Religion und Psychiatrie
Die Vermessung der Seele
Das Aufkommen der Psychiatrie und die Erkenntnisse Sigmund Freuds waren für das Christentum eine Kränkung, auf die es lange keine Antwort fand. Bis weit ins 18. Jahrhundert hinein verstand man psychische Krankheiten als eine Art Entgleisung des leib-seelischen Gleichgewichts. Und da die Seele etwas mit Gott zu tun hatte, auf welche Weise auch immer, waren diese Störungen auch auf geistliche Weise zu korrigieren. War nicht die Bibel voll von Geschichten, in denen es um Kontrollverlust, fremde Stimmen, satanische Einflüsterungen ging? Und hatte nicht Jesus als souveräner Therapeut gewirkt, indem er Dämonen austrieb und Kranke gesundmachte? Doch nun entstand in dem religiös konnotierten Spannungsfeld von Medizin und Nicht-Medizin ein völlig anderes System, ein neuer Deutehorizont, der nicht nur andere Erklärmuster und Therapien hervorbrachte, sondern auch ohne die Gotteshypothese auskam. Wenn psychische Erkrankungen letztlich Gehirnkrankheiten waren, die man auf gleiche Weise wie andere Organkrankheiten behandeln konnte, was sollte dann fortan Seelenheil heißen, was Heilung der Seele? Wer war befugt, sich darum zu kümmern? Wie hartnäckig der Widerstand in bestimmten kirchlichen Kreisen gegen die Psychiatrie war, kann man zum Beispiel am tragischen Fall der Anneliese Michel erkennen. Der letzte bekannte Versuch, in Deutschland eine Psychose mit einem Exorzismus zu behandeln, ist gerade einmal 50 Jahre her. Auch wenn diese Beschreibung holzschnittartig ist, so ging es doch immer auch um die Definitionsmacht: Wer legt fest, was »normal« und was »krank« ist? Und auf welcher Basis?
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