Pro und Contra
Sollten Lehrkräfte länger arbeiten?
Gut qualifizierte Lehrkräfte sind der wichtigste Erfolgsfaktor für schulisches Lernen. Das gilt insbesondere für die wachsende Gruppe von Schülern, die die Mindeststandards nicht erreichen. Der dramatische Lehrkräftemangel hat deshalb gravierende Folgen für die Lebenschancen einer ganzen Generation. Häufig wird gefordert, zur Behebung des Mangels die Zahl der Studienplätze für Lehramtsstudierende auszubauen. Das hilft in der aktuellen Situation leider wenig. Erstens stehen die Studierenden, die heute beginnen, dem System frühestens in sechs Jahren zur Verfügung. Zweitens sinken demografiebedingt die Bewerberzahlen bereits jetzt.
Neben einer verstärkten Gewinnung von Quereinsteigern, die (fach-)didaktisch nachqualifiziert werden, ist deshalb eine bessere Nutzung der Ressourcen der Lehrkräfte, die bereits im System arbeiten, unumgänglich. Zunächst müssen Lehrkräfte durch Verwaltungskräfte von unterrichtsfremden Aufgaben entlastet werden. Und Lehrkräfte, deren Unterrichtsverpflichtung in manchen Bundesländern bereits ab dem 55. Lebensjahr um eine und später um weitere ein bis zwei Stunden reduziert wird, könnten verstärkt unterrichtsorganisatorische Aufgaben übernehmen, die fachliche Kompetenzen voraussetzen (zum Beispiel Betreuung von Sammlungen).
Auch die freiwillige Beschäftigung von Lehrkräften über die Pensionsgrenze hinaus kann einen Beitrag zur Reduktion des Lehrkräftemangels leisten.
Ein strittiges Thema ist die Teilzeit. Lehrkräfte arbeiten deutlich häufiger in Teilzeit als Beschäftigte in anderen Berufen. Das lässt sich mit dem hohen Anteil weiblicher Lehrkräfte und mit traditionellen Vorstellungen der Verteilung der Familienarbeit erklären – in anderen europäischen Ländern und auch in den ostdeutschen Bundesländern sind die Teilzeitquoten übrigens deutlich niedriger. Steuerliche Anreize wie das Ehegattensplitting verstärken den Trend zur Teilzeitarbeit. Weil bereits eine maßvolle Erhöhung der Arbeitsstunden von Teilzeitbeschäftigten einen relevanten Beitrag zur Lösung des Problems des Lehrermangels leisten kann, sollte die Politik mit den Lehrerverbänden entsprechende Vereinbarungen treffen.
Die Mangelsituation sollte auch Anlass sein, über neue Formen der Unterrichtsorganisation nachzudenken. Anders als in anderen Ländern sind in Deutschland Assistenzkräfte im Unterricht nur in geringem Umfang eingebunden. Assistenzkräfte können zum Beispiel Selbstlernphasen begleiten oder bei Korrekturen unterstützen. Die Lehrkraft muss nicht alles selbst machen. Aber sie muss das gesamte Unterrichtsgeschehen orchestrieren. Gut qualifizierte Lehrkräfte sind unverzichtbar!
Maike Finnern:
Die Ständige Wissenschaftliche Kommission (SWK) der Kultusministerkonferenz schlägt vor, dass Lehrkräfte länger arbeiten sollen, um den Lehrkräftemangel zu beheben. Klingt einfach und plausibel. Doch die Realität ist komplexer. Der SWK-Vorstoß unterstellt, dass es beim Arbeitspensum der Lehrkräfte noch Luft nach oben gäbe. Das stimmt schlicht nicht, die Lehrkräfte arbeiten bereits jetzt am Limit – und oft weit darüber hinaus, wie zahlreiche Arbeitszeitstudien belegen. Die Zahl der wöchentlichen Unterrichtsstunden ist bereits jetzt zu hoch. Bei der Festlegung der Höhe der Unterrichtsverpflichtung ist nicht berücksichtigt worden, dass sich Arbeits- und Schulwelt in den vergangenen Jahren stark verändert haben. Der Aufgabenkatalog der Lehrkräfte umfasst viel mehr als Unterricht, etwa: Inklusion, Integration, Beratung, individuelle Förderung oder die Digitalisierung. Um diese Anforderungen zu stemmen, brauchen die Schulen multiprofessionelle Teams, in denen Schulsozialarbeiter und -psychologen, Erzieher und Lehrkräfte eng zusammenarbeiten. Aber diese Teams gibt es kaum.
Große Klassen, in denen oft über 30 Kinder und Jugendliche gemeinsam lernen, bedeuten erhebliche Korrektur- und Beratungszeiten. Befragt man die Kollegen danach, was sie sich am meisten wünschen, erhält man zuverlässig die Antwort: mehr Zeit – für die pädagogische Arbeit, für die Kinder und Jugendlichen, für intensive Beratungen. Drei Jahre Pandemie, die strukturelle und dauerhafte Unterfinanzierung des öffentlichen Schulwesens haben tiefe Spuren hinterlassen. Die Lehrkräfte fühlen sich alleingelassen: von ihrem Arbeitgeber, der Gesellschaft und der Politik. Jetzt sollen sie noch mehr arbeiten, um den Mangel auszugleichen. Genau das tun die Kollegen in den Schulen bereits. Die Zahl der Vertretungsstunden, außerunterrichtliche Verpflichtungen und Stunden, in denen zwei oder drei Lerngruppen gleichzeitig von einer Lehrkraft beaufsichtigt werden, sind schon jetzt viel zu hoch. Zahl und Dauer der Krankmeldungen sind besorgniserregend. Der SWK-Vorschlag zeigt, dass sie den Schulalltag und die Anstrengungen der Beschäftigten, die Situation zu meistern, nicht zur Kenntnis nimmt und über die Köpfe der Lehrenden hinweg untaugliche Ideen entwickelt. Warum etwa arbeiten viele Lehrkräfte in Teilzeit? Ganz einfach: Weil sie ihren Beruf in Vollzeit nicht durchhalten würden. Diese riskiert man ganz zu verlieren, wenn man sie zur Vollzeit zwingt. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Die Arbeitsbedingungen müssen deutlich verbessert werden, um wieder mehr Menschen für den eigentlich wunderbaren Beruf als Lehrkraft zu gewinnen und diejenigen, die jetzt in den Schulen arbeiten, zu zufriedenen Beschäftigten zu machen.
Felicitas Thiel ist Professorin für Schulpädagogik an der FU Berlin und Co-Vorsitzende der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz.
Maike Finnern ist Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Zuvor war sie als Lehrerin für Deutsch und Mathematik tätig.

