Gottes-Entgiftung
Publik-Forum: Herr Moser, Ihr Buch »Gottesvergiftung« hat die Leser in den 1970er-Jahren heftig aufgewühlt und eine nachhaltige Debatte über die seelischen Folgen eines strafenden Gottesbilds ausgelöst. Bekommen Sie heute noch Reaktionen darauf?
Tilmann Moser: Ja, viele. Vor allem von Schülern, die das Buch im Unterricht durchnehmen und Arbeiten darüber schreiben müssen: Die fragen mich häufig, wie ich ohne Gott leben kann.
Was antworten Sie ihnen?
Moser: Dass er mich in Ruhe lässt – und ich ihn auch. (Er lächelt.) Aber es kommen auch alle paar Wochen noch Briefe von älteren Erwachsenen, die jetzt erst auf das Thema gestoßen sind. Manche haben das Buch zum Geburtstag geschenkt bekommen, und beim Lesen geht ihnen plötzlich auf, dass sie ihre religiösen Neurosen seit Jahrzehnten mit sich herumschleppen. Das Thema war tief in der Krypta ihrer Seele vergraben.
Gibt es auch junge Menschen, die heute noch unter repressiven Gottesbildern leiden? Oder ist die Krankheit, die Sie »Gottesvergiftung« nennen, bald ausgestorben?
Moser: Nein, es gibt ja sehr viele Freikirchen und Sekten, da wirken diese schädlichen Systeme und Gottesbilder noch besonders intensiv. Viele Jugendliche hören zwar im Elternhaus nicht viel von Religion, sind aber aus irgendeinem Grund auf der Suche nach Halt – und wenden sich dann solchen Vorstellungen zu. Ich staune auch über die große Zahl der Begeisterten, die zu Kirchen- und Weltjugendtagen fahren, katholischen wie evangelischen. Darunter sind natürlich sehr engagierte und lebenslustige junge Leute, aber eben auch solche, die ein strenges Über-Ich haben – und dieses mit einer passenden Gottesvorstellung benennen.
Da wäre es also umgekehrt: Nicht die Gottesvorstellung macht die Menschen krank, sondern neurotische Menschen suchen sich selbst ein krankes Gottesbild?
Moser: Ja. Bei diesen jungen Leuten gibt es bereits eine neurotische Vorschädigung – und diese wird dann mit einer bedrohlichen Gottesvorstellung bebildert. So war es auch bei mir selbst: Ich war als Kind bereits durch ein Verlassenheitsthema beschädigt, als ich mit der Vorstellung von Gott konfrontiert wurde. Die schon angelegte Neurose saugte sozusagen die giftige Vorstellung an und verdichtete sie zu einem destruktiven Bild.
Wie lässt sich so eine Gottesvergiftung heilen?
Moser: Indem man in der Therapie darüber spricht. Das klingt jetzt selbstverständlich, ist es aber nicht. Denn auch in der therapeutischen Praxis wird das Thema oft ausgespart. Die meisten Klienten gehen davon aus, dass Analytiker sowieso nichts mit Gott am Hut haben – und bringen ihn deshalb gar nicht erst ins Gespräch. Das gilt vor allem für Intellektuelle, denen es peinlich ist, dass sie mal sehr gläubig waren. Weil sie aufgeklärt sein wollen, blenden sie das Thema lieber aus. Und wenn der Therapeut – so ungeschult, wie er oft ist – nicht danach fragt, bleibt es als Altlast in der Krypta.ä
Und Sie? Wie gehen Sie die Glaubensgeschichte Ihrer Klienten an?
Moser: Ich erinnere mich an einen Unternehmensberater, der gleich in der ersten Sitzung sagte: »Mit Gott habe ich nichts mehr am Hut!« Als ich ihn aber nach seiner Familie fragte, stellte sich heraus, dass sein Vater sechs Semester Theologie studiert hatte und er selber sieben Jahre Ministrant gewesen war. In solch einer Situationen frage ich weiter – oft auch gegen den Widerstand des Klienten. Am Ende war der Mann erstaunt, wie sehr die Fragmente seines Kinderglaubens noch wirkten und sein Leben belasteten.
Wie gehen Sie therapeutisch damit um?
Moser: Ich mache Rollenspiele. Wir stellen also einen Stuhl in den Raum – und bitten Christus, darauf Platz zu nehmen. Der Stuhl kann auch für Maria stehen oder für einen Pfarrer, der den Glauben repräsentiert. Je nachdem, was für den Patienten die stärkste Instanz ist. Zuweilen baue ich hier auf dem Schreibtisch sogar eine Art Kanzel auf. Und sehen Sie da oben die kleine Balustrade unter dem Giebel meines Therapiezimmers? Wenn der Prozess sehr zögerlich abläuft, platzieren wir Gott selbst auf diese höhere Ebene. Solche räumlichen Inszenierungen lösen immer etwas aus.
