Brauchen Kinder Religion?
Sprechen wir zuerst von den Kindern. Also von jenen Mädchen und Jungen zwischen null und zehn Jahren, die rasant lernen, in einer hochkomplexen Welt zu handeln. Sie stehen neugierig vor dem, was die ältere Generation ihnen gerade hinterlässt. Nichts ist sicher, alles ist möglich. Das begreifen sie ganz schnell. Es gibt so viel zu entdecken, so viele Geheimnisse, Angebote, Möglichkeiten, Optionen, Alternativen. Wie soll man da die richtige Wahl treffen? Wie soll man das auswählen, was gut ist? Was ist überhaupt gut? Warum ist eine Möglichkeit besser als die andere? Was ist das Kriterium – und wer bestimmt, was ein Kriterium ist? Und wer bestimmt jene, die das bestimmen? Warum soll man immer das Bessere wählen? Und wann entscheidet sich, was das Bessere war? Gleich? Heute? Morgen? Wenn man erwachsen ist? ...
All diese Fragen stellen sich nicht erst, wenn auf der Geburtstagstorte 11, 16 oder 18 Kerzen brennen. Diese Fragen stellen sich, wenn sie sich stellen. Wenn Kinder sie stellen ...
Immer wieder zeigt sich: Keine kann innerweltlich beantwortet werden, ohne dass die Antwort wieder fraglich wäre: Wer etwa deshalb sittlich handelt, weil es der Gesellschaft nützt, muss sich fragen lassen, warum er denn der Gesellschaft nützen will. Ist man nicht erfolgreicher, wenn man egoistisch handelt?...
Und: Hätte Opa anders gelebt, wenn er gewusst hätte, dass er sofort nach der Pensionierung stirbt? Warum gehen wir zum Friedhof, auch wenn Oma das nicht mehr mitbekommt? Kurze Antworten reichen schon bei diesen schlichten Fragen nicht weit genug.
Wir leben nicht erst, und dann kommt die Religion dazu. Es ist genau anders herum
Sprechen wir nun von Religion. Religion bedeutet anzuerkennen, dass menschliches Maß und Messen einer Veranlassung bedarf, die nicht aus dem menschlichen Handeln allein begründet werden kann, weil dieses Messen doch veranlasst, angestoßen und richtig gestaltet werden soll. Religion – das ist der Zweifel daran, dass wir auf zentrale menschliche Fragen endgültige menschliche Antworten haben.
Aber ohne Gewissheit kann man nicht vernünftig leben. Daher leben wir alle immer so, als hätten wir eine feste Antwort: Die Frage nach dem Sinn des Lebens etwa setzt immer schon einen gelebten Sinn voraus; ein Sinnangebot, das uns sagt, dass es wichtig ist, diese Frage zu stellen. Auch Kinder leben in diesem Sinnhorizont. Sie handeln immer schon aus diesem lebensmotivierenden Lebenssinn heraus, der uns nach dem Guten, nach dem Schönen und nach dem Wahren suchen lässt – kurz: nach dem Vollkommenen ...
Wir leben nicht erst, und dann kommt die Religion dazu. Es ist genau anders herum: Wir leben immer schon im religiösen Fragehorizont. Er klärt sich mit unserer allgemeinen Bildung auf.
Menschen über sich selbst aufzuklären – das ist die zentrale pädagogische Aufgabe. Kinder brauchen nicht zusätzlich Religion – sie haben sie schon. Was sie von uns brauchen, ist religiöse Aufklärung. Das Gespräch darüber, warum und wozu sie so handeln, wie sie handeln ...
Kinder brauchen Religionsunterricht – zu Hause und in der Schule, weil sie von Beginn ihres Lebens in der religiösen Frage leben. Sie müssen ihre Fragen stellen dürfen und sollten die religiösen Antworten kennen ...
In unserer Reihe »Streitfragen zur Zukunft« lasen Sie zuletzt: »Ist der Pazifismus am Ende?« und »Brauchen wir einen Bildungskanon?«
