welt standhalten? Haben sie den Menschen noch etwas zu sagen? Oder gehören sie ins Bücherregal, um dort zu verstauben? Schreiben Sie uns! Uns interessiert Ihre Position! Direkt unter diesem Artikel. Wir veröffentlichen Ihre Zuschrift gern auch in Publik-Forum.