Was denn?
Moser: Die Klienten beginnen ein Gespräch mit diesen religiösen Instanzen. Oft sind es Bilanzgespräche: Was hast du mir bedeutet? Wie habe ich dich verloren? Was habe ich dir vorzuwerfen? Was verdanke ich dir? Wenn man so eine Instanz direkt anspricht, kommen die Gefühle viel schneller und tiefer, als wenn man nur über sie redet.
Das sind doch Methoden aus der Gestalttherapie. Ich wusste gar nicht, dass auch Analytiker mit solchen Rollenspielen arbeiten.
Moser: Dagegen polemisiere ich seit dreißig Jahren: Die Analytiker lassen ein Instrument ungenutzt, das so viel Erweiterung bringt!
Und trotzdem hat es sich nicht durchgesetzt?
Moser: Nein, leider nicht. Noch nicht.
Ihre Klienten sprechen also mit Gott.
Moser: Oder mit den Personen, die den Glauben vermittelt haben. Und danach nehmen wir einen Rollenwechsel vor: Die Klienten setzen sich selbst auf den Stuhl Christi oder steigen auf die Balustrade und sprechen aus der Gottesrolle zu dem verletzten Kind hinunter.
Die Klienten nehmen also selbst die Rolle Gottes ein?
Moser: Ja, das habe ich auch selbst erlebt. Ich war vier Jahre bei einem Gestalttherapeuten in Therapie, der ursprünglich Pastor war und der sich mit dem Thema gut auskannte. Das war sehr hilfreich. Zu dem Mann bin ich damals gegangen, weil mein Analytiker mit dem Thema nicht umgehen konnte. In der analytischen Ausbildung hat die religiöse Vergangenheit der Menschen nämlich lange keine Rolle gespielt. Erst jetzt wird diese Frage ganz allmählich auch in der Ausbildung von Therapeuten relevant.
Was passiert, wenn die Patienten selbst aus der Gottesrolle zu dem Menschenkind sprechen?
Moser: Da geschieht fast immer eine spontane Distanzierung von dem grausamen Gott. Wenn er selbst aus der Rolle Gottes auf sich herunterschaut, sagt der Patient zu dem Kind da unten: »Du, das habe ich dir aber nicht beigebracht, dass ich so streng und böse bin! Das waren Priester, Pfarrer, überstrenge Eltern.« In diesem Moment wird den Betroffenen sofort deutlich, dass das bedrohliche Gottesbild ein Produkt ist, das Menschen ihnen eingepflanzt haben. In der Fachsprache nennen wir das ein Introjekt. Und für die offene Auseinandersetzung mit diesem Introjekt brauchen Menschen die Begleitung eines Therapeuten, der dem gelassen begegnen kann.
Was machen Sie als Therapeut in dieser Situation?
Moser: Oft frage ich weiter: Was für ein Gottesbild hätten Sie denn gebraucht als Kind? Was hätte Ihnen gutgetan? Fast alle hätten sich einen Gott gewünscht, der sie beschützt und auf ihrer Seite ist. Und keinen, der immer nur schimpft und mit der Hölle droht.
Was ist das für eine Stimme, die da aus den Menschen spricht, wenn sie selbst auf dem Stuhl Gottes sitzen?
Moser: Die Stimme des Mitleids. Gott sieht, wie sehr sich der Mensch da unten quält. Und Gott erschrickt! Zuweilen entschuldigt er sich sogar für das, was den Menschen in seinem Namen angetan wurde.
Und diese Stimme des Mitleids spricht aus den Menschen selbst?
Moser: Sie hören sie vielleicht zum ersten Mal. Aber sie ist in ihnen als eine Utopie. Und sie verstärkt sich, wenn sie merken, was für einem Irrtum sie in ihrem Leben zum Opfer gefallen sind. Die Erkenntnis kann auch von außen kommen, oft ganz zufällig. Beispielsweise durch einen Seelsorger, der ganz anders predigt, oder durch Freunde, die ein befreites Gottesbild haben.
Kann man trotzdem davon ausgehen, dass die Krankheit, die Sie »Gottesvergiftung« nannten, jetzt seltener geworden ist?
Moser: Ja, aber der Preis dafür ist ein enormer Kulturverlust. Man staunt über die Ahnungslosigkeit von klugen, gebildeten Menschen, die keinerlei religiöse Kenntnisse mehr haben, die keine biblischen Erzählungen kennen, kein religiöses Bild mehr verstehen.
