Die Wiedereröffnung von Notre-Dame
Auferstehung an der Seine
Zu Beginn meines Theologiestudiums, Anfang der 1990er-Jahre, war ich mir ziemlich sicher, dass Gott, wenn es ihn gibt, in Frankreich leben müsse. Nicht nur, dass Brot, Wein und Käse im Nachbarland besser schmeckten. Auch der Katholizismus schien geschmackvoller zu sein: leichter, spielerischer, sinnlicher, ästhetischer, einladender, zupackender. Es gab nicht nur großartige mittelalterliche Kirchen, sondern auch etliche Persönlichkeiten, die in der Lage waren, durch ihr Charisma das christliche Erbe mit neuem Leben zu füllen oder Pionierarbeit zu leisten. Zum Beispiel Jean Vanier, der Begründer der Arche-Bewegung, die Menschen mit Behinderung ein inklusives Leben ermöglichte. Oder Abbé Pierre, der Armenpriester, dessen Interventionen landesweit beachtet wurden. Nicht zu vergessen das Erbe von Madeleine Delbrêl und der Arbeiterpriester-Bewegung, die es – von Rom zwar marginalisiert und ausgebremst – trotzdem schafften, sich mit den Werktätigen zu solidarisieren. An der Spitze des Pariser Erzbistums stand mit Jean-Marie Lustiger, dem Cousin des Historikers Arno Lustiger, ein Mann, der auch als Kardinal an seinem Jude-Sein festhielt und fest entschlossen war, zusammen mit Johannes Paul II. ein neues Kapitel in den christlich-jüdischen Beziehungen aufzuschlagen. Und während in Deutschland Karl Lehmann und Wolfhart Pannenberg in einer ökumenischen, aber kaum rezipierten Sisyphusarbeit die Reihe »Lehrverurteilungen – kirchentrennend?« herausgaben, lebten die Brüder von Taizé bereits mit Tausenden von Jugendlichen eine versöhnte Verschiedenheit. Dies geschah so selbstverständlich, dass der Protestant Frère Roger beim Requiem von Johannes Paul II. die Kommunion aus der Hand von Kardinal Ratzinger empfing.
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