Und ausgerechnet Sie, Herr Moser, bedauern das?
Moser: Ja.
Sie könnten doch froh sein, wenn es endlich vorbei ist mit der Religion, die aus Ihrer Sicht so viel Schaden angerichtet hat ...
Moser: Nein, das bin ich nicht. Nicht, wenn dabei die ganze Kultur verloren geht. Ich befasse mich jetzt verstärkt mit der Kunst, schreibe Bücher über Bilder und den Zusammenhang von Kunst und Psyche, die psychoanalytische Deutung von Gemälden. Und natürlich ist die europäische Kunst vollkommen vom Christentum durchdrungen. Paarbeziehungen beispielsweise werden in unterschiedlichen Darstellungen von Adam und Eva bebildert. Traumatische Familiensituationen und Konflikte werden in Gemälden von der Ermordung des Abel, der Opferung des Isaak, der Flucht nach Ägypten sichtbar. Und dann staune ich immer, mit welcher Stumpfheit die Leute vor diesen Bildern stehen und nicht verstehen, was gemeint ist.
Ist das der Grund, warum Sie in Ihren späteren Büchern versöhnlicher mit Gott und Religion umgehen?
Moser: Nein, das kam von den Patienten her. In der therapeutischen Arbeit sind mir Menschen begegnet, die mit neurotischen Störungen aus Elternhaus, Flucht, Diktatur und Krieg zu mir kamen, bei denen der Glaube aber nicht zerstörend, sondern unterstützend gewirkt hat: »In dieser großen Not hat Gott hat mich begleitet«, sagten manche. »Der war mein Halt.« Durch solche Patienten habe ich ganz allmählich auch die segensreiche Einwirkung eines tragfähigen Glaubens entdeckt.
Das hat Sie beeindruckt?
Moser: Es ist das Geheimnis gläubiger Seelen, dass ihr Gottvertrauen und die Geborgenheit in einer frommen Gemeinde ihr Leben stabilisieren. Dass der Glaube ihnen die Angst nimmt, sie zuversichtlicher und manchmal auch mitmenschlicher werden lässt. Deshalb war es viel zu einseitig von Sigmund Freud, die Religion nur als kollektive Neurose zu sehen, die auf infantiler Bedürftigkeit nach Trost und Führung beruht.
Haben diese Erfahrungen auch Ihr eigenes Gottesbild verändert? Sind Sie selbst wieder offen für den Glauben geworden?
Moser: Nein, ich habe nur erkannt, dass es therapeutisch nicht geboten ist, gläubige Menschen zum Abschied von der Religion bewegen zu wollen. Nicht jeder Mensch kann ein Leben ohne Gott aushalten. Solange die Religion bei Menschen auch heilsame psychohygienische Wirkungen erzeugt, muss ich sie als salutogene Ressource ansehen. Manchmal staune ich, wie bei vielen Menschen eine Spaltung stattfindet zwischen einem ganz aufgeklärten Berufsalltag auf der einen und einem kindlichen Glauben auf der anderen Seite. Es gibt ja sogar Physiker, Nobelpreisträger, Astronomen, die sich outen: »Ich bleibe ein glaubender Mensch.« Ich kann das nur als Spaltung wahrnehmen, als zwei verschiedene innere Seelenzustände.
Könnte es nicht auch sein, dass gerade die unendlichen Rätsel der Natur einem Forscher zur Gotteserfahrung werden?
Moser: Wir schweben auf einem winzigen Klumpen durch einen gigantischen Kosmos. Ein Wissenschaftler, der das erforscht und realisiert, kann natürlich daraus schließen: »Das muss einen Sinn haben, es muss einen Schöpfer geben! Denn ich will mich nicht so verloren fühlen.« Da setzt er seinen Kinderglauben gegen sein Verlorenheitsgefühl.
Sie selbst stellen die Frage nach dem Schöpfer nicht?
Moser: Nein. Aber dennoch bleibt das Christentum auch für mich ein Rätsel. Ich frage mich, wie es kommt, dass dieser geschichtliche Jesus mit seinen paar Leuten zu einer Weltbewegung geworden ist. Und warum auch heute noch so viele kluge Menschen an der Kirche hängen. Wie kommt es zu der Wirkung dieser Idee? Hängt das mit der Krise des Römischen Reiches zusammen? Mit den großen sozialen Problemen damals? Dass er ein Prophet der Armen war? Und wieso ist daraus eine reiche, protzende Weltkirche geworden? Das ist ein historisches Rätsel, auf das ich keine Antwort habe.